[Rezension] Du wolltest es doch von Louise O’Neill

[Rezension] Du wolltest es doch von Louise O’Neill

Vorneweg vielen Dank an den Carlsen Verlag, die mir dieses Buch überraschend als Rezensionsexemplar zugeschickt haben. „Du wolltest es doch“ von Louise O’Neill ist kein leichter Lesestoff. Vermutlich hat es deswegen ein bisschen gedauert, bis ich dieses Buch beenden konnte. In dem Buch geht es um Vergewaltigung und Victim Shaming, weswegen ich hier eine Triggerwarnung aussprechen möchte.

Louise O’Neill: Du wolltest es doch


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  • Titel: Du wolltest es doch (eng. Asking for it)
  • Autorin: Louise O’Neill
  • Übersetzerin: Katarina Ganslandt
  • Verlag: Carlsen Verlag
  • Genre: Jugendbuch, Drama
  • 368 Seiten, Ebook: 12,99€ | gebunden: 18€
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Worum geht’s?
Emma ist in ihrer Clique die Hübscheste, fast alle Jungs drehen sich nach ihr um. Sie und ihre Mädels feiern Partys, checken Jungs ab und versuchen das langweilige Leben in der irischen Kleinstadt spannender zu gestalten. Erwachsen werden ist nicht leicht und unter der Oberfläche brodelt es bei allen. Alkohol, Jungsgeschichten, Parties – ganz normal. Doch als Emma eines Abends von einem Kerl eine kleine weiße Pille entgegen nimmt, ändert sich alles. Am nächsten Morgen wacht sie in zerissenen Kleidern vor ihrem Elternhaus auf. Sie kann sich an nichts erinnern, doch die Fotos und Geschichte die darauf von ihr kursieren, werden nicht so schnell vergessen.


Meine Meinung:

Das Buch beginnt seicht und oberflächlich. Wir lernen Emmas Mädelsclique kennen – reiche, priviligierte Mädchen, die sich aus Langweile betrinken und Herzen brechen. So scheint es. Bald wird aber klar, dass alle von ihnen Probleme haben. Dass alle Geheimnisse haben und leiden. Und dass sie nicht wie echte Freundinnen offen darüber reden können. Emma erzählt als Ich-Erzählerin in der Gegenwart von den Ereignissen und ihrer Familie. Wir sind in ihrem Kopf und bekommen all ihre Gedanken mit. Vor allem die schlechten. Wie sie über ihre „Freundinnen“ denkt, wie berechnend und kalt sie manchmal ist.

Das mag abschreckend und unsympathisch wirken und gleichzeitig wirkt es für mich real und nah. Nicht – weil ich mich sonderlich gut mit Emma identifizieren kann. Aber weil es zeigt, was für ein zerissener Mensch sie ist. Wie sehr sie ihre Fassade wahren will und doch nicht ausbrechen kann. Sie ist das hübsche und beliebte Partygirl – das kann sie, dessen ist sie sich sicher. All ihre anderen Eigenschaften sind in den Hintergrund getreten, irgendwann bevor die Geschichte beginnt. Ausgebrannt die Träume, erschreckend leer und pessimistisch. Einiges liegt im Dunkeln, anderes ist offensichtlicher – wie die kaltschnäuzige, oberflächliche Beziehung von Emma und ihrer Mutter.

Emma hat sich angepasst und ihr Herz in sich eingesperrt. Sie ist das traurige Produkt einer oberflächlichen Gesellschaft, einer Familie, die mit zwei Maßen misst, ein Kleinstadtmädchen in einem Korsett. Von allen Seiten wird sie auf ihr Äußeres reduziert. Vielleicht setzt sie es nicht zuletzt deswegen auch als Waffe ein. Um Jungs herumzubekommen, um sich stark und selbstsicher zu fühlen. Um eine Macht oder Sicherheit zu spüren, die sie sich durch keine andere Quelle mehr holen kann.

Das Mädchen

Die zweite Hälfte spielt ein Jahr nach dem Ereignis. Und von der Emma vom Anfang des Buches ist nicht mehr viel übrig. Wir erfahren, was in der Zwischenzeit passiert ist, wie die Charaktere es unterschiedlich verarbeiten. Was es mit ihnen macht. Es ist wesentlich fesselnder, wichtiger und schmerzhafter als die erste Hälfte. Das Wort „Mitleid“ bekommt eine neue Dimension, denn beim Lesen habe ich wirklich gelitten. Und ich hätte so viel sagen und machen wollen. War enttäuscht, als es niemand gesagt oder gemacht hat. Es war berechenbar, aber doch grausam.

