World Suicide Prevention Day 2018

World Suicide Prevention Day 2018

Heute, am 10.09 ist World Suicide Prevention Day 2018.  CN/TW: Suizid.

Gemeinsam mit einigen lieben Blogger*innen habe ich eine Reihe von Beiträgen, Videos und Interviews für euch vorbereitet (Alle Links und Teilnehmer findet ihr weiter unten). Wie man Betroffenen helfen kann, was uns glücklich macht und am Leben hält, …

Warum? Weil Statistiken¹ zufolge jährlich mehr Menschen durch Suizid versterben als durch Autounfälle, Drogen und HIV zusammen. Das umfasst nur die nachweisbaren Fälle. Weil die Wartezeit auf einen Therapieplatz um die sechs Monate beträgt. Weil es viele Menschen gibt, die an psychischen Erkrankungen leiden.

Das ist auch ein persönlicher Beitrag. Und ich will es aufschreiben – für mich und für diejenigen da draußen, die leiden. Und die vielleicht gerade gedanklich eine Pro & Contra Liste für ihr eigenes Leben aufstellen.

Wann hatte ich das letzte Mal Suizidgedanken?

Vor vier Tagen.

Passive vs. aktive Suizidgedanken

Man unterscheidet in der Fachsprache gerne in aktive und passive Todesgedanken. „Passive Todesgedanken“ z.b. „Ich wünschte, ich könnte 1 Jahr schlafen“, „Ich kann nicht mehr“, „Wo ist der Pauseknopf für mein Leben?“, „Kann mich bitte jemand erschießen?“ sind verbreitet. Sie treffen vermutlich jeden Menschen, mal öfter, mal weniger. In der Regel ziehen sie wie Wolken vorbei. Wenn sie jedoch als hartnäckiges Tief hängen bleiben oder anfangen zu rumoren, sollte man etwas gegen sie unternehmen.

„Aktive Todesgedanken“ hingegen beinhalten konkrete Pläne. Man überlegt sich, was man in einen Abschiedsbrief schreiben würde, welche Methode man wählt, welchen Tag, welchen Zeitraum. Sie sind oft bildlicher, drängen sich auf und sind laut und überdecken jede andere Lösungsmöglichkeit. Spätestens dann wird es höchste Zeit, sich Hilfe zu holen

Suizidgedanken sind u.a. ein Symptom von Depressionen. Ich leide seit ca. 2015 an wiederkehrenden leichten bis mittelschweren Episoden. Bei mir waren diese aktiven Todesgedanken der Auslöser mir Hilfe zu suchen. Denn sie haben mir Angst gemacht. Hätte ich länger gewartet, hätte ich vielleicht keine Angst mehr gehabt, sondern die „Scheuklappen“. Jemand, der sich fest entschlossen hat, sich umzubringen, den kann man nur schwer aufhalten. Weil irgendwann dieser Punkt kommt, an dem man abschließt. An dem man alle anderen Lösungen, Möglichkeiten und Alternativen verwirft. Weil alles egal wird.

Was mir hierbei wichtig ist – das ist kein willentlicher Prozess. Ich verstehe, wenn Menschen wütend sind, kein Verständnis zeigen, wenn sie demjenigen die Schuld geben wollen, der durch Suizid verstorben ist. Aber die Person ist an dieser Stelle in der Regel nicht mehr sie selbst.

Bilanzsuizid

Als „Bilanzsuizid“ würde man die willentliche Entscheidung aus dem Leben zu scheiden bezeichnen. Menschen, die in die Schweiz oder andere Länder reisen, um dort selbstbestimmt – aufgrund unheilbarer Krankheiten und ihrer Leidensgeschichte – ihr Leben zu beenden. Oder irgendwann Medikamente und Essen verweigern.

Die gesellschaftliche Stigmatisierung und Tabuisierung aller Themen, die mit Tod oder Leid zu tun haben, wirkt meiner Meinung nach mit ein. Wer hat denn überhaupt das „Recht“ sein Leben zu beenden? Es hat etwas damit zu tun, dass jeder Mensch versteht, dass man sich mit einer Grippe krankmeldet. Aber, dass nicht jeder einsichtig ist, wenn man sich mit einem depressiven Einbruch krankmeldet.

„Wie kann ein gesunder/junger/erfolgreicher Mensch sein Leben beenden? Unverständlich! So jemandem „darf“ es doch gar nicht schlecht gehen. XY hat es noch viel schwerer als du!“ – Ja, ich denke, es hat etwas damit zu tun. Hol dir Hilfe, aber bitte woanders und möglichst unauffällig und dass du dein Leben, deine Arbeitseinstellung etc. auf den Kopf stellst, ist auch nicht wirklich gewünscht.

Es zeigt sich darin, wie Menschen auf Nachrichten eines (vermeintlichen) Suizids reagieren. Wie sie Chester Bennington beklagen, wie sie Daniel Küblböck (der laut Medienberichten von der Aida gesprungen und seither vermisst ist) verspotten. Wie sie Lindsay Lohan oder Ben Affleck vor den Kliniken auflauern, sich lustig über deren Abstürze machen. Sich am Leid anderer erheitern und aufgeilen. Es ist wohl die widerlichste Form des Voyeurismus, um sich selbst besser zu fühlen. Gesünder, heiler? Wie gesund ist jemand, der sich über den Tod oder das Unglück anderer Menschen erfreut, neugierig bei jedem Blaulichtsignal gleich die sozialen Medien öffnet, an jedem Unfall hält. Gaffen, gaffen. Wissen, was geschieht. Um jeden Preis. Losgelöst von den Menschen, den Schicksalen. Ich schäme mich.

Aber es ist keine Laune, kein Impulsgedanke, sondern das Kapitulieren einer oft lange, erfolglos geschlagenen Schlacht gegen den eigenen Kopf.

Es macht vielen große Angst über Todesgedanken zu sprechen. Zugegeben, wenn mir gute Freunde davon erzählen würden, müsste ich auch schlucken. Mein Impuls wäre auch ihnen erstmal all die guten Dinge im Leben nennen, die sie noch haben mögen. Aber bedenkt: Jemand der solche Gedanken hat, rechnet diese Gleichung im Kopf vermutlich wieder und wieder und wieder. Wichtiger als Ratschläge ist deswegen die Bereitschaft, da zu sein und zuzuhören. Eine Umarmung, ein offenes Ohr. Jemand, der einen Termin beim Psychologen vereinbart, der die Hand hält, wenn die Tränen fließen, jemand, der die innere Leere nicht mit belanglosen Worten zustopft.

Kleine Erfolge

Es gibt so unzählig viele Dinge, für die es sich zu leben lohnt. Aber wenn man im tiefsten Loch steckt, dann sieht man sie nicht. Man sieht die dunklen Wände und das helle Loch, Stecknadelkopfgroß, irgendwo ganz weit oben, unerreichbar. Es braucht jemanden, der eine Leiter dabei hat.

Miguel Bruna // Unsplash

Ich bin seit Sommer 2016 in Behandlung, meine Psychotherapie ist abgeschlossen und ich bin gerade dabei, meine Antidepressiva Schritt für Schritt abzusetzen. Mit ihnen ging es mir gut wie nie. Klar, gab es schlechte Tage, aber ich konnte sie hinter mir lassen und den nächsten Tag neu und frisch beginnen. Keine Schwarz-Weiß Brille mehr, keine irrealen Ansprüche an mich selbst, weniger Selbstzweifel, geordnete Gefühle. Momentan bin ich nicht mal bei der Hälfte angelangt und da ist sie die Todessehnsucht. Kam angekrochen und sitzt mir nun wieder im Nacken. Ich möchte weiterhin versuchen meine Medikamente zu reduzieren – aber wenn sie nötig sein sollten, glücklich und angstfrei zu leben, dann will ich sie weiter nehmen.

An einem Seminar in der Uni sollten wir mal aufschreiben, wann wir für uns selbst Suizid für möglich hielten. Ich schrieb „Pflegefall im hohen Alter ohne Aussicht auf Genesung“ und „Zombieapokalypse“.
Anschließend hieß es vonseiten der Vortragenden: „Alle, die etwas aufgeschrieben haben, sollten nicht mit suizidalen Menschen arbeiten“.

Eine Erfahrung, ein Satz, der sich mir richtig ins Gedächtnis gebrannt hat. Auch wenn ich stabil bin – ich persönlich kann mir viele Gründe vorstellen. Ich verstehe diese Gedanken, weil ich sie auch schon erlebt habe. Aber ich habe mich dafür entschieden, mir Hilfe zu holen. Und ich bereue es nicht. Ich bereue es auch heute nicht, auch wenn die Traurigkeit gerade über mich schwappt.

In meinem Praktikum April/Mai 2018 war ich in einer psychosomatischen Klinik und da gab es viele Leute mit Depressionen, mit Selbstmordgedanken, mit bereits erfolgten Versuchen. Ich fühlte mich vielen sehr verbunden. Ich bereue meinen Weg nicht, weil ich in diesem Praktikum Leute begleiten durfte, denen es ging wie mir. Die sich geöffnet haben, sich helfen ließen und nicht aufgehört haben, weiterzuarbeiten. Die am Ende dieser sechs, acht, zehn Wochen als aufrichtig lächelnde Menschen mit Hoffnung im Herzen gingen. Nicht komplett geheilt oder frei von allen Problemen – aber zuversichtlich.
Hat es mich oft sehr berührt? Ja. Habe ich irgendwann gedacht, ich sollte nicht mit solchen Menschen zusammenarbeiten? Nein.

Natürlich geht es vor allem um Selbstschutz, wenn einem andere Psycholog*innen raten, nicht unbedingt die Leute zu therapieren, die eine *zu* ähnliche Lebens- und Krankheitsgeschichte haben. Aber ich finde, es kann auch Hoffnung schenken. Es macht Mut. Und es hat auch den Mitpatient*innen Mut gemacht zu sehen, wie andere sich entwickeln. Dass es sich lohnt, auch wenn es nicht mit der ersten oder zweiten oder dritten Therapie getan ist. Das Wissen, dass es jedem so gehen kann – Schülerin, Psychologe, Bankangestellter, Maurer, Ärztin, Rechtsanwaltsgehilfe, Bäcker, Professorin. Die Hoffnung, dass ein Lachen von Herzen, eine tiefgreifende Zufriedenheit irgendwann möglich ist. In greifbarer Nähe. Erreicht.

Niemand kann diesen Weg für dich gehen. Aber wenn du gerade über dein Leben nachdenkst, über die Probleme, den Kampf und dein Leiden – dann möchte ich dir sagen, dass du es auch schaffen kannst.


Weitere Beiträge erscheinen im Laufe der kommenden Woche bei:

Die anderen Beiträge sollen ebenfalls informieren und aufmerksam machen. Es sind „nur“ Worte, Videos, Meinungen. Sie können nicht heilen, sie können nicht wiedergutmachen. Aber vielleicht können sie Funken der Hoffnung sein, ein Trittbrett auf einer Leiter.

Danke an alle Mitwirkenden, die helfen gegen das Stigma anzukämpfen, die Liebe verbreiten und sich engagieren.

Auch „Die Zeit“ hat einen Artikel veröffentlicht und darin Manuela begleitet, deren Lebenspartnerin Ute an Suizid verstorben ist. Den vollständigen Artikel kann man jedoch nur als Abonnent der Zeitung lesen.

Bei living the future berichtet ein Überlebender, was er über den Weltsuizidpräventionstag denkt.


Hilfe suchen?

To Write Love On Her Arms²

Wie läuft eine Psychotherapie eigentlich ab? Grob erkläre ich das in meinem Video. Genauer nachlesen, u.a. auch, was für Unterschiede zwischen Therapierichtungen könnt ihr beispielsweise im Buch „Psyche? Hat doch jeder“ von Lena Kuhlmann.

Es gibt viele Bücher, die sich mit dem Thema beschäftigen, die Mut machen und informieren können. Matt Haigs „Ziemlich gute Gründe am Leben zu bleiben“ hat meiner Mutter dabei geholfen, mich besser zu verstehen. Sie versucht nicht mehr mir mit Phrasen zu sagen, dass alles gut wird, sondern schickt mir Fotos von meinem Kater.

Wichtig: Im akuten Notfall, wenn euch die Suizidgedanken zu übermann drohen, dürft ihr auch einen Notarzt rufen oder euch in eine Notaufnahme begeben.

 


¹ https://de.statista.com/themen/40/selbstmord/

² https://twloha.com/

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[…] Babsi über Todesgedanken und einem Überblick über alle Beiträge […]

Liebe Babsi,

es war eine tolle Idee, noch andere mit ins Boot zu holen und damit auf dieses Thema aufmerksam zu machen! Ich hoffe, dass unsere Ergebnisse zahlreich gelesen und geguckt werden und dazu beitragen können, dass der Umgang mit psychischer Gesundheit besser wird!

Vielen Dank, für den Einblick in deine eigene Situation und in die klasse fachliche Darstellung des Themas. Diese Kombination macht aus Depressionen nicht bloß eine Krankheit, sondern ein erlebbares Leiden. Nicht Betroffene reagieren oft viel zu unsensibel…

Alles Liebe und ganz viel Kraft, um die dunklen Phasen durchstehen zu können <3

LG, Jenny

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Ohh wow, dass ist ein so wundervoller, offener, ehrlicher, wichtiger Beitrag, ich hab ein bisschen Pippi im Auge und ach, ich hab grad gar keine Worte, aber will dir ein großtes Dankeschön hierlassen! glg Franzi

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Liebe Babsi, ersteinmal: großen Dank für diese Aktion, von der ich ein Teil sein darf, für das Sammeln der Beiträge und deinen eigenen sehr mutigen Beitrag! Du sprichst Bilanzsuizide an und darüber muss ich immer noch nachdenken, weil diese in der öffentlichen Wahrnehmung mMn nicht als „echte“ Suizide wahrgenommen werden. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass unheimlich viele alte Menschen an Bilanzsuiziden sterben und wie du selbst schreibst: irgendwann nicht mehr essen und trinken. Jedoch wird hier in den Totenschein keinesfalls Suizid eingetragen, sondern eher Nieren- oder Kreislaufversagen. Entsprechend muss die Dunkelziffen von Suiziden und spezieller, Suiziden unter älteren Menschen,… Read more »

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[…] mit einige anderen Blogger/Innen und dank der Initiative von Babsi von BlueSiren wollen wir den #WSPD2018 über die ganze Woche hinweg mit verschiedensten Beiträgen auf unseren Blogs und Social Media […]

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