Kategorie: Psychologie

Hass, Shitstorms und Kommunikation

Hass, Shitstorms und Kommunikation

Hass, Shitstorms und Kommunikation

Wodurch entstehen Konflikte? Hauptsächlich durch gestörte Kommunikation oder konkurrierende Bedürfnisse.

Die Diskussionskultur im Internet, auf twitter, Facebook und in den sozialen Medien, wird rauer. Trolle, Menschenhasser und verschiedene Meinungen treffen aufeinander. Gefühle, verletzter Stolz, Missverständnisse. Jemand äußert seine Sicht der Dinge und jemand anderes fühlt sich persönlich angegriffen.

Blockieren. Lästern. Follower von der Leine lassen.

Dadurch dass viele Konflikte heute öffentlich ausgetragen werden, das Internet nicht vergisst und dennoch schnelllebig ist, bleiben Äußerungen schwarz auf weiß stehen. Werden ausgespuckt, ohne zu überdenken. Gerade bei twitter, wo mit 280 Zeichen zwar mehr Platz als früher ist, doch Missverständnisse so leicht entstehen.

Gerade für Leute, die sich für Minderheiten einsetzen, die als Sprachrohr für Angehörige des LGBTQ+ Spektrums oder diskriminierten Menschengruppen dienen, bekommen es oft dicke. Feminist*innen, die sich untereinander bekriegen, wenn sich im Ton vergriffen wurde oder ein Statement diskriminierend ist.

Differenzierung?

Als Person, die weder von Diskriminierung noch von ständigen Wellen von Lästereien und Hass betroffen ist, scheint es natürlich sehr bequem, von meiner Warte aus über Kommunikation zu reden.

Ja, mein Postfach ist nicht voll von Hass und Trollen.

Dennoch fällt mir auf, dass die „Zero Tolerance Policy“ zunimmt. Dass oft nicht mehr zwischen Trollen und Diskussionsgegnern unterschieden wird. Natürlich hat jeder das Recht jeden zu blocken – dafür braucht es keine triftigen Gründe.

Aber oft geschieht Folgendes: Jeder, der ein Gegenargument bringt, der kritisch hinterfragt, wird niedergemäht.

Prominente Personen oder Personen des öffentlichen Lebens werden bei einer unglücklichen Aussage von allen Seiten mit Hass und Missgunst bombardiert. Es wird angegriffen, die verbale Knarre gezogen, bevor man nachfragt.

Das hat natürlich auch damit zu tun, dass manche Personen absolut unreif und unverständnisvoll auf Kritik reagieren: „Ich kann gar nicht rassistisch sein, der Dönermann von nebenan mag mich.“ o.Ä.

Gleiches gilt für das Schnellschießen auf Überschriften oder Captions – oftmals wird im Artikel nämlich genau erklärt, was gemeint ist. Erst lesen, dann denken, dann antworten.

Es ist nicht die Verantwortung von Minderheiten und/oder Betroffenen, anderen Personen zu erklären, warum etwas rassistisch, ableistisch oder xy-feindlich ist!

Zweite Chance?

Ich verstehe, die Ungeduld, die Ermüdung, wieder und wieder ähnliche Äußerungen von priviligierten Personen zu lesen. Derselbe Mist, obwohl wir dieselben Predigten gefühlt schon 100 Mal gehalten haben.

Jedoch, würde ich mir wünschen, dass wir öfter nochmal innehalten – was will ich? Will ich, dass diese Person nachdenkt, sich weiterentwickelt? Oder will ich sie durch einen bissigen Kommentar verprellen, durch einen Block im Unklaren lassen?

Durch unsere Filterbubble, die sich jeder selbst durch Selektion und Gegenanziehung auswählt, sind wir und diese Bubble für ähnliche Themen sensibilisiert, haben sich ausführlich mit gewissen Themen beschäftigt und sich Meinungen und Argumente für gewisse Standpunkte zurechtgelegt.

Maxi und die Schokolade

In der Psychologie gibt den „Maxi und die Schokolade“ Versuch. Kinder ab ca. 4-5 Jahren können diese Aufgabe „false belief task“ lösen. Der Versuch ist banal. Anhand von Spielfiguren wird eine Szene gezeigt:

Mama und Maxi kommen vom Einkaufen zurück. Maxi sieht, wie Mama die Schokolade in die grüne Schublade packt. Dann geht er raus zum Spielen. Mama backt einen Kuchen und nimmt dazu die Schokolade. Sie packt sie aber in die blaue Schublade. Maxi kommt vom Spielen zurück – wo wird er die Schokolade suchen?

Bis zum Alter von 4-5 Jahren geht man von einer kindlichen egozentrischen Sicht aus. Es wird nicht zwischen Eigen- und Fremdwissen unterschieden. Als Beobachter*in der Szene wissen wir, dass die Schokolade nicht mehr in der grünen Schublade ist. Wir wissen also, dass Maxi ein anderes Wissen hat als wir. Diese Entwicklung nennt sich „theory of mind“.

Trotzdem scheint es mir manchmal so, dass wir im Internet oft voraussetzen, dass andere sich in gewissen Themenbereichen auch schon weitergebildet haben. Dass sie das doch getan haben „müssten“!

„Die Menschen sind nicht böse, die Menschen sind nur dumm.“ – Alligatoah (Musik ist keine Lösung)

Gewaltfreie Kommunikation

Gewaltfreie Kommunikation von Marshall Rosenberg ist ein spannendes, interessantes, aber auch idealistisches Buch. Es beinhaltet die Philosophie, dass es keinen Konflikt gibt, den man nicht durch aktives Zuhören und entsprechende Gesprächstechniken lösen könnte. Daran glaube ich weniger, auch wenn mir die optimistische Grundhaltung des Buches als oller Träumerin gut gefällt.

Hä? Ich kommuniziere doch gewaltfrei, du Arsch!

Ein wichtiger Punkt sind „Pseudo-Gefühle“ – Gefühle, die Vorwürfe enthalten und so das Gegenüber in eine Rechtfertigungs- bzw. Verteidigungshaltung drängen.

Rosenberg hält es für immanent wichtig, bei sich zu bleiben. Bei aktuellen Situationen. Dass man von sich spricht und nicht von anderen Situationen, Momenten.

Zu den Pseudo-Gefühlen zählen „verraten, hintergangen, überrollt, ausgeschlossen, diskriminiert“. Vor allen kann man im Deutschen sagen „Ich fühle mich…“ und doch beinhalten diese Worte die Handlung einer anderen Person. Nach Rosenberg müsste es stattdessen heißen, „Ich fühle mich traurig, wütend, einsam etc. wenn ich das Gefühl habe verraten/ausgeschlossen etc. zu werden.“

Er spricht viel davon, nachzufragen, so lange zu bohren, bis man den Kern und die Absicht der Aussage der anderen Person verstanden hat. Das ist ermüdend und bei Weitem nicht bei jedem Gespräch sinnvoll. Trolle laben sich an Aufmerksamkeit und Energie.

Es geht immer darum, ob mir die Beziehung etwas wert ist. Ich verstehe, jeden der genervt ist, der nicht ständig erklären, rechtfertigen und sich vergewissern möchte, was das gegenüber will.

Aber durch die schnelle, verurteilende Kommunikation sinkt die Wahrscheinlichkeit eines Austausches, der Gewinn für alle Parteien bringt. Die Chance, sich weiterzuentwickeln, die Chance einer möglichen guten Beziehung.

Jeder hat das Recht darauf, nicht zu kommunizieren, sich seine*ihre Bubble auszusuchen.

Hass zermürbt

Ich wünsche mir, dass wir Mutuals stärken und stützen. Positiven Beispielen und Aktionen mehr Aufmerksamkeit schenken. Freundlicher, wohlwollender miteinander umgehen.

Es ist wichtig, Negatives aufzuzeigen,. Missstände anzuklagen und aufzuzeigen. Fehler und Verletzendes zu kritisieren und zu bemängeln. Aber oft wird darüber scheinbar vergessen, dass Menschen dahinter stecken. Hass zermürbt.

Und auch die Beschäftigung mit Hatern, Trollen und allem Negativen zermürbt auf Dauer. Denn es ist ein Kampf gegen Windmühlen, jedem einzelnen Wicht die Welt erklären zu wollen (das gilt vor allem für Nazis, Rechtsextremistn usw.).

Aber: Nicht hinter jeder Person steckt ein Feind, jemand der Böses will. Nicht jeder Fehltritt, jede unbedachte Äußerung ist stellvertretend für die ganze Persönlichkeit.

Und ich glaube daran, dass Veränderung bei einem selbst beginnt. Ich wünsche mir eine weltoffene, freundliche Umwelt, also bemühe ich mich ebendies zu sein. Außerdem möchte ich nicht, dass rechte Idioten andere mit ihrem Charisma einlullen und Verständnis heucheln. Ich möchte bestimmt gegen Hass und Intoleranz vorgehen. Und ich möchte anderen zeigen, dass Konflikte sich lösen und verhindern lassen, wenn wir bei unserer Kommunikation ein bisschen mehr aufpassen.

Wenn wir bei anderen Menschen jedes Wort auf die Goldwaage legen, sollten wir das mit unseren eigenen Worten vielleicht auch tun?

Fazit

Ich habe nicht das Recht und ich will auch nicht, belehrend mit dem Finger auf irgendjemanden zeigen. Dennoch würde ich mir wünschen, dass wir in unserer Kommunikation öfter innehalten, uns einen Moment Zeit nehmen. Nicht mit Messern und Mistgabeln auf jemanden losstürzen, der einen Fehler macht. Zweite Chancen geben. Uns weniger an den Fehlern und Versäumnissen anderer aufhängen und mehr auf das blicken, was sie gelernt und verbessert haben. Nicht unbedacht öffentlich Personen bloßstellen, weil sie sich kritisch äußern. Ein bisschen mehr Rücksicht aufeinander nehmen, denn es gibt genug Hass in der Welt.

Gezeichnet,

eine hoffnungslos verträumte Idealistin


Titelbild Andre Hunter // Unsplash
Weißkittelphobie? Ärzte und Psychiater in der Literatur

Weißkittelphobie? Ärzte und Psychiater in der Literatur

Weißkittelphobie? Ärzte und Psychiater in der Literatur

 

Da ich selbst Psychologie studiere und Psychotherapeutin werden will, kämpfe ich nicht nur gegen die hartnäckigen Vorurteile rund um psychische Erkrankungen, sondern auch gegen die Vorbehalten gegenüber Psycholog*innen, Psychiater*innen und Ärzt*innen. Mit der „Weißkittelphobie“, genauer gesagt dem „Weißkittelsyndrom“, gibt es sogar den wissenschaftlichen Beweis, dass allein das charakteristische Kleidungsstück den Blutdruck höher treiben kann. Da muss der Onkel Doktor noch nicht mal die Spritze zücken, damit es den Patient*innen Angst und Bange wird.

Zahnarztbesuche – unangenehm, für manche Leute ist der jährliche Kontrolltermin mit Panikattacken verbunden oder nur in Begleitung oder Vollnarkose auszuhalten. Viele Menschen meiden Krankenhäuser, Arztpraxen wirken seltsam steril und die gelegentlichen Schreie und Horrorgeschichten über die lokale „Irrenanstalt“ sorgen für den Rest.

Warum verspüren wir Angst oder Unbehagen?

Einerseits hat es etwas mit dem Beruf an sich zu tun. Krankheiten, Tod, Blut, Verletzungen, Leidensgeschichten. Was Ärzte und Pflegepersonal tagtäglich mitansehen müssen, strapaziert die Nerven. Es sind Schicksale, die mit dem Krankenwagen eingeliefert werden, Schicksale, die stundenlang in Notoperationen zusammegeflickt werden und Schicksale, die mit niederschmetternden Diagnosen klarkommen müssen. Anders als bei einem Friedhof – wo der Drops gelutscht, der Frieden wiederhergestellt ist – geht im Krankenhaus das Leben ab. Der Kampf, das Drama, all die Gefühle. So etwas färbt einen Ort sicherlich.

Damit die Behandlung gut läuft, müssen die Arbeitenden auch abliefern. Mit kühlem Kopf, professionell und sauber Arbeiten. Blutbad beseitigen, Leiche weg, nächster Patient. Diese Hektik, der Prozess und die fehlende Zeit für Wehklagen, Trauer oder Wut wirkt befremdlich. Dabei ist es eine der größten Leistungen von Pflegepersonal und Ärzt*innen! Gefühle eben aufzuschieben und nicht zu heulen, während man den nächsten Patient behandeln muss. Gefühle aufschieben, nicht wegschieben.

Trotzdem hat es etwas Gruseliges, dieser präzise getaktete Ablauf eines Krankenhauses. Die sterile, unpersönliche Fassade.

Macht und Hilflosigkeit

Wie viele andere Ängste auch, fürchten wir Menschen vor allem, was wir nicht beeinflussen und kontrollieren können. Unsere Gesundheit, unser Todeszeitpunk. Wir können vieles zur Prävention oder Vorbeugung tun, aber Schicksalsschläge kommen aus dem Nichts. Als Behandelnde haben Ärzt*innen und Kolleg*innen jedoch Wissen, Mittel und demnach auch Macht, diese zu beeinflussen. Unser Wohlbefinden, unser Leben, liegt buchstäblich in ihren Händen.

Sie haben (scheinbar) die Macht uns umzubringen, unseren Tod zu vertuschen, uns für unzurechnungsfähig zu erklären und in die Klapse einzuweisen. Wem glaubt man im Zweifelsfall eher? Dem weißen Kittel.

Mit diesem Motiv habe ich tatsächlich auch in meinem eigenen Projekt „Save Our Souls“ gespielt. Als Kind ist Victoria in einer Klinik den Psychiatern, die übermenschliche Fähigkeiten erforschen und züchten wollen, hilflos ausgeliefert. Dabei wollte ich eigentlich vermeiden, ein so negatives Bild von Kliniken zu zeichnen! Deshalb habe ich auch einen Gegenpol eingebaut, denn Victoria gelingt es nur mit der Hilfe einer fähigen Psychologin ihr Traum zu bewältigen. Das ganze spielt lange vor den Ereignissen meiner Bücher. Gilt das als Spoiler? Ups!

Little Albert, Milgram, Stanford Prison Experiment, die Stoffmamas etc.

Gerade die Psychologie kann sich nicht mit Ruhm bekleckern, so sind doch einige der berühmtesten Experimente mindestens moralisch bedenklich. So wurde am jungen Albert die Entstehung von Angsterkrankungen untersucht, indem man ihm die Angst vor Nagetieren ankonditionierte (Watson & Rayner, 1920).

Harlow untersuchte bei Affenbabys das Bindungsverhalten, indem die Präferenz für eine Stoffmutter oder eine Drahtmutter getestet wurde. Auch, wenn es die Nahrung bei der Drahtmutter gab, kuschelten sich die Affen an die Stoffmutter – was beweist, dass die Bindung eines Kindes an seine Mutter eben nicht nur durch die Versorgung mit Nahrung begründbar ist. Eine wichtige Erkenntnis, die viele Äffchen traumatisiert oder sogar tot zurückgelassen hat (Harlow, 1957). Tierexperimente sind leider auch in der Psychologie immer noch häufig.

Ebenso berüchtigt sind das Stanford Prison Experiment (Zimbardo, 1971), indem Probanden in „Wächter“ und „Insassen“ aufgeteilt wurden oder das Milgram Experiment(Milgram, 1961), in dem Probanden Elektroschocks verteilen sollten. Beide setzten sich mit dem Einfluss von Macht und Authorität auseinander und sorgten neben interessanten Erkenntnissen glücklicherweise auch für Richtlinien für psychologische Studien.

Beispiele aus Literatur & Medien

 

Psychiatrie-Horror

Die zweite Staffel American Horror Story „Asylum“ spielt in einer Anstalt in den 50er-60er Jahren, wo die Behandlung von psychischen Erkrankungen noch nicht sehr weit entwickelt und teils sehr rabiat war. Sowohl die Behandlungsformen (Elektroschocks, Schläge mit dem Gürtel, Drogen, Lobotomie) als auch die Ärzte und behandelnden Nonnen sind grauenhafte Albtraumgestalten. Sie benutzen ihre Macht, um Insassen zu quälen und zu züchtigen. Heilung? Liebe? Respekt? Fehlanzeige!

Hannibal Lecter, der wohl bekannteste Kannibale, ist/war von Beruf Psychiater, der seinen Beruf und seine Expertise benutzt hat, um sich sein täglich „Brot“ zu verdienen.

Auch in Filmen wie „Verrückt“ mit Wynona Ryder und Angelina Jolie oder „Einer flog übers Kuckucksnest“ mit Jack Nicholson sieht der Psychiatrie Alltag ziemlich chaotisch und düster aus. Lichtblicke gibt es bei „Veronica beschließt zu sterben“ von Paulo Coelho.

Die traurige Wahrheit ist, dass es in den frühen Zeiten der Psychiatrie oft harsch zu ging – weil man es einfach nicht besser wusste. „Verrückte“ waren Ausgestoßene, die ruhiggestellt werden sollten. Es gab kaum Gesprächstherapie, kaum Verständnis und dennoch waren die meisten Behandler*innen wohl keine Horrorgestalten. Dennoch prägen diese teilweise wahren Begebenheiten die Folklore und dienen gerne als Motiv für Gruselgeschichten, Horrorfilme und -videospiele.

Dr. Harleen Frances Quinzel

Harleen Quinnzel behandelte den Joker, verliebte sich und wurde ihm zuliebe zur berüchtigten Harley Quinn. Je nach Comic-, Serien oder Filmadaption wird „ihre Entstehung“ anders beschrieben. In „Suicide Squad“ springt sie für den Joker in einen Bottich mit Chemikalien, ein ander Mal erhält sie ihre besonderen Kräfte durch ein Serum von Poison Ivy. Sie ist eher für ihre Person bekannt, als ihre Funktion als Psychiaterin. Dennoch verhilft sie dem größten Feind Batmans zur Flucht, indem sie ihre Position ausnutzt.

Dr. House

Dr. House ist ein unkonventioneller, ruppiger, aber brillianter Zeitgenosse aus der gleichnamigen Serie. Er ist durchaus ein Antiheld, durch seine schräge und direkte Art und seinen Medikamentenabusus. Zudem ist er auch in zwischenmenschlichen Beziehungen sehr manipulativ und lässt sich nicht gerne helfen. Dennoch würden sich viele von seinen Kollegen und auch wir als Zuschauer*innen in seine Behandlung begeben, mit dem Wissen, dass er die größten Chancen hat, uns zu heilen.

Dr. Malcolm Cowe

Gespielt von Bruce Willis in „The Sixth Sense“ ist Dr. Malcolm Cowe ein engagierter und liebevoller Kinderpsychologie, der sich um den jungen Cole kümmert, der angeblich Geister sehen kann. Während sein eigenes Leben aus den Fugen gerät, gelingt es ihm zumindest, Cole zu unterstützen.

Kriminalromane & Thriller

Kay Scarpetta ist Ärztin und Forensikerin und ermittelt in den Büchern von Patricia Cornwell. Sie ist perfektionistisch und diszipliniert, arbeitet für das Gute. Ihr scharfer Verstand und ihr kühler Kopf helfen ihr bei der Lösung von Kriminalfällen und machen sie zu einer spannenden Heldin.

In Sebastian Fitzeks Büchern tummeln sich allerlei Ärzte und Psychiater. So ist in „Das Paket“ Psychiaterin Emma Stein das traumatisierte Opfer, Dr. Roth hingegen kühl und berechnend. Psychologische Themen sind spannend und dienen vielen (Krimi-)Autor*innen als Motiv. Es wird mit Wahrnehmung, Fiktion und Realität gespielt und eben dem Machtmotiv. Wenn selbst Fachfrauen wie Dr. Emma Stein sich unsicher sind, ob es eine Halluzination oder echt ist, wie sollen wir das dann als Leser*in wissen? Das sorgt für Hochspannung!

Meine Beobachtung:

Während Ärzt*innen oftmals auch eine Heldenrolle einnehmen, sind Psychiater*innen und Psycholog*innen oftmals entweder böse oder zumindest unfähig. „Gute“ Psychiater*innen und Psycholog*innen sind zumindest in den populären Werken noch selten. Trotzdem haben auch Ärzt*innen noch ein Imageproblem: Hyperintelligent, sozial eher nicht so kompetent, oft abhängig von Medikamenten oder Drogen.

Während bei Ärzt*innen der Berufsalltag durchaus im Vordergrund stehen kann, geht es bei Psycho-Docs eher um Geheimnisse, Kriminalfälle oder gestörte Wahrnehmungen. Die Narrative gleichen sich, aber Geschichten um psychische Gesundheit werden oft düsterer und hoffnungsloser gezeichnet. Ich mache mir jedenfalls öfter Gedanken über dieses Thema und die Repräsentation in den Medien. Auch deshalb sind mir Bücher wie die von Irvin D. Yalom oder Lena Kuhlmann wichtig. Deshalb liegen mir Blogbeiträge und Infos zu „meinem“ zukünftigen Beruf so am Herzen. Um zu zeigen, dass es eben nicht nur düster-manipulative Quacksalber*innen gibt.

Was denkt ihr zu diesem Thema? Habt ihr andere Beispiele?


Beitragsbild Piron Guillaume // andere Bilder von Unsplash

[Rezension] Psyche? Hat doch jeder! von Lena Kuhlmann

[Rezension] Psyche? Hat doch jeder! von Lena Kuhlmann

Eine bloggende Psychotherapeutin? Irgendwie schäme ich mich ja schon, dass ich noch nicht früher über Lena Kuhlmann von freudmich gestolpert bin. Im Urlaub hat mir eine Bekannte von dem Buch vorgeschwärmt:

„Sag mal, Babsi, du studierst doch auch Psychologie, oder? Was hältst du von diesem Buch? Ich fand das soooo toll!

Ich habe mir den Klappentext durchgelesen, ein bisschen reingeblättert und war ziemlich angetan. Ein Psychologie Buch? Von einer jungen Autorin? Nicht über-esoterisch? Nicht reißerisch gegen Internet oder die Jugend von heute? Heureka!

Kaum war ich zuhause, flatterte auch schon eine Mail von der bezaubernden Anabelle (Stehlblüten) herein, die bei Eden Books ein Praktikum macht und bei dem Buch an mich denken musste. So habe ich dann ein Rezensionsexemplar und ein Buch zum Verlosen bekommen. Dankeschön!

Warum zur Hölle auf dem Bild oben eine Banane liegt und wie ihr ein Exemplar von diesem Buch gewinnen könnt, verrate ich euch am Ende des Beitrags!

Lena Kuhlmann: Psyche? Hat doch jeder!


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  • Titel: Psyche? Hat doch jeder
  • Autorin: Lena Kuhlmann
  • Verlag: Eden Books
  • Genre: Sachbuch, Psychologie
  • 256 Seiten, Ebook: 12,99€ | Paperback: 16,95€
  • auf amazon* anschauen

 

Worum geht’s?
Psychotherapeutin und Bloggerin Lena Kuhlmann will aufklären, hartnäckige Vorurteile aus der Welt schaffen und informieren. Über Psychotherapeuten, Depressionen, psychische Erkrankungen und alles drumherum. Liegt man apathisch und auf der Couch und spricht nur von seinen Eltern? Denkste! Wie spannend und vielseitig Psychologie ist und warum Schokolade zwar lecker ist, aber eben leider keine Depressionen heilt – all das erklärt Lena Kuhlmann in diesem Buch.


Meine Meinung:

Vorneweg: Ich fange in ca. einem Monat meinen Master in Psychologie an – für mich standen in dem Buch fast ausschließlich Dinge, die ich schon wusste. Für die meisten mag das Buch aber vor allem neue Erkenntnisse und Aha-Effekte beinhalten. 😉

Wir beginnen mit den Basics: Wie ist die Psychologie entstanden, welche Richtungen gibt es und wie unterscheiden die sich. Im zweiten Themenbereich geht es um Psychotherapeut, Psychologe, Psychosomatiker, Heilpraktiker. Behandlung mit oder ohne Medikamenten, Hilfe für Betroffene und Angehörige und die gängingen Krankheitsbilder. Zum Schluss gibt es noch einen Blick hinter die Kulissen der Psychotherapeuten.

Was mir besonders gut gefällt: Neben den Klassikern – Freud, Piaget, Bandura – bezieht Lena Kuhlmann auch soziale Medien, aktuelle Studien und Entwicklungen mit ein,  ohne sie zu verurteilen (wie es Manfred Spitzer gerne tut). Hintergrundwissen und Studien finde ich auch bei Sachbüchern unverzichtbar.

Für mich ist das einfach ein Zeichen von Qualität, denn viele Bücher rund ums Thema Geist und Gehirn sind gerne mal esoterische Meinungsbilder ohne wirkliche Fakten. In diesem Buch finden wir stattdessen Fachwissen, Fakten, angereichert mit persönlichen Erfahrungen aus dem Psychotherapie-Alltag.

Du psycho, ich psycho, alle psycho.

Nicht zu ausführlich und doch ausführlich genug werden die verschiedenen Therapierichtungen, die Geschichte der Psychologie und einzelne Krankheitsbilder beleuchtet. Das Buch dient als Überblick und schneidet die meisten Themen nur an. Zwar verstecken sich viele Weisheiten, hilfreiche Gedankenanstöße und einige Therapieansätze darin, aber wer sich genauer über ein bestimmtes Störungsbild informieren will, der muss noch weitere Bücher kaufen.

Dieses Buch sagt alles, was ich in meiner Litcamp Session angesprochen habe, nochmal geordneter, ein bisschen ausführlicher und kompakt zum Nachlesen. Im Bachelor Psychologie hat man unter anderem Wahrnehmungspsychologie, Motivation & Emotion, Entwicklungspsychologie, Psychopathologie, Gesundheitspsychologie und klinische Psychologie. Papageno-Effekt, Werther-Effekt, Übetragung, Kleiner Albert… Alle diese Bereiche werden im Buch zumindest angeschnitten und einige Worte dazu gesagt. Das finde ich für ein Buch mit knapp 256 Seiten echt beachtlich! (Lena Kuhlmann kann sich definitiv kürzer fassen als ich, hihi!)

Serotonin beim Lesen!

Und deswegen macht mich dieses Buch auch so rundum zufrieden und glücklich. Als Betroffene von Depressionen und Psychologie Studentin kann ich dieses Buch guten Gewissens absegnen und weiterempfehlen. Denn es klärt auf und baut Vorurteile ab, räumt mit Missverständnissen auf und gibt genug Einblick in die Marterie um ein Grundgefühl zu bekommen.

Dazu ist es schön gestaltet, sinnvoll und übersichtlich in kleine Wissenshäppchen gegliedert und gut geschrieben. Neben vollendeten Tatsachen gibt Lena Kuhlmann kein Allheilmittel – denn das gibt es nicht – sondern gibt viele Gedankenanstöße.

Da ich auch schon viele fragwürdige Bücher von Psycholog*innen gelesen habe bzw. seltsame Meinungen und Persönlichkeiten getroffen habe, bin ich zuversichtlich, dass Lena Kuhlmann mit ihrem Buch und ihrem Blog gute Arbeit leistet. Hirn, Herz und Gefühle stehen in diesem Buch im Vordergrund, nicht die Person hinter dem Buch.

Außerdem teile ich viele Ansichten der Autorin – denn sie schreckt nicht davor, auch ganz klar die Probleme beim Namen zu nennen: Die ewig langen Wartezeiten, die miesen Bedingungen bei der Ausbildung zum Psychotherapeuten. Genauso wie sie wünsche ich mir, dass die Menschen irgendwann so selbstverständlich und regelmäßig zum Psychologen gehen können wie zum Hausarzt. Denn immer erst dann helfen, wenn es eigentlich schon richtig schlimm ist – da sind wir uns wohl alle einig – ist nicht so prickelnd. Auch VR Brillen zur Angstexposition kann ich mir gut vorstellen!

Versprochen ist versprochen

Kommen wir nun zum Hintergrund des doch leicht befremdlichen Fotos und zum Gewinnspiel!

Schrauben locker? Nicht mehr alle Tassen im Schrank? Vollkommen Banane? – Ja, die Gegenstände auf dem Foto wirken neben dem Buch auf den ersten Blick etwas deplatziert und willkürlich. Andererseits haben wir ziemlich viele Synonyme fürs „verrückt sein“ – aber hey, wer von euch würde sich als vollkommen normal bezeichnen?

Außerdem ist die Bananen tatsächlich ein kleiner Insider für alle, die in Bamberg studieren und die Vorlesung bei Professor Carbon besuchen. Seine Folien zur Gestaltpsychologie inklusive mühevoll ausgewählter Schnappschüsse von Bananen (wegen dem nervigen Copyright bei Stockfotos etc!) sind wohl legendär. Banane im Dunkeln, Banane hinterm Wasserglas, Banane von oben, Banane in rot, Banane in schwarz-weiß… Liebe Grüße an dieser Stelle!

Das Gewinnspiel ist diesmal exklusiv auf Instagram zu finden!

Fazit:

Danke Lena Kuhlmann! Dieses Buch war dringend überfällig. Verständlich, unterhaltsam, kompakt – die wichtigsten Basics, das wichtigste Wissen über psychologische Grundlagen in einem schmucken Buch verpackt. Ich würde mir wünschen, dass dieses Buch zum Kanon gehört. Jedenfalls, wenn ich mir die Leute anschaue, die noch Witze über Suizide machen oder Menschen mit psychischen Erkrankungen raten „Sie sollen sich zusammenreißen“.

Allgemeinwissen für jeden. Jeeeeeeedeeeeen. Ja, auch für dich. Wer sich schon mit Psychologie und psychischen Erkrankungen auseinandergesetzt hat oder gar Psychologie studiert, der wird in dem Buch eher bestätigend nicken und laut „Ja“ ausrufen, als Neues zu lernen. Aber das ist auch mal ganz schön. Volle Punktzahl von mir für dieses Buch!

Zusätzlich möchte ich mich dem Ende des Buches anschließen und diesen Beitrag nicht mit einem Punkt, sondern mit einem Zeichen der Mental Health Bewegung und der Hoffnung abschließen ;

Weitere Meinungen:


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World Suicide Prevention Day 2018

World Suicide Prevention Day 2018

Heute, am 10.09 ist World Suicide Prevention Day 2018.  CN/TW: Suizid.

Gemeinsam mit einigen lieben Blogger*innen habe ich eine Reihe von Beiträgen, Videos und Interviews für euch vorbereitet (Alle Links und Teilnehmer findet ihr weiter unten). Wie man Betroffenen helfen kann, was uns glücklich macht und am Leben hält, …

Warum? Weil Statistiken¹ zufolge jährlich mehr Menschen durch Suizid versterben als durch Autounfälle, Drogen und HIV zusammen. Das umfasst nur die nachweisbaren Fälle. Weil die Wartezeit auf einen Therapieplatz um die sechs Monate beträgt. Weil es viele Menschen gibt, die an psychischen Erkrankungen leiden.

Das ist auch ein persönlicher Beitrag. Und ich will es aufschreiben – für mich und für diejenigen da draußen, die leiden. Und die vielleicht gerade gedanklich eine Pro & Contra Liste für ihr eigenes Leben aufstellen.

Wann hatte ich das letzte Mal Suizidgedanken?

Vor vier Tagen.

Passive vs. aktive Suizidgedanken

Man unterscheidet in der Fachsprache gerne in aktive und passive Todesgedanken. „Passive Todesgedanken“ z.b. „Ich wünschte, ich könnte 1 Jahr schlafen“, „Ich kann nicht mehr“, „Wo ist der Pauseknopf für mein Leben?“, „Kann mich bitte jemand erschießen?“ sind verbreitet. Sie treffen vermutlich jeden Menschen, mal öfter, mal weniger. In der Regel ziehen sie wie Wolken vorbei. Wenn sie jedoch als hartnäckiges Tief hängen bleiben oder anfangen zu rumoren, sollte man etwas gegen sie unternehmen.

„Aktive Todesgedanken“ hingegen beinhalten konkrete Pläne. Man überlegt sich, was man in einen Abschiedsbrief schreiben würde, welche Methode man wählt, welchen Tag, welchen Zeitraum. Sie sind oft bildlicher, drängen sich auf und sind laut und überdecken jede andere Lösungsmöglichkeit. Spätestens dann wird es höchste Zeit, sich Hilfe zu holen

Suizidgedanken sind u.a. ein Symptom von Depressionen. Ich leide seit ca. 2015 an wiederkehrenden leichten bis mittelschweren Episoden. Bei mir waren diese aktiven Todesgedanken der Auslöser mir Hilfe zu suchen. Denn sie haben mir Angst gemacht. Hätte ich länger gewartet, hätte ich vielleicht keine Angst mehr gehabt, sondern die „Scheuklappen“. Jemand, der sich fest entschlossen hat, sich umzubringen, den kann man nur schwer aufhalten. Weil irgendwann dieser Punkt kommt, an dem man abschließt. An dem man alle anderen Lösungen, Möglichkeiten und Alternativen verwirft. Weil alles egal wird.

Was mir hierbei wichtig ist – das ist kein willentlicher Prozess. Ich verstehe, wenn Menschen wütend sind, kein Verständnis zeigen, wenn sie demjenigen die Schuld geben wollen, der durch Suizid verstorben ist. Aber die Person ist an dieser Stelle in der Regel nicht mehr sie selbst.

Bilanzsuizid

Als „Bilanzsuizid“ würde man die willentliche Entscheidung aus dem Leben zu scheiden bezeichnen. Menschen, die in die Schweiz oder andere Länder reisen, um dort selbstbestimmt – aufgrund unheilbarer Krankheiten und ihrer Leidensgeschichte – ihr Leben zu beenden. Oder irgendwann Medikamente und Essen verweigern.

Die gesellschaftliche Stigmatisierung und Tabuisierung aller Themen, die mit Tod oder Leid zu tun haben, wirkt meiner Meinung nach mit ein. Wer hat denn überhaupt das „Recht“ sein Leben zu beenden? Es hat etwas damit zu tun, dass jeder Mensch versteht, dass man sich mit einer Grippe krankmeldet. Aber, dass nicht jeder einsichtig ist, wenn man sich mit einem depressiven Einbruch krankmeldet.

„Wie kann ein gesunder/junger/erfolgreicher Mensch sein Leben beenden? Unverständlich! So jemandem „darf“ es doch gar nicht schlecht gehen. XY hat es noch viel schwerer als du!“ – Ja, ich denke, es hat etwas damit zu tun. Hol dir Hilfe, aber bitte woanders und möglichst unauffällig und dass du dein Leben, deine Arbeitseinstellung etc. auf den Kopf stellst, ist auch nicht wirklich gewünscht.

Es zeigt sich darin, wie Menschen auf Nachrichten eines (vermeintlichen) Suizids reagieren. Wie sie Chester Bennington beklagen, wie sie Daniel Küblböck (der laut Medienberichten von der Aida gesprungen und seither vermisst ist) verspotten. Wie sie Lindsay Lohan oder Ben Affleck vor den Kliniken auflauern, sich lustig über deren Abstürze machen. Sich am Leid anderer erheitern und aufgeilen. Es ist wohl die widerlichste Form des Voyeurismus, um sich selbst besser zu fühlen. Gesünder, heiler? Wie gesund ist jemand, der sich über den Tod oder das Unglück anderer Menschen erfreut, neugierig bei jedem Blaulichtsignal gleich die sozialen Medien öffnet, an jedem Unfall hält. Gaffen, gaffen. Wissen, was geschieht. Um jeden Preis. Losgelöst von den Menschen, den Schicksalen. Ich schäme mich.

Aber es ist keine Laune, kein Impulsgedanke, sondern das Kapitulieren einer oft lange, erfolglos geschlagenen Schlacht gegen den eigenen Kopf.

Es macht vielen große Angst über Todesgedanken zu sprechen. Zugegeben, wenn mir gute Freunde davon erzählen würden, müsste ich auch schlucken. Mein Impuls wäre auch ihnen erstmal all die guten Dinge im Leben nennen, die sie noch haben mögen. Aber bedenkt: Jemand der solche Gedanken hat, rechnet diese Gleichung im Kopf vermutlich wieder und wieder und wieder. Wichtiger als Ratschläge ist deswegen die Bereitschaft, da zu sein und zuzuhören. Eine Umarmung, ein offenes Ohr. Jemand, der einen Termin beim Psychologen vereinbart, der die Hand hält, wenn die Tränen fließen, jemand, der die innere Leere nicht mit belanglosen Worten zustopft.

Kleine Erfolge

Es gibt so unzählig viele Dinge, für die es sich zu leben lohnt. Aber wenn man im tiefsten Loch steckt, dann sieht man sie nicht. Man sieht die dunklen Wände und das helle Loch, Stecknadelkopfgroß, irgendwo ganz weit oben, unerreichbar. Es braucht jemanden, der eine Leiter dabei hat.

Miguel Bruna // Unsplash

Ich bin seit Sommer 2016 in Behandlung, meine Psychotherapie ist abgeschlossen und ich bin gerade dabei, meine Antidepressiva Schritt für Schritt abzusetzen. Mit ihnen ging es mir gut wie nie. Klar, gab es schlechte Tage, aber ich konnte sie hinter mir lassen und den nächsten Tag neu und frisch beginnen. Keine Schwarz-Weiß Brille mehr, keine irrealen Ansprüche an mich selbst, weniger Selbstzweifel, geordnete Gefühle. Momentan bin ich nicht mal bei der Hälfte angelangt und da ist sie die Todessehnsucht. Kam angekrochen und sitzt mir nun wieder im Nacken. Ich möchte weiterhin versuchen meine Medikamente zu reduzieren – aber wenn sie nötig sein sollten, glücklich und angstfrei zu leben, dann will ich sie weiter nehmen.

An einem Seminar in der Uni sollten wir mal aufschreiben, wann wir für uns selbst Suizid für möglich hielten. Ich schrieb „Pflegefall im hohen Alter ohne Aussicht auf Genesung“ und „Zombieapokalypse“.
Anschließend hieß es vonseiten der Vortragenden: „Alle, die etwas aufgeschrieben haben, sollten nicht mit suizidalen Menschen arbeiten“.

Eine Erfahrung, ein Satz, der sich mir richtig ins Gedächtnis gebrannt hat. Auch wenn ich stabil bin – ich persönlich kann mir viele Gründe vorstellen. Ich verstehe diese Gedanken, weil ich sie auch schon erlebt habe. Aber ich habe mich dafür entschieden, mir Hilfe zu holen. Und ich bereue es nicht. Ich bereue es auch heute nicht, auch wenn die Traurigkeit gerade über mich schwappt.

In meinem Praktikum April/Mai 2018 war ich in einer psychosomatischen Klinik und da gab es viele Leute mit Depressionen, mit Selbstmordgedanken, mit bereits erfolgten Versuchen. Ich fühlte mich vielen sehr verbunden. Ich bereue meinen Weg nicht, weil ich in diesem Praktikum Leute begleiten durfte, denen es ging wie mir. Die sich geöffnet haben, sich helfen ließen und nicht aufgehört haben, weiterzuarbeiten. Die am Ende dieser sechs, acht, zehn Wochen als aufrichtig lächelnde Menschen mit Hoffnung im Herzen gingen. Nicht komplett geheilt oder frei von allen Problemen – aber zuversichtlich.
Hat es mich oft sehr berührt? Ja. Habe ich irgendwann gedacht, ich sollte nicht mit solchen Menschen zusammenarbeiten? Nein.

Natürlich geht es vor allem um Selbstschutz, wenn einem andere Psycholog*innen raten, nicht unbedingt die Leute zu therapieren, die eine *zu* ähnliche Lebens- und Krankheitsgeschichte haben. Aber ich finde, es kann auch Hoffnung schenken. Es macht Mut. Und es hat auch den Mitpatient*innen Mut gemacht zu sehen, wie andere sich entwickeln. Dass es sich lohnt, auch wenn es nicht mit der ersten oder zweiten oder dritten Therapie getan ist. Das Wissen, dass es jedem so gehen kann – Schülerin, Psychologe, Bankangestellter, Maurer, Ärztin, Rechtsanwaltsgehilfe, Bäcker, Professorin. Die Hoffnung, dass ein Lachen von Herzen, eine tiefgreifende Zufriedenheit irgendwann möglich ist. In greifbarer Nähe. Erreicht.

Niemand kann diesen Weg für dich gehen. Aber wenn du gerade über dein Leben nachdenkst, über die Probleme, den Kampf und dein Leiden – dann möchte ich dir sagen, dass du es auch schaffen kannst.


Weitere Beiträge erscheinen im Laufe der kommenden Woche bei:

Die anderen Beiträge sollen ebenfalls informieren und aufmerksam machen. Es sind „nur“ Worte, Videos, Meinungen. Sie können nicht heilen, sie können nicht wiedergutmachen. Aber vielleicht können sie Funken der Hoffnung sein, ein Trittbrett auf einer Leiter.

Danke an alle Mitwirkenden, die helfen gegen das Stigma anzukämpfen, die Liebe verbreiten und sich engagieren.

Auch „Die Zeit“ hat einen Artikel veröffentlicht und darin Manuela begleitet, deren Lebenspartnerin Ute an Suizid verstorben ist. Den vollständigen Artikel kann man jedoch nur als Abonnent der Zeitung lesen.

Bei living the future berichtet ein Überlebender, was er über den Weltsuizidpräventionstag denkt.


Hilfe suchen?

To Write Love On Her Arms²

Wie läuft eine Psychotherapie eigentlich ab? Grob erkläre ich das in meinem Video. Genauer nachlesen, u.a. auch, was für Unterschiede zwischen Therapierichtungen könnt ihr beispielsweise im Buch „Psyche? Hat doch jeder“ von Lena Kuhlmann.

Es gibt viele Bücher, die sich mit dem Thema beschäftigen, die Mut machen und informieren können. Matt Haigs „Ziemlich gute Gründe am Leben zu bleiben“ hat meiner Mutter dabei geholfen, mich besser zu verstehen. Sie versucht nicht mehr mir mit Phrasen zu sagen, dass alles gut wird, sondern schickt mir Fotos von meinem Kater.

Wichtig: Im akuten Notfall, wenn euch die Suizidgedanken zu übermann drohen, dürft ihr auch einen Notarzt rufen oder euch in eine Notaufnahme begeben.

 


¹ https://de.statista.com/themen/40/selbstmord/

² https://twloha.com/

Psycho oder was? Psychische Erkrankungen Literatur vs. Realität

Psycho oder was? Psychische Erkrankungen Literatur vs. Realität

Psycho oder was? Ist der Schizophrene immer der Serienmörder?

So, das Video zu meiner Session vom Literaturcamp in Heidelberg ist online und endlich präsentiere ich euch auch den Beitrag in verschriftlicher Form.

Ich war sehr aufgeregt und habe einige Dinge vergessen, die ich eigentlich erzählen wollte. Die tolle Diskussion, die aus dem Thema entstanden ist, ist absolut sehenswert. Schaut euch das Video unbedingt an!

(Nur eine kleine Warnung vorweg, da Themen wie Suizid und psychische Erkrankungen besprochen werden. Wenn euch diese Themen sehr nahe gehen, genießt das Video und den Beitrag bitte mit Vorsicht.)

Schizophrenie

=/= mehrere Persönlichkeiten.

Schizophrenie beschreibt – je nach Unterdefinition – schubweise auftretende Phasen, in denen es zu auditorischen, visuellen, taktilen Halluzinationen kommt. Am häufigsten kommt es dabei zu einem Verfolgungs- oder Vergiftungswahn. Das heißt, in diesen Phasen, denkt man, dass man z.B. von der Regierung verfolgt wird oder dass eine Geheimorganisation einen vergiften will. Ferner kann es sein, dass man Stimmen hört, die einem einreden, dass Person XY böse ist oder man denkt, dass man Implantate/Käfer o.Ä. unter der Haut hat.

Wie genau die Halluzinationen oder das Wahnkonstrukt aussieht, wie stark und wie häufig die Schübe auftreten, ist unterschiedlich.

Ihr könnt euch vermutlich vorstellen, dass man sich zurückzieht, dass man vorsichtig oder sogar aggressiv wird, wenn man glaubt, verfolgt zu werden. Aber nicht alle Menschen mit einer schizophrenen Störung richten diese Angst und Aggression nach außen. Leider kommt es häufig auch vor, dass diese Personen sich umbringen, weil die Belastung zu groß wird. In klaren Phasen sind sich diese Menschen übrigens oft durchaus bewusst, wie irrational und komisch ihr wahnhaftes Verhalten war.

Foto von Marten Newhall

Dennoch kann man in den Schubphasen wenig gegen die Halluzinationen tun, da sie von chemischen Prozessen im Gehirn (z.B. Dopaminüberschuss) herrühren. Wichtig in der Therapie ist deshalb die Frühwarnzeichen zu erkennen und im Falle einer einsetzenden Phase frühzeitig mit Medikamenten zu wirken.

Was ist denn dann multiple Persönlichkeit?

Schizophrenie und eine multiple Persönlichkeitsstörung, heute in der Literatur hauptsächlich beschrieben als „dissoziative Persönlichkeitsstörung“, sind klar voneinader abzugrenzen.

Eine „Dissoziation“ ist ein „Abschalten“ der bewussten, kognitiven Kontrolle. Man kann positiv dissoziieren z.B. wenn man als Künstler in einen Flow kommt oder ein tolles Buch liest und die Welt um sich herum vergisst. Bei Traumata kann es vorkommen, dass man getriggered wird und dadurch „abschaltet“, sich also im Nachhinein nicht wirklich daran erinnert, was man genau während der Zeit der Dissoziation gemacht hat.

Forscher streiten sich inwiefern und wie stark Dissoziation möglich ist, ob wirklich mehrere Persönlichkeiten unabhängig voneinander existieren können. Generell geht man heute davon aus, dass es keine richtig klaren Cuts, bzw. Schalter gibt, die das eigentliche Selbst komplett in den Hintergrund drängen. Es wird also bezweifelt, dass es wirklich Personen gibt, die mehrere klar trennbare Persönlichkeiten haben. Dennoch gibt es viele Personen, die davon berichten und Bücher darüber geschrieben haben.

Ein abgeschwächter Mechanismus der Dissoziation wäre z.B. das Phänomen, das viele Leute nach dem Tod eines Angehörigen für einige Wochen „funktionieren“ und professionell und kühl alles Organisatorische abwickeln und erst nach der Beerdigung wirklich in das Trauern hineinfallen. Das zeigt auch, dass viele Prozesse, die psychische Erkrankungen mit sich bringen, bis zu einem gewissen Grad funktional und von der Natur angelegt sind.


Depression

Man geht davon aus, dass die Hälfte der Menschheit in ihrem Leben zumindest eine depressive Episode hat.

Eine depressive Episode ist eine zeitlich begrenzte Phase, in der die Symptomatik einer Major Depression erfüllt ist. Treten solche Phasen häufiger auf, z.B. mit 25, mit 30, mit 34, so spricht man von einer „rezidivierenden“ depressiven Störung. Sind hingegen nicht alle Kriterien erfüllt, aber es ist eine andauernde gedrückte Stimmung ohne Besserung spricht man von einer „Dysthimie„.

Davon abzugrenzen ist eine „manisch-depressive Störung“, die heute eher als bipolare Störung bekannt ist.

Typisch für Depressionen sind eine negative Sicht, eine „schwarze Brille“ und ein schwarz-weiß Denken. Es gibt nur das eine extrem oder das andere. Dadurch entstehen toxische Glaubenssätze, die die Person wieder und wieder verinnerlicht.

„Ich möchte wieder früher als 12 Uhr mittags aufstehen. Mir gelingt es, ein bisschen früher aufzustehen. Aber: Wenn ich nicht um 6 Uhr auf der Matte stehe, ist das nichts wert.“

„Ich bin nicht gut in der Schule/Uni/im Beruf, ich tauge zu nichts!“

Kogn. Triade nach Beck (1992)

Die ersten Schritte bei einer Therapie wären je nach Verlauf, Intensität und spezifischer Lebensgeschichte die Selbstbeobachtung, das Aushebeln der fatalisierenden Gedanken und das Hinterfragen der eigenen Überzeugungen.

Bin ich wirklich ein Versager, nur weil ich schlecht in der Schule bin?

Dann würde man ansetzen mehr positive, Energie schenkende Verhaltensweisen in den Alltag einzubauen. Sog. „Skills“, die in stressigen Zeiten entlasten, die der Erholung und dem Auftanken dienen. Reicht das nicht, müssen Stressoren gezielt angegangen und reduziert werden, auch wenn das bedeuten kann, den Job zu kündigen, den Eltern Paroli zu bieten oder Kontakte abzubrechen.

Ein bisschen ausführlicher habe ich über diese Themen auch in meinen zwei Videos zum World Suicide Prevention Day 2017 berichtet (Teil 1 Symptomatik und Teil 2 Behandlung).

Medikamente

Viele sehen den Einsatz von Psychopharmaka skeptisch. Zu unterschiedlich und unberechnbar die Wirkung. In der Realität sind Medikamente jedoch oft unerlässlich. Therapie gelingt nur, wenn die Person stabil genug ist, wenn sie genug Energie hat. Und da psychische Erkrankungen zumeist im Gehirn durch Hormone verstärkt werden, muss oft zuerst medikamentös nachgeholfen werden.

Inzwischen hat die Forschung auch allerlei Präparate entwickelt, die nicht süchtig machen und eine gute Wirkungsbalance haben. Natürlich kann es zu Nebenwirkungen kommen, deswegen sollte man nicht unreflektiert Pillen schlucken, aber wenn man die Wahl zwischen „leichter Sonnenbrand zu bekommen“ und „Depressionen“ hat, entscheiden sich die meisten wohl für Ersteres.

Zumal die Medikamente oftmals abgesetzt werden können, wenn Stabilität vorliegt und die Therapie gut verlaufen ist. Dafür sollte sich niemand schämen müssen.

Wenn man eine schwere Grippe hat, nimmt man auch Antibiotikum, weil der Körper sich alleine nicht so effektiv gegen die Erreger wehren kann.

 

Uwe Hauck, der fleißig mitdiskutiert hat, hat mir sein Buch übrigens im Anschluss an die Session geschenkt. Vielen vielen Dank für die Offenheit und die spannende Diskussion.

Seine Erfahrungen #ausderklapse könnt ihr in seinem Buch „Depression abzugeben“* nachlesen.

 

Suizid

Suizid, Selbstmord, Freitod. Je nach Wort schwingt bereits eine gewisse Bewertung mit. Suizid kann die schlimmste Folge einer psychischen Erkrankung sein – wenn kein anderer Ausweg gesehen wird, wenn das Leben unertragbar erscheint. Es kann eine Kurzschlussreaktion aufgrund akuter Belastung sein oder eine gereifte Entscheidung.

Ist jemand, der aktive Sterbehilfe in Angriff nimmt in einem psychischen Ausnahmezustand oder entscheidet er sich aufgrund seiner Bilanz des Lebens (z.B. 95 Jahre alt + unheilbarer Krebs) dafür?

Dann gibt es den seltenen, leider aber umso erschütternderen Fall des erweiterten Suizids, wenn Eltern ihre Kinder mit in den Tod nehmen.

Ich kenne mich mit dem Thema nicht gut genug aus, um ausführlich davon zu berichten. Es gibt definitiv die Möglichkeit der Unterbringung in Forensik oder eine Schuldminderung bzw. -unfähigkeit. Ob Mord oder Totschlag vorliegt, können nur Richter oder Gutachte beurteilen.

Letztendlich kann man eine Person, die die Entscheidung bereits getroffen hat, nicht mehr helfen. Viele Personen im Umfeld eines durch Suizid verstorbenen Menschens geben sich selbst die Schuld, auch Therapeut*innnen. Aber – niemand von uns kann hellsehen. Wir können offen und positiv mit der Person umgehen, aber wenn der Entschluss gefallen ist, dann kann nichts und niemand die Person mehr davon abhalten. In diesem „Scheuklappen“-Zustand helfen Worte nicht weiter. Entweder die Person entscheidet sich, sich Hilfe zu holen oder es doch noch einmal mit dem Leben zu versuchen, oder nicht.

Viele Leute, die von der Golden Gate Bridge gesprungen sind, berichten, noch während dem Fall gemerkt zu haben, wie sehr sie eigentlich Leben wollen. Oftmals sind Todesgedanken nicht der Wunsch nach dem Ende der Existenz. Sie sind eher ein Warnzeichen „So wie es mir jetzt geht, möchte ich nicht weiterleben„. Daraus kann man schlussfolgern, dass man sein Leben beendet oder etwas in seinem Leben ändert. Unterschieden wird auch zwischen passiven und aktiven Todesgedanken. Spätestens bei aktiven Suizidgedanken, sollte man sich Hilfe holen.


Therapeutisches Arbeiten

„Wow du studierst Psychologie? Kannst du dann Gedanken lesen?“

„Nee, aber bei dir weiß ich schon: Da gibt’s nicht viel zu lesen…“

Diese unhöfliche Antwort würde ich gerne immer geben. Meistens spreche ich es nicht aus. Die meisten Menschen, die noch nie in Therapie waren oder Bekannte haben, stellen sich Psycholog*innen, Psychiater*innen und Therapeut*innen nach wie vor als manipulierende, hyperintelligente Seelendoktoren vor, die mit einem Blick genau wissen, was vor sich geht.

Vier Würfel Zucker im Kaffe stehen für eine gestörte Kindheit – oder so. Ich weiß nur, wenn jemand vier Würfel Zucker in seinen Kaffee gibt, dass ich das ziemlich ekelhaft finde.

Jetzt kommt etwas, das euch vielleicht schockieren wird, aber:

Psycholog*innen und Co. sind auch nur Menschen.

Es gibt gute, engagierte Leute, es gibt emotional verstumpfte Vollidioten, esoterische Alternativdenker und wissenschaftliche Lexikonleser. Es gibt selbsverherrlichende Narzissten, die in ihrer Helferrolle Gott spielen und es gibt aufopferungsvolle Menschen, die an ihrem Helferkomplex zugrunde gehen, wenn sie merken, dass ihre Arbeit keine Früchte trägt.

Was man als Psycholog*in meiner Meinung nach vor allem macht: Fragen stellen.

Wann Therapie?

Nicht jede psychologische Störung oder Auffälligkeit muss/sollte behandelt werden. Ein Therapieauftrag ist gegeben, wenn Leidensdruck herrscht. Also, wenn die Person selbst unter ihrer Krankheit leidet und diesen Zustand verändern will.

Extremer wäre Selbst- oder Fremdgefährdung – nur in solchen Fällen können Personen auch gegen ihren Willen in eine Psychiatrie eingewiesen werden (Und das auch nur zeitlich begrenzt).

Gutachter*innen und Psycholog*innen geraten oft auch in Kritik, wenn jemand freigelassen wird, der zuvor bereits eine Straftat begangen hat oder zwangseingewiesen wurde. Wie gesagt – keiner von uns kann Gedanken lesen. Im Idealfall sieht man den Betroffenen ein bis zweimal die Woche für eine Stunde. Was der oder diejenige in der therapiefreien Zeit macht, bleibt uns verborgen, wenn Pflegepersonal oder Patient selbst nicht darüber reden möchte. Letztlich entstehen diese Gutachten nur auf dem beobachteten Verhalten, dem Gesagten – auch wenn man ein mulmiges Bauchgefühl hat, kann man Leute nicht einfach ohne handfeste Anhaltspunkte einsperren.

Und alle psychisch kranken Menschen unter Generalverdacht zu stellen und 24 Stunden zu überwachen, würde daran auch nichts ändern und wäre für den Genesungsprozess fatal.

Psychologie im Wandel der Zeit

Lobotomie und Elektroschocks, Festhalten gegen den eigenen Willen – das meiste davon gehört glücklicherweise der Vergangenheit an. Dennoch bestimmt unsere Gesellschaft was „krank“ und was „gesund“ ist.

Aus heutiger Sicht gilt in der Psychologie: Behandlungsbedarf gibt es nur, wenn man leidet. Wenn ich also rosa Elefanten sehe und diese mich nicht bedrohen, zu Straftaten animieren, belasten oder stören, muss ich deswegen keine Therapie machen.

Wissenswert ist wohl auch, erst 1987/1991 wurde Homosexualität als psychische Erkrankung aus dem DSM/ICD gestrichen. Ziemlich spät, oder? In den USA sind sog. Conversion Therapy leider immer noch Gang und Gäbe. Im Prinzip wird dort versucht, Personen des LGBTQ Spektrums ihre persönlichen Neigungen und Empfindungen „wegzureden“.

ICDSM-was?

Das „ICD“ (=International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) ist das Diagnosewerk für Mediziner*innen. In Kapitel 5 finden sich psychische Erkrankungen. Zur Abrechnung durch die Krankenkassen sind Diagnosen nach der Codierung dieses Grundlagenwerkes unabdingbar. Die aktuelle Version ICD ist der ICD-10. Die neueste Version soll 2020 erscheinen.

Das „DSM“ (= Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) ist ein amerikanisches Klassifikationssystem und beinhaltet nur psychische Erkrankungen. Die aktuellste Version ist DSM-5, welche 2014 auf deutsch erschien.

Trans*Personen in Deutschland müssen ebenfalls zum Psychologen, wenn sie eine Geschlechtsumwandlung vornehmen wollen. Fakt ist, viele Psycholog*innen sind nicht geschult oder haben keine Berührungspunkte mit dem Thema, was einige negative Erfahrungen von Trans*Personen zeigen. Theoretisch findet sich noch immer eine Diagnose unter dem Namen „Geschlechtsidentitätsstörung“ im ICD-10, die hoffentlich in der nächsten Überarbeitung rausfliegen wird.

Zum Schluss:

  • Man muss nicht auf einer Couch liegen.
  • Psycholog*innen haben Psychologie studiert, Psychotherapeut*innen haben zusätzlich dazu eine Ausbildung durchlaufen, Psychiater*innen haben Medizin mit psychiatrischem Schwerpunkt studiert. Heilpraktiker*innen haben nicht studiert und müssen nur ein paar Wochenendkurse absolvieren, um sich den Zusatz Therapeut zu holen.
  • In einer psychologischen Klinik, Psychiatrie gibt es offene Stationen, auf denen sich jeder frei bewegen kann. Nur auf geschlossenen/behüteten Stationen gibt es Einschränkungen.
  • Sigmund Freud ist längst überholt, die Kindheit spielt trotzdem eine wichtige Rolle in der Entstehung und und Aufrechterhaltung von Verhalten.
  • Ihr könnt jederzeit euren Psychologen wechseln.
  • Nur weil ein Psycholog*in ein nichtsnutziger Vollidiot ist, sind nicht alle therapeutischen Angebote nutzlos.
  • Psychologie und Gesprächstechniken sind kein abstruses Geheimwissen – jeder kann sich selbst zu jedem Thema einlesen, um ein besseres Verständnis zu bekommen.
  • Man ist nicht schwach, wenn man sich Hilfe holt.

Buchempfehlungen:


Letzten Endes konnten wir alle Themen nur anschneiden. Über jeden dieser Punkte könnte man vermutlich eine eigene Session halten und hätte immer noch nicht alles Wichtige gesagt. Die Borderline-Störung, Angststörungen, PTBS und Suchterkrankungen sind aufgrund der begrenzten Zeit komplett unter den Tisch gefallen. Vielleicht beim nächsten Litcamp! 😉

Vielen Dank an alle, die da waren und mitdiskutiert haben. Und vielen Dank an dich, dass du diesen Beitrag bis zu Ende gelesen hast. Lass mir gerne deine Gedanken und Anmerkungen da!

Tüdelü, eure Babsi


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Es muss sich was ändern! Aber wie?

Es muss sich was ändern! Aber wie?

Veränderungen – Wie funktioniert das?

In meinem Praktikum in einer psychosomatischen Klinik habe ich viel über dieses spezielle Thema nachdenken müssen. Viele Leute kommen überarbeitet, erschöpft und am Ende ihrer Kräfte zu uns. Ihr bisheriger Versuch ihr Leben und den Anforderungen der Außenwelt – sei es Job, Familie etc. – gerecht zu werden, hat sie in eine Sackgasse namens Depression getrieben. Das Beste war nicht gut genug, die eigenen Bedürfnisse wurden langsam zurückgestellt, man funktionierte, bis es nicht mehr ging. Bis Körper und Geist so laut brüllen, dass es uns von den Socken haut.

von Kyle Glenn // Unsplash

Muster und Gewohnheiten, Gedankenabfolgen, die sich eingeschlichen und automatisiert haben. „Ich muss stark für meine kranken Eltern sein“, „Wenn ich auf der Arbeit nicht alles mache, geht es den Bach runter“, „Verglichen mit den anderen sind meine Probleme doch nichtig“, „Ich schaffe das schon, ich halte das aus“, „Ich kann mir jetzt keine Pause erlauben“.

 

Die Erfahrung zeigt: Wenn ihr denkt, euch keine Pause leisten zu können, ist es höchste Zeit, genau jetzt die Bremse reinzuhauen.

Wenn ihr mit leerer Batterie arbeitet, scheitert ihr. Das Scheitern führt euch in eine gefährliche Spirale „Warum schaffe ich diese Kleinigkeit nicht?“ „Warum wirft mich das so aus der Bahn?“ – oftmals kommen von außerhalb Vorwürfe und Unverständnis. Ihr wart bisher immer stark, leistungsfähig und habt nie gesagt, wenn es euch zu viel wurde. Deswegen ist es so wichtig auch vorher mal „Stopp“ zu sagen. Denn sonst verausgabt man sich, man arbeitet sich auf und das läuft immer auf eure eigenen Kosten.

 

Es muss sich also was ändern – aber wie?

Wenn ihr an dem tiefsten Tiefpunkt seid, dann kann es schwer sein, sich selbst herauszuziehen. Genau dann ist es sinnvoll euch Hilfe zu holen. Von Ärzten und Therapeuten. Die sind keinesfalls Erlöser oder Retter – auch wenn man sich gerne mal selbst so sieht – sie sind Wegbegleiter, die euch helfen aus dem Moor rauszukommen und euch ein Stück des Weges begleiten. Laufen müsst ihr selbst wieder lernen, sonst stürzt ihr wieder ins Moor, sobald die Hilfe von außen wegfällt.

Dennoch kann es wertvoll sein, es eben nicht wie sonst ganz alleine anzugehen, auszuhalten, sich durchzubeißen. Mehrere Blickwinkel bieten neue Ideen, neue Anstöße, Methoden um eure Bedürfnisse wahrzunehmen und klar zu äußern, Hilfe, um eure Emotionen erfolgreich zu verarbeiten.

Denn oft gerät man in eine Spirale: Man unterdrückt seine Gefühle und Bedürfnisse, bis man sich komplett leer fühlt. Ausgebrannt, sinnlos.

Dabei sind Gefühle wichtig, Gefühle sind Energie, Gefühle zeigen, dass wir lebendig sind. Und alle Gefühle – auch die negativen – haben ihre Daseinsberechtigung.

„Es muss sich etwas ändern“

Es muss“ ist vage. Müssen tut niemand etwas. Das glauben wir vielleicht oft. Und wo steckt hier das „ich„?

Wenn es mir schlecht geht, will ich, dass sich etwas ändert. Aber etwas wird sich nicht einfach mit der Zeit von alleine ändern. Also:

Ich will etwas verändern.

Das ist gar nicht so leicht, denn dazu müssen wir einsehen, dass a) die Welt sich nicht von alleine ändert und b) es an uns liegt etwas umzustrukturieren oder anders zu machen als bisher. Wie soll das also gehen, wenn wir kraftlos und unmotiviert sind? Hier kommen die Gefühle ins Spiel.

  1. Trauer „Ich will so nicht weiterleben“
  2. Wut „Ich will, dass es mir verdammt nochmal endlich wieder besser geht!“
  3. Veränderung

Veränderung klappt nicht immer auf den ersten Versuch. Deswegen heißt es zu beobachten und zu sehen: Hat meine Maßnahme etwas gebracht? Falls nein, ist das traurig, denn wir haben uns Mühe gegeben, den Kreislauf zu unterbrechen! So ein Scheiß, dass das nicht funktioniert hat!

Gefühle sind Energie. Wut ist ein wunderbarer Antreiber für Veränderung à la „Jetzt erst recht!“

Dafür ist es aber so so wichtig, auch die Trauer zuzulassen. Wenn etwas nicht funktioniert, haben wir als Kind häufig erstmal geweint. Das mag banal erscheinen, aber es ist okay enttäuscht und niedergeschlagen zu sein, wenn etwas nicht funktioniert. Das ist kein unberechtigtes Gefühl, das wir wegschieben sollten.

Aufgepasst: Es bringt nichts Trauer und Wut gegen sich selbst zu richten. „Das hat nicht geklappt!“, nicht Ich bin so unfähig, ich schaffe das nicht!. Nach innen gerichtete negative Gedanken zu durchbrechen ist ein Prozess; kein Schalter, der von heute auf morgen funktioniert. Manchmal hilft es schon, sich genau diese zerstörerischen Gedanken aufzuschreiben und sie umzuwandeln, wie ich es oben getan habe. Ja, manchmal sind wir vielleicht Schuld, aber ist das wirklich wichtig? Macht euch klar: Selbstvorwürfe führen niemals zu Veränderungen.


Wenn wir unsere Gefühle also sortiert und zugelassen haben – wie geht es dann weiter? Was soll man überhaupt ändern? Was kann man ändern?

Das fiese am Leben ist – es gibt keine Musterlösung. Manchmal ist es besser, ein klärendes Gespräch zu suchen und manchmal hilft nur der Kontaktabbruch oder die Kündigung. Was für den einen Menschen und seine Situation hilfreich ist, kann für den anderen eine Sackgasse sein.

Ich habe mir in letzte Zeit, wie gesagt, viele Gedanken zu diesem Thema gemacht. Wie verändere ich etwas? Die folgenden Schritte müssen keinesfalls allgemeingültig sein, sondern basieren lediglich auf meinen Beobachtungen.

  • Schritt 1: Selbstbeobachtung

Selbstbeobachtung ist fast immer und überall der erste Schritt. Woher soll ich wissen, was ich ändern kann und will, wenn ich nicht weiß, was schief läuft? Was tut mir gut, was nicht? Wofür hätte ich gerne mehr Zeit? Was für Muster und Reaktionen habe ich wann und warum? Wenn eine gute Fee käme und alles in Ordnung bringen würde, wie würde mein Alltag dann aussehen?

  • Schritt 2: Anhalten und Entschleunigen

Gerade bei Mustern und Reaktionen, die automatisch ablaufen, ist der zweite Schritt nach dem Erkennen nicht sofort die Veränderung, sondern das Anhalten. Wenn ich auf die Anfrage eines Kollegen immer mit Wutanfällen und Vorwürfen reagiere, kann ich nicht von heute auf morgen freundlich und ruhig sein. Wenn also so eine Situation kommt und ich merke, dass mir das Blut in den Kopf steigt und ich den Mund zum Brüllen öffne, ist der zweite Schritt zu sich selbst „Stopp!“ zu sagen. Vielleicht kann ich noch nicht freundlich sein, aber ich schaffe es vielleicht schon etwas Bedenkzeit zu erbitten. Je öfter es mir gelingt, in solchen Situationen nicht in alte Muster zu verfallen, sondern durch Beobachtung auf meine „Trigger*“ aufmerksam zu werden, fällt es viel leichter, zu erkennen was man tun muss.

(*Mit Trigger ist hier weniger der Begriff aus dem psychopathologischen Bereich gemeint, sondern mehr die Knöpfchen und Schalter, die in uns gewohnte Verhaltensmuster auslösen.)

  • Schritt 3: Kleine Schritte

Das habe ich in Schritt 2 schon angedeutet. Veränderung braucht Zeit. Je eingefahrener das Muster, je länger die Situation andauert, je tiefer wir mit den Füßen im Moor stecken, desto mehr Zeit braucht es, etwas zu verändern. Hierbei ist es wichtig, schon kleine Schritte zu würdigen. Wir haben den Kollegen nicht angebrüllt, sondern tief durchgeatmet und gesagt, wir überlegen es uns? – Großartig! Diese kleinen Veränderungen können unser Umfeld bereits ebenfalls in Bewegung versetzen. Aktion – Reaktion. Nicht jede Veränderung wird reibungslos ablaufen, im Gegenteil. Oft stößt man auf Unverständnis und Widerstand „Das hat dir doch bisher auch nichts ausgemacht!„, „Warum sagst du das jetzt?„, „Stell‘ dich nicht so an!„. GRRRRAH – ups, hier war ich schon wieder in der Wut, pardon.

Die Krux ist oft, dass wir viel zu lange still waren und sich unser Umfeld an unsere Muster gewöhnt hat. „Mit XY kann mans machen, die kriegt immer sofort ein schlechtes Gewissen!
Das müssen nicht mal bewusste Gedanken sein, oft macht unser Umfeld ebenso automatisch durch bestimmte Knöpfchen etwas. Veränderungen umzusetzen, die nicht nur uns selbst, sondern auch andere Personen betreffen, sind deswegen immer besonders mühsam. Hier ist es wichtig, nicht zu vergessen, warum wir etwas verändern.

Wenn wir bisher immer gespurt haben und gesprungen sind, ist das natürlich eine Umstellung. Vielleicht erscheint es leichter, wieder in eigene Muster zu verfallen. Aber das würde uns nur wieder in eine Negativspirale der Unzufriedenheit stoßen, die schlimmstenfalls in einer Depression, einer Suchterkrankung oder körperlichen Symptomatiken ändert. Wenn mein Umfeld bisher keine Rücksicht auf mich genommen hat, muss ich damit anfangen, sonst tut es (vermutlich) niemand.

  • Schritt 4: Die Veränderung

Hoppla! – genau genommen haben wir ja schon bei Schritt zwei etwas verändert, oder? Die Veränderung ist da! Und wenn es nur in unserem Denken ist. „Nur“ würdigt hierbei eine Leistung herab, die nicht jeder schafft. He! Du hast etwas in deinem Denken verändert. Das ist super!

Hier kann es wichtig sein, Bilanz zu ziehen, zu bewerten. Was läuft gut, was für Widerstände sind da, passt mir die Veränderung? Brauche ich Unterstützung oder Rat? Oder stoße ich in mir selbst auf den größten Widerstand? Will ich wirklich eine Situation verändern oder ist da etwas anderes, tiefliegenderes darunter?


Keine Veränderung geschieht ohne Willen: „Ich will etwas verändern.“

„Ich“ und „will“ sind hierbei die wichtigsten Komponenten. Leider ist es manchmal so, dass der wahre Wille erst aufkeimt, wenn eine Situation wirklich bescheiden ist.

Nun möchte ich noch kurz auf ein Modell aus der Psychologie eingehen, das in jedem Psychologie Studium behandelt wird.

Rubikon Modell (Heckhausen, 1987)

Dieses psychologische Modell beschreibt den Prozess eine Entscheidung und deren Umsetzung in eine Handlung. Dabei gilt es den „Rubikon“ zu überqueren. Von einem Wunsch zu einem Ziel. Von „Ich wünsche mir, dass sich etwas verändert“ zu „Ich werde etwas verändern“, bzw. konkreter „Ich werde versuchen, dieses und jenes zu ändern“. Auch hier gilt: Mit dem Willen den Rubikon zu überqueren, kommen wir in die volitionale Phase. Volitional bedeutet laut Duden: Durch den Willen bestimmt.

(Anekdote: Der Rubikon ist ein Fluss, der damals eine Grenze zwischen der römischen Provinz Gallia cisalpina und dem südlichen Italien bildete. Als Caesar entmachtet werden sollte, entschied er sich für den Angriff und besiegelte, als er mit bewaffneten Truppen den Rubikon in Richtung Süden überquerte, einen Krieg. Nach der Überquerung des Rubikon gab es also kein Zurück mehr. Aus dieser Zeit stammt auch sein berühmter Spruch „alea iacta est“.)

 

„Ich will ja etwas verändern, aber…“

Hier lohnt es sich, das „aber“ genauer anzuschauen. Was steckt dahinter? Gibt es etwas, das sich auf keinen Fall ändern soll? Was steht dem bedingungslosen Willen im Weg?

  • Bequemlichkeit

Ist die Situation noch nicht schlimm genug? Erscheinen die Kosten für die Veränderung zu hoch? Hier sollte man seine Prioritäten ordnen. Ist es mir z.B. wichtiger viel Geld zu verdienen als einen angenehmen Job zu haben? Wenn ja, dann muss ich nicht meinen Job, sondern vielleicht meine Einstellung oder meine Freizeitnutzung ändern.

  • Trotz

Es liegt aber doch an den anderen!“ – Mag sein, aber die Wahrscheinlichkeit, dass die anderen von heute auf morgen die Erleuchtung erhalten und sich ändern, geht gegen 0. Hier braucht es Selbsteinsicht und Selbstwirksamkeit: „Nur ich kann mit der Veränderung anfangen“ und „Ich kann etwas verändern!“

  • Unsicherheit/Angst

Veränderung macht Angst. Denn es geschieht meistens nichts, ohne etwas zu kosten. Vielleicht kosten mich die Veränderungen Freundschaften, Beziehungen, Zeit oder meinen Job. Oder ich glaube nicht daran, dass ich etwas bewirken kann. Hier sollte man der Sache vielleicht mehr Zeit geben. Worst Case und Best Case Scenarios erarbeiten, sich Rat und Unterstützung holen und anhand kleiner Veränderungen erste Fortschritte beobachten, bevor man sich an große Veränderungen macht.


Worte wie „Man/eigentlich/aber/könnte/müsste…“ bilden in diesem Zusammenhang Falltüren bzw. Notausgänge. „Man müsste doch etwas tun!“ entbindet das Ich von seiner Verantwortung. Und für die Veränderung ist Klarheit wichtig.

Ich will eigentlich das und das ändern, aber…

Eigentlich? Aber? Das sind unklare, verschwommene Worte. Gründe für Hadern und Zögern. Was will ich jetzt in diesem Moment? – nicht, was sollte ich wollen oder was habe ich mal gewollt. Nur, wenn ich im hier und jetzt bei mir selbst bleibe, kann ich die Klarheit erlangen, die notwendig ist, den Rubikon zu überqueren.

 

Gegen eine Krankheit kann man nichts tun…

Ganz zum Schluss möchte ich noch eine kurze Anekdote aus dem Praktikum erzählen. Ich saß gemeinsam mit der Psychologin in einer Gruppentherapie-Sitzung. Es ging um Gefühle der Trauer und Sinnlosigkeit. Ein Patient äußerte sich „Depression ist eine Krankheit, da kann ich gegen die Gefühle ja nichts machen.“

Auch wenn ich ihm nicht widersprechen wollte – für mich sind Depressionen eine Krankheit – war ich mir nicht sicher, wie ich auf diesen Ausspruch reagieren sollte. Hier zeigte sich die Expertise der Psychologin, die in diesem Moment ruhig lächelte und sich in ihrem Stuhl aufrichtete:

„Für mich sind Depressionen keine Krankheit per se, sondern ein Komplex aus Handlungs- und Denkmustern, die sich über Jahre hinweg eingebrannt haben. So stark, dass sie krankhafte Züge annehmen, unsere Informationsverarbeitung und Hormonausschüttung beeinflussen. Depressionen sind das Resultat einer gescheiterten Handlungsstrategie, die wir irgendwann mit besten Absichten und bestem Gewissen eingesetzt haben. Ich bin dagegen, Depression als eine Krankheit abzutun, der man hilflos ausgeliefert ist. Ja, Sie können nichts für ihre Depression, aber Sie können etwas dagegen unternehmen und die ersten Schritte haben Sie bereits getan, in dem Sie erkannt haben, dass Sie Hilfe brauchen und Sich dazu entschlossen zu haben, heute hier zu sitzen.“

Ich für meinen Teil war baff von der Klarheit, mit der die Psychologin diesem komplexen Gedankenwust gegenübertrat. Aktuell fühlte sich der Patient noch schlecht, hilflos und leer. Aber den ersten Schritt in Richtung Veränderung hatte er ja bereits getan. Welchen Kraftakt und welche Überwindung das gekostet haben mochte, hatte er gar nicht vor Augen.

Natürlich – niemand kann etwas für seine Krankheiten. Auch Depressionen verschwinden nicht von heute auf morgen, wenn man sich mit seinen Gefühlen auseinandersetzt und Trauer und Wut zulässt. Natürlich kann man Krebs nicht durch reine Gedankenkraft heilen, aber man kann zuversichtlich bleiben, Sport treiben, sich gesund ernähren und die Hoffnung nicht aufgeben, dass es besser wird – was einen positiven Effekt auf den Krankheitsverlauf hat. Wie der Mann im KZ, der sich jeden Tag vorgestellt hat, dass er seine Familie wieder in die Arme schließen konnte. Es war eine Hoffnung mit geringer Chance auf Erfüllung – wäre er gestorben, vergebens, möchte man meinen. Aber dieser Silberstreif am Horizont gab ihm die Kraft durchzuhalten. Und er überlebte und begründete die positive Psychologie.

Veränderungen sind alles andere als einfach, oft sind sie unangenehm und brauchen ihre Zeit. Veränderungen sind ein Prozess. Deswegen muss jeder für sich selbst entscheiden, ob einem die Kosten für eine Veränderung angemessen erscheinen.


Wie hat euch dieser Beitrag gefallen? Möchtet ihr mehr zu psychologischen Themen lesen? Ich habe die Frage bereits auf twitter gestellt und mir einige Wünsche notiert, bin aber immer offen für Ideen, Anregungen etc.. Natürlich erheben meine Beiträge keinen Anspruch auf wissenschaftliche Richtigkeit oder Vollständigkeit. Aber vielleicht kann er dem ein oder anderen von euch ja einen guten Impuls liefern.

Tüdelü, eure Babsi

– Titelbild von Ross Findon // Unsplash

 

Bodypositivity statt Bodyshaming

Bodypositivity statt Bodyshaming

Als Vera von chaoskingdom diese Aktion zum Buch „Dumplin'“ ins Leben rief, konnte ich nicht anders, als mich zu beteiligen. Mir stoßen soziale Ungerechtigkeit, Vorurteile und gegenseitiges Niedermachen auf.

Bodypositivity statt Bodyshaming – warum diese Aktion? Weil ein Buch frisch auf den Markt gekommen ist, dass sich mit diesem Thema auseinander setzt. In der Hoffnung, dass es irgendwann weniger Teenager gibt, die bis ins Erwachsenenalter noch ständig mit ihrem Körper hadern.

 


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Julie Murphy: Dumplin‘

  • Autorin: Julie Murphy
  • Titel: Dumplin‘
  • Verlag: FJB
  • aus dem Englischen übersetzt von Kattrin Stier
  • Hardcover: 18,99€
  • Inhalt: Die 16-jährige Willowdean, Spitzname Dumplin (dt. Knödel) hat sich nie große Gedanken um ihr Gewicht gemacht und ist eine wahre Frohnatur. Doch als sie dem attraktiven Bo begegnet und dieser sie küsst, bekommt sie Zweifel. Ist sie schön genug? Kann man dick und schön gleichzeitig sein? Um ihre Unsicherheiten zu überwinden, nimmt sie an einem Schönheitswettbewerb teil.

 

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Ich fühlte mich unwohl, zu rundlich für einen schicken Kimono. Gerade nebst zierlichen Japanerinnen.

Da ich selbst übergewichtig bin, habe ich leider auch schon Erfahrungen mit Bodyshaming gemacht. Beleidigungen, unsensible Bemerkungen, Kichern und Lästern. Kein fieses Mobbing, keine extremen Angriffe – aber auch diese Kleinigkeiten haben mein Selbstwertgefühl und mein Selbstbewusstsein beeinträchtigt. Ganzkörperfotos? Früher undenkbar für mich! Auch heute fühle ich mich manchmal noch unwohl in meinem Körper. Gerade, wenn ich unter vielen sehr dünnen Menschen bin. Da komme ich mir oft immer noch vor wie eine Elefant.

Ich habe schon einen Beitrag zu dem Thema geschrieben, wie Bodyshaming alle Personen beeinflusst – Dünne wie dicke Personen – und damit versucht, Shaming auszuhebeln und die Mechanismen und angelernten Impulse aufzuzeigen.

 

Heute möchte ich mich aber vor allem auf Bodypositivity (im folgenden mit BP abgekürzt) konzentrieren.

 

Ein wundervolles Beispiel für die Bewegung ist Bodyposipanda, die fröhlich und bunt über das Thema aufklärt. Keine Diäten, kein Selbsthass, sondern eine gesunde Beziehung zu Körper und Nahrung. Das ist für mich das Ziel von Bodypositivity.

Leider gibt es bei vielen Bewegungen, auch bei BP, oft Extreme. Nur fette Körper seien schön, die Gesundheit sei vollkommen egal. Oft kommt auch vor, dass junge Personen sagen, dass sie gesund seien und daher nichts ändern müssen. Aber leider kommen mit dem Alter oft erhebliche Probleme auf extrem übergewichtige oder extrem untergewichtige Personen zu.
Sicherlich ist es nicht an uns – dem Vorbeilaufenden auf der Straße – die Gesundheit einer Person anhand ihrer Körperform zu beurteilen: aber, wenn ein Arzt auf gesundheitliche Risiken hinweist, sollte man das trotz aller Positivity nicht komplett ignorieren.

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Über solche Bilder mit Filter hätte ich früher nicht lachen können.

BP steht für einen guten Umgang mit dem eigenen Körper – ihn nicht verwahrlosen zu lassen. Sich nicht alles Ungesunde hineinzustopfen, aber sich mal ein Stückchen Kuchen zu gönnen. Sich regelmäßig zu bewegen, aber keine Marathons zu laufen, nur um ein Stück Schokolade abzutrainieren. Und vorallem: Die ein oder andere Delle, Unförmigkeit und Rolle zu akzeptieren.

Dass man sich nicht versteckt, sondern die Kleidung anzieht, in der man sich schön und wohl fühlt.

Und heute?

Auch ich muss das manchmal noch üben. Oftmals ziehe ich dann doch eher eine dunkle Hose anstatt eines Kleids oder eines Rocks an, weil ich mich für meine kräftigen Beine schäme. Oder ein langärmeliges Oberteil wegen meiner plumpen Oberarme. WP_20150414_18_51_09_ProDabei werden diese auch durch Muskeln mitgeformt und als früherer Leistungsschwimmer hat man nun mal an Armen und Beinen ausgeprägtere Muskeln. Meine Haut ist immer noch unrein, aber das ist eben so.

Inzwischen bin ich selbstsicherer geworden. Ich freue mich über Komplimente, aber ich brauche keine Bestätigung von außen mehr. Heute kann ich selbstbewusst Kleider tragen und mich wohl fühlen. Ich kann Blobfisch Fotos machen und stolz mein Doppelkinn in die Welt recken. Ich hab aufgehört, mich selbst, mein Aussehen und die Meinung anderer Leute zu ernst zu nehmen. Wie? Das kann ich leider nicht genau sagen. Es war ein Prozess und es gibt viele Tage, an denen ich immer noch zweifle. Aber diese Sorgen überwiegen nicht mehr. Dafür habe ich keine Zeit, bzw. ich räume dem bewusst wenig Zeit ein.

DSC00008Aber ich freue mich, wenn Leute mir sagen, dass ich strahle. Dass meine innere Zufriedenheit nach außen dringt. Ich denke, das ist gemeint, wenn Leute von „innerer Schönheit“ sprechen. Nicht, dass man den besten Charakter auf der Welt hat, aber dass man sich mag, dass man positiv eingestellt ist und das mit seinen Augen auch ausdrückt.  Habe ich mich gerade selbst schön genannt? Und ob! Das muss man sich nämlich öfter mal selbst sagen, damit man es irgendwann auch ein bisschen glauben kann.

Ich möchte das Buch „Dumplin'“ auf jeden Fall noch lesen und freue mich, dass eine moppelige Protagonistin es in ein Jugendbuch geschafft hat und hoffe, dass es eine positive Botschaft in die Welt hinaus trägt. Habt ihr auch Lust mitzumachen? Dann schaut auf jeden Fall bei Veras Originalbeitrag vorbei. Für die Teilnahme gibt es nämlich auch was zu gewinnen.

~Ich habe das Buch bereits und möchte nicht in den Gewinnspiel-Lostopf~

Weitere Personen haben sich der Aktion angeschlossen, sich geöffnet und über ihre Erfahrungen gesprochen:

 

Wie geht es euch? Habt ihr in eurer Jugend auch extrem an euch gezweifelt? Tut ihr es immer noch?

Tüdelü, Babsi

Angst vor Büchern?

Angst vor Büchern?

Heute bin ich mal wieder etwas nachdenklicher unterwegs. Ja, es gibt sie zwar angeblich die Angst vor Büchern, die Bibliophobie, aber an der leide ich – glücklicherweise – nicht.

Ich habe manchmal Angst, ein bestimmtes Buch zu lesen.

Nicht weil es ein schaurige Horrorromane sind (die liebe ich, wie ihr vielleicht wisst), sondern weil ich aus irgendeinem Grund Angst davor habe. Manchmal habe ich Angst vor dem Ende und manchmal vor dem Buch an sich. Dabei will ich diese Bücher meistens unbedingt lesen! Und es ist definitiv weder eine Leseflaute, noch gefällt mir das Buch schlecht. Woran liegt das also?

Angst ist ein Gefühl. Besorgnis, Nervosität, erwartete Schäden, erhöhte Alarmbereitschaft. Angst ist evolutionär gesehen vor allem funktional: alle unnötigen Körperfunktionen werden eingestellt, man bereitet sich auf Kampf oder Flucht vor. Menschen haben oftmals Angst vor dem Unbekannten und Angst vor Veränderung. Beschreibt dieser Begriff, was ich fühle? Es fällt mir schwer, selbst in Worte zu fassen, was es ist.

Ich habe Angst, dass die Geschichte vorbei ist.
Das ist ein Phänomen, das mir bei Serien auch schon aufgefallen ist. Ich zögere es oft ziemlich lang hinaus die letzten paar Folgen zu schauen. Sogar bei Lets Plays, Videospielen… Und dann liegt es da unbeendet herum und ich kann mich nicht überwinden, es zu beenden. Warum? Oftmals liebe ich diese Geschichten, das Gefühl beim Lesen/Schauen/Spielen ist irgendwie besonders, unvergleichlich – dann bin ich womöglich in Sorge, dass eine Leere zurückbleibt. Als würde man mit der letzten Seite, der letzten Minute einen guten Freund verlieren. Aus Erfahrung weiß ich, dass ein gutes Ende eine großartige Geschichte oft noch grandioser macht. Selten bleibt wirklich Leere, es ist eher eine Sehnsucht. Nichts hindert mich daran, das Buch erneut zu lesen. Nur der Zauber des ersten Mals ist wohl verschwunden. Manchmal liegen wirklich gute Bücher angelesen bei mir herum, bis ich den Mut habe, endlich weiter mit den Protagonisten zu reisen. Inzwischen kann ich ganz gut mit dieser Angst umgehen. Ich möchte Bücher, Spiele und Serien beenden und darüber reden.  Wenn ich eine Rezension darüber schreiben kann, fühlt es sich nicht mehr so „unverarbeitet“ an und ich kann all den Gedanken freien Lauf lassen und die Geschichte gebührend abschließen.

Ich habe Angst, enttäuscht zu werden.
Auch ich lasse mich durchaus von Hypes anstecken oder von Social Media beeinflussen. Meist entscheide ich mich bewusst gegen den Hype-Train, aber manchmal packt es mich, ich will aufspringen und mitfahren und jubeln. Wenn das Buch dann aber bei mir zuhause liegt, bekomme ich ein flaues Gefühl im Magen. Was, wenn es doch nicht so gut ist, wie erwartet? Manchmal fange ich auch ein Buch an und bin gleich in den Bann gezogen, traue mich aber nicht so recht weiterzulesen. Aus Angst, dass diese wundervolle Idee irgendwie mittelmäßig oder für meinen Geschmack ungenügend umgesetzt wird? Ich kann es nicht logisch benennen. Denn meine Ängste diesbezüglich sind meist irrational, das weiß ich selbst. Ein Beispiel hierfür ist Walter Moers‘ „Die Stadt der träumenden Bücher“, das mindestens ein halbes Jahr mit dem Lesezeichen auf Seite 100 herumlag. Es hat mir gut gefallen, aber ich hatte wirklich Angst, diese Geschichte nicht zu mögen, weil ich sie so sehr mögen wollte! Auch geplante Re-Reads wie z.B. von Harry Potter liegen wegen diesem Gefühl oft auf Eis, da ich fürchte, mir einiges kaputt zu machen, wenn ich die Geschichte mit meinen heutigen Augen lese.

Ich habe Angst, entmutigt zu werden.
Ja, ich bin selbst Autorin und ich schreibe an meinem Herzensprojekt seit Ewigkeiten. Wird es das Rad neu erfinden? Nein, das hätte es schon vor einigen Jahren nicht. Aber manchmal bin ich eingeschüchtert von Geschichten, die meiner ähnlich sein könnten. Die ähnliche Muster aufweisen, ähnliche Charaktere und ähnliche Motive aufgreifen. Und ich kann nicht anders als mich zu vergleichen und mich zu fragen, ob mein Buch jemals gut genug sein wird, ob es jemals annähernd so toll wird wie manche Juwelen auf dem Buchmarkt. Dabei bin ich gerne begeistert, ich fangirle gerne und ich liebe das Gefühl der Überwältigung, wenn man ein Meisterwerk Zeile für Zeile in sich aufnehmen kann. Meistens lese ich dann absichtlich ein Buch, von dem ich weiß, dass es vermutlich schlecht ist und baue mich dann damit auf, weil ich dann einen Abwärtsvergleich machen kann (Gemein, oder?).

 

Ich glaube, wenn ich eine Leseflaute habe und es nicht an der Uni und dem Überdruss an Fachliteratur liegt, dann lese ich meistens aus diesen Befürchtungen heraus nicht. Wann bin ich nur so ein unsicherer Angsthase geworden? Ich weiß, ich bin nicht immer so. Manchmal kann mich nichts halten und manchmal fällt es schwer, überhaupt die Augen zu öffnen und den Tag zu beginnen. Aber Bücher, Filme und Spiele waren und sind mein sicherer Hafen. Warum nur, habe ich dann auch in diesem Bereich meines Lebens manchmal Angst? Womöglich mache ich mir selbst zu viel Druck, zu viele Gedanken. Lesen soll schließlich Spaß machen, warum also steigere ich mich mit meinem Gedankenkarussell also schon wieder so hinein? Was würde ich denn „kaputt“ machen? Was ist mit dieser Leere, die ich zwar fürchte, die aber niemals in der Form eingetreten ist, in der ich sie befürchtet habe? Bei einigen Geschichten wünsche ich mir so sehr, dass sie weiter gehen. Mein Herz hängt ihnen nach, aber es ist kein negatives Gefühl, keine Belastung. Diese Angst vor manchen Büchern ist so dumm! Aber Gefühle sind nunmal Gefühle und ich kann sie noch so rational analysieren, in ihre Bestandteile auflösen und rumphilosophieren. Das flaue Gefühl, die Unlust, der Unwille bleiben und ich vermeide die Konfrontation.

Meist versuche ich einfach, entspannt zu bleiben. Niemand zwingt mich, diese Bücher zu Ende zu lesen, niemand kann mir aufgrund meiner unbeendeten Bücher irgendetwas. Mir muss das Buch nicht gefallen, nur weil es allen anderen gefällt. Manchmal muss ein bisschen Zeit vergehen, manchmal braucht es einen Tag, an dem ich mehr Mut habe. Meistens, muss ich nur wieder anfangen.

Aktuell geht es mir übrigens mit „Das Lied der Krähen“ von Leigh Bardugo so. Ich bin willens auf den Hypetrain aufgesprungen, der Anfang gefiel mir super (Ich bin so knapp bei Seite 80) und irgendwie habe ich Angst weiterzulesen? Ich habe einerseits Angst, dass die Story nicht so gut wird wie erwartet und andererseits fürchte ich, komplett eingesogen zu werden und sie so sehr zu lieben, dass das Warten auf Band 2 unerträglich wird. Oder dass ich die Geschichte so toll finde, dass sie mein eigenes Werk in den Schatten stellt und ich wieder alles über den Haufen werfe, weil ich neue Aspekte gefunden habe, die ich absolut liebe und in irgendeiner Form verarbeiten will. Alles irgendwie auch ein großes „Mimimi“. Aber ich fühle mich schon viel besser, nachdem ich diesen Beitrag geschrieben habe.

Kennt ihr die Gefühle, was ich beschrieben habe oder ist das für euch vollkommen neu? Vielleicht habt ihr ja schon eine Methode gefunden, um damit umzugehen? Was denkt ihr darüber? Ich bin neugierig! Schreibt mir gerne einen Kommentar zu dem Thema.

Tüdelü,
eure Babsi


Titelbild:  Martin Kníže von Unsplash

 

Buchlabor: Warum sind Geister unheimlich?

Buchlabor: Warum sind Geister unheimlich?

Halloween ist vorbei, aber ich als alte Spuk- und Horrorfanatikerin beschäftige ich mich gerne ganzjährig mit dem Paranormalen. Umso besser, dass das erste Thema des „Buchlabors“ sich mit Geistern in der Literatur beschäftigt. Ich fürchte ich bin ein bisschen ins psychologische abgedriftet und am Ende habe ich mehr Film- als Buchbeispiele, aber ich hoffe, was ich sagen möchte, kommt rüber!

Was ist das Buchlabor?
Das Buchlabor entstand nach einem Vortrag von Eva-Maria Obermann auf dem Litcamp 2017 über Buchblogger und Literaturwissenschaft. Zwar wird die Buchblog-Szene vom Feuilleton oftmals belächelt, aber viele Blogger und Blogger*innen betreiben aufwändige Analysen, die weit über normale Kreisch-Rezensionen hinausgehen. Viele Blogger*innen studieren, beschäftigen sich eigentlich auch gerne tiefer mit der Literaturwissenschaft, aber schreiben kaum solche Beiträge. Daraus entstand der Plan ein bisschen mehr Wissenschaft in die Literaturszene der Blogger zu bringen. So kam es zu „Buchlabor„. Auf twitter auch unter dem Hashtag #litwipunk zu finden. Interessierte dürfen sich gerne auch an Eva wenden, wir freuen uns über weitere „Forscher“.

  • Eva beleuchtet auf Schreibtrieb einige Spukgestalten *klick*
  • Marit von gedankenglas hat sich auch Gedanken gemacht *klick*

Geister! Geister! Geister!

Geister in der Literatur sind kein neuzeitliches Phänomen und nicht gebunden an fantastische Werke. Sie treten auch in Alltagserzählungen auf, an Orten, an denen man sie manchmal gar nicht erwartet. Manchmal wird lediglich angedeutet, dass man es als Leser*in mit einem Gespenst zu tun hatte. Warum sind Geister eigentlich unheimlich?

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Oftmals spielen Geister gar keine zentrale Rolle, aber in Oscar Wildes „Das Gespenst von Canterville„oder in Charles Dickens „Eine Weihnachtsgeschichte“ sind sie tatsächlich wichtige Akteure und keine blasse Andeutung. So sucht der Geist von Jacob Marley seinen ehemaligen Geschäftspartner, den wohl liebsten grantigen alten Mann der Geschichte, Ebenezer Scrooge heim und warnt ihn vor der Ankunft weiterer Geister. Und nach dieser spukreichen Nacht ist Scrooge wie verwandelt und krempelt sein Leben um, um nicht ebenfalls als Schreckensgestalt der Nacht seine Sünden als schwere Ketten durch die dunklen Gassen zu schleifen.

Geister, die den Lebenden den Weg weisen oder mahnend zeigen, was passiert, wenn man den rechten Weg verlässt – ein beliebtes Motiv.

Auch wenn sie als gruseliges Element genutzt werden, so kommen sie meist mit guten Absichten oder mit einer scheinbar göttlichen Mission. Manchmal auch, um sich das eigenes Gewissen reinzuwaschen. Das Gespenst von Canterville, respektive Sir Simon, wird erlöst, als die aufrichtige und gutherzige Virginia für sein Seelenheil betet. Alles halb so wild, also?
An den Tagen um Halloween und Allerheiligen gedenkt man der Toten, ehrt sie mit Blumen, Gebeten, verkleidet sich um böse Geister zu vertreiben und zündet Laternen an, die verlorenen Seelen den Weg weisen sollen. Der Glaube an Gut und Böse, die Angst vor bösen Geistern und das Gedenken an gute Geister zeigt diesen Zwiespalt.

Nun berichtet die Literatur nämlich auch von bösartigen, gefährlichen Geistern, die die Lebenden nicht etwa auf eine friedvolle Art heimsuchen und sich nicht mit einem einfachen Schrecken zufrieden geben.

Die Legende von Sleepy Hollow“ von Washington Irving präsentiert uns einen solchen boshaften Geist, nämlich den kopflosen Reiter, der arglose Wanderer durch einen finsteren Wald jagt um seinen eigenen Kopf zu finden. In „Das Wrack„, einer Kurzgeschichte von Helmuth M. Backhaus werden die goldgierigen Geister von Plünderern schließlich dem Leuchtturmwärter zum Verhängnis. Es sind auch die Geschichten von Edgar Allan Poe und H.P. Lovecraft, die sich mehr auf die bösen, düsteren Geister beziehen. So wird in Lovecrafts „Träume im Hexenhaus“ der bösartige Geist einer alten Frau sichtbar, die kleine Kinder entführt, dem Teufel opfert und schließlich auch den neugierigen Studenten, der in ihrem Zimmer schläft, ein schlimmes Schicksal beschert.

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Beides Mal sind die Gespenster auch zu Lebzeiten bereits schlecht, böse und mörderisch unterwegs und führen ihr Schreckenswerk nach dem Tode fort; wobei die alte Hexe nicht wie der kopflose Reiter nach Erlösung sucht, sondern in den Diensten ihres schrecklichen Meisters steht (Ich schätze, wenn man die Wahl hat, nach dem Tod von cthulhuesken Monster auseinanderklamüsert zu werden, würden sich einige dafür entscheiden, lieber mit einer Ratte mit Menschengesicht zusammenzuarbeiten).

Die Hoffnung, auch wenn man zu Lebzeiten ein sündiger Scharlatan und Verbrecher war, im Tod irgendwie durch Beten und Buße Vergebung zu finden, wird durch H.P. Lovecraft zumeist zerschlagen – und das trägt wohl zum dem ungewöhnlichen und unangenehmen Gefühl bei, das einen beschleicht, wenn man seine Geschichten liest. Wahrer Horror kennt kein Hintertürchen. Es gibt keine zweite Chance, keine Erlösung, keine Hilfe von göttlichen, barmherzigen Mächten. Die Angst vor dem Tod bleibt ungebrochen, die Hoffnung auf Gnade und Verzeihung wird zerschmettert. Einmal begangene Fehler lassen sich nicht ausbügeln, selbst unbedarfte Menschen werden in den Sog der bösen Geister gezogen und sind dem Untergang geweiht, egal wie aufrecht, gut und gottesfürchtig sie sind. Etwas, das man vermehrt auch im asiatischen Horror vorfindet. Im Film „Ju On – Der Fluch„(2003) werden alle, die das Haus betreten, in den Tod getrieben – egal, was für Menschen sie sind (selbst die Katze!1!elf!).

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Es gibt keine Lösung, kein Entrinnen, keine Hoffnung. Nicht einmal im Tod finden die Gepeinigten Frieden, nein, sie werden oftmals selbst zu Marionetten des Bösen. Viele Horrorfans, aber auch Gelegenheits-Zuschauer geben an, dass von vielen asiatischen Horrorgeschichten ein ganz besonders ekelhaftes Gefühl, ein Schauer zurückbleibt, der irgendwie anders als bei westlichen Büchern und Filmen ist. Auch wenn viele Horrorfilme wie „Drag me to hell„(2009) letztlich schlecht ausgehen, so liegt das oftmals nicht daran, dass es keine Lösung, kein Entrinnen gab, sondern dass die Protagonisten einen Fehler begingen oder zu langsam waren. Die Hintertür wird zwar nicht erreicht, aber sie ist da. H.P. Lovecraft und asiatischer Horror sind da gnadenloser. Man hat einfach von vornherein keine Chance und das macht es umso schwerer, dem Kampf der handelnden Figuren zuzuschauen, denn wir hoffen mit ihnen. Liegt der besondere Grusel vielleicht also ebendiesem verweigerten Licht am Ende des Tunnels?

Eine so vernichtend klare und aussichtslose Antwort ist verunsichernd und erschüttert bis in Mark und Bein. Hat doch niemand eine Antwort auf die so drängende und vielgestellte, philosophische Frage „Was kommt nach dem Tod?“. Wir können nur glauben und hoffen – wissen können wir es nicht. Da das Leben genug zermürbende und schreckliche Ereignisse für uns bereithält, lesen wir heitere Geschichten oder suchen in diesen Boten des Todes irgendeinen Sinn, eine Botschaft, weil wir etwas anderes nur schwer ertragen.

Charles Dickens mochte es, Geistern oder geisterhaften Erscheinungen eine Botschaft mit auf den Weg zu geben. Sie symbolisieren etwas. So ist die schattenhafte Gestalt, die der Bahnwärter in „Der Bahnwärter“ sieht letztlich eine Prophezeiung, eine Vorwarnung auf dessen eigenen Tod. Teils ist diese Erscheinung wohl verantwortlich am Tod des Mannes, denn Geister kommunizieren nicht immer so klar wie es die Geister der Weihnacht tun. In Fantasy Geschichten treten Geister unter anderem als handelnde Figuren, Berater, Sidekicks oder lustige Weggefährten auf.

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Das ist alles nur in meinem Kopf~“, singt Andreas Bourani in seinem Lied und beschreibt damit die Wendung, die viele Bücher nehmen. „Es war gar kein Spuk, die Person ist nur psychisch krank!“.  Dieses Motiv, der psychologische Twist, ist nach wie vor sehr beliebt, wenngleich es wenigen Geschichten gelingt, diese Waage zu halten. Meist ist einem als Leser oder Zuschauer schnell klar, was wirklich Sache ist. Zumindest mir ging das bei „Black Swan„(2010) so, weswegen ich den Film ziemlich einschläfernd fand. Es ist abgenudelt und eigentlich gibt es ja dann meist keine Geister, sie sind lediglich ein Sinnbild für den einsetzenden Wahnsinn der Figuren. In der modernen Literatur werden all diese Motive und Verwendungszwecke wiederaufgegriffen. Wir finden Geister sowohl als handelnde Figuren, Berater, Sidekicks oder Nebenfiguren auf. In „Moana„(2016) eilen Großmutter und die Ahnen zu Hilfe, als Moana in ihrer größten persönlichen Krise steckt. Es ist eine beruhigende und keineswegs gruselige Vorstellung, wenn wir daran denken, dass irgendwo jemand wacht und auf uns aufpasst.

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Sind also nur böse Geister unheimlich? – Jein, Geister sind durchaus vielfältiger als man denken mag. Eine geisterhafte Wendung der besonderen Art gab es bei Filmen wie „The Sixth Sense“ (1999) und „The Others“ (2001). Im herzzereißenden Drama „The lovely bones„, dt. „In meinem Himmel“, von Alice Seybold erzählt die ermordete und vergewaltigte Suzie aus ihrem Platz im Jenseits wie die Suche nach dem Mörder und das Leben ihrer Freunde und Angehörigen weiterverläuft. Hier sind es die Geschichten, der Rahmen, in dem nur ein Geist als Figur funktioniert, die uns die Bettdecke höher ziehen lassen. Oftmals ist es die Tragik, die uns Angst einjagt. Das schreckliche Schicksal, das die Geister erleben mussten und das viel angsteinflößender ist, als die bloße Existenz eines unsichtbaren Wesens. Demnach muss nicht unbedingt das Übernatürliche an Sich unheimlich sein, die Geschichte kann ebenso dazu beitragen.


Logo: Eva-Maria Obermann, Fotos: Toa Heftiba auf Unsplash

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Video: Depressionen #fuckdepression #WSPD17

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Heute ist #WorldSuicidePreventionDay – Statistisch gesehen stirbt alle 40 Sekunden ein Mensch durch Suizid.

Bei vielen Leuten sind Depressionen ein Grund. Aber Depressionen sind gut behandelbar und es macht mich traurig, wenn die Krankheit nicht ernst genommen wird, wenn Leute das Gefühl haben, sich für ihre Empfindungen schämen zu müssen.

Ich habe zwei Videos zu diesem Thema vorbereitet. Im ersten Teil geht es um das Krankheitsbild, wie sich Leute mit Depressionen fühlen, was es bedeutet, daran zu leiden.

Im zweiten Teil geht es um die Behandlung, die Entstehung aber auch die Prävention von Depressionen.

Du bist nicht allein. Du bist mehr als deine Krankheit.