Mehr als die erste Hälfte, hat mich die zweite Hälfte emotional am Schopf gepackt. Meine eigene Moral hinterfragt. In meiner Teenagerzeit war ich das graue Mäuschen – ich war in dem Sinne eine Ali, und vielleicht hätte ich ebenso eklig reagiert wie manche von Emmas Klassenkameradinnen.

Ich hab mir oft gewünscht, ich wäre das schöne, begehrte Mädchen, das Drinks ausgegeben bekommt. Das angetanzt und von Jungs umschwärmt wird. „Sei doch froh über die Aufmerksamkeit“ habe ich damals gedacht. Und erst viel später gemerkt, wie eklig sich das anfühlen kann, wie widerlich es ist, als Stück Fleisch gehandelt zu werden. Die Diskussionen, die Entwicklungen auf Facebook und Twitter. Die Zeitungsbericht, die Dreistigkeit der Medien, die in dem Buch dargestellt werden. All das ist so real, dass es wehtut.

Dass die Leute zuerst hinterfragen, was es mit den Angeklagten macht, nicht mit den Opfern. Dass es darum geht, Leben zu ruinieren. „Du wolltest es doch“ – der Titel sagt es schon.

Aber es ist wichtig und nötig, dass wir uns das bewusst machen. Dass wir unsere eigene Sozialisation, unsere Urteile und Meinungen hinterfragen. Und so vielleicht dafür sorgen, dass – wie die Autorin es sich im Nachwort wünscht – keine solchen Fälle mehr gibt.

*Spoiler* (Markiere um zu lesen)

Das Ende lässt mich ziemlich zerknittert zurück. Die Geschichte fühlte sich real an und ich kann Emma am Ende der Geschichte sehr gut verstehen. Die Reaktionen der Figuren im Buch sind teilweise wirklich widerlich und es fühlt sich so real an. Weil es vermutlich so schon passiert ist.

Und es widert mich so sehr an, dass – egal ob Vergewaltigung oder nicht – scheinbar niemand den bloßen Akt diese Fotos von Emma online zu stellen, verurteilt. Die widerlichen Hassmails, das widerliche Verhalten von Emmas Eltern. Dass irgendwo auch nachvollziehbar ist? So etwas zu lesen tut weh. Es ist Fiktion, aber es tut trotzdem weh.

Ich glaube, ich hätte gerne noch eine Aussprache mit den Freundinnen gelesen. So ist es wirklich hoffnungslos und zermürbend, da niemand sich wirklich mit Emma auseinandersetzt.

*Spoiler Ende*

Mein Fazit:

Das Buch zeigt ungeschönt das Innenleben einer jungen Frau, die kaltblütig geworden ist und die unnahbar und unsympathisch wirkt. Das macht sie aber in meinen Augen echt und ehrlich, denn ihre Geschichte hat sie geformt. Es ist eine Geschichte, die es so ähnlich oft auf der Welt geben wird. Die in diesem Buch eine schreckliche Wendung erhält. Einiges bleibt im Dunkeln, vieles ungesagt. Das Buch ist für mich realistisch und dadurch umso grausamer. Auf den ersten Blick geht es vielleicht „nur“ darum, dass auch freizügige Mädchen genauso wenig Schuld an einer Vergewaltigung haben, wie graue Mäuschen.

Aber zwischen den Zeilen kann man viel mehr herauslesen, über unsere Gesellschaft und über das Heranwachsen. Es tut richtig weh, gerade die zweite Hälfte ist wie ein großer Splitter. Dieses Buch ist wichtig. Jedoch würde ich es nicht unkommentiert Jugendlichen zu lesen geben. Allerdings finde ich es – wie bereits The Hate U Give oder Dumplin‘ – sehr gut, wenn es vielleicht Einzug in den ein oder anderen Deutschunterricht hält.

So wichtig das Thema auch ist, so wichtig ich die Geschichte und Protagonistin Emma fand – den Schreibstil, die wiederholten Stilmittel und die Erzählweise fand ich stellenweise etwas zäh und langatmig. Die zweite Hälfte war fesselnder, spannender und das Ende hat zu dieser Geschichte gepasst. Wer eine leichte Lektüre, eine mutmachende Geschichte lesen möchte, der sollte dieses Buch nicht anrühren.

Weitere Meinungen:

 


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