Schlagwort: Psychologie

[Rezension] Der Insasse von Sebastian Fitzek

[Rezension] Der Insasse von Sebastian Fitzek

[Rezension] Der Insasse von Sebastian Fitzek

Das Paket“ von Sebastian Fitzek hat mir ja eher solala gefallen, die alten, hochgelobten Bücher habe ich (noch) nicht gelesen. Das neue Buch weckte aber nicht nur aufgrund der Thematik mein Interesse. Vielleicht erinnert ihr euch noch an die Leseraktion, bei der Leser*innen gemeinsam mit Sebastian Fitzek in einer Psychiatrie „eingesperrt“ werden sollten. Nach haufenweise Kritik wurde das Event in ein Hotel verlegt. Nun ist das nicht Fitzeks erstes Buch rund um Psychiatrie, Psychologen und Psychopathen. Aber ich wollte es lesen, auch um mir ein Bild zu machen. Als angehende Psychologin bin ich vielleicht etwas sensibler bezüglich der Darstellung ebenjener. Weil meine Berufsgruppe nicht unbedingt den besten Ruf hat.


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  • Autor: Sebastian Fitzek
  • Titel: Der Insasse
  • Verlag: Droemer Knaur
  • Genre: Psychothriller
  • 377 Seiten, limitierte Sonderausgabe, geb.: 22,99€ | Ebook: 14,99€
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Worum geht’s?
Der Kindermörder Tramnitz plädiert auf nicht zurechnungsfähig und wird anstatt ins Gefängnis in eine forensische Psychiatrie gesperrt. Doch seinen letzten Mord am kleinen Max – und wo er dessen Leiche verscharrt hat, bleiben sein Geheimnis. Till Bentow, der Vater des Jungen, kann keine Ruhe finden, bis er weiß, was mit seinem Sohn passiert ist. Also übernimmt er die Identität eines Toten und lässt sich selbst einweisen. Doch in der Anstalt spielt jeder sein eigenes Spiel und die Türen nach draußen sind fest verschlossen.


Meine Meinung:

Die Prämisse des Buches verspricht Hochspannung in bedrohlicher, beklemmender Atmosphäre. Und die bekommt man auch!

Das Buch reißt einen von Anfang an mit. Fitzeks klarer, unverblümter Schreibstil und der gekonnte Perspektivenwechsel ziehen einen in die Geschichte. Wenn es um Kinder geht, ist es immer besonders schlimm. Vor allem die Ungewissheit, die größte Angst, das größte Unglück.

Till Bentow handelt verrückt und doch nachvollziehbar. Wir können ihn verstehen und hoffen mit ihm, dass sein aberwitziger Plan klappt.

Die dubiosen Machenschaften und Tändeleien in den Mauern der Steinklinik erschweren die Suche nach Antworten. Alle möglichen menschlichen Abgründe offenbaren sich. Es schmerzt, zu lesen und es schmerzt, die Verletzungen und Misshandlungen mitzuerleben.

Splatter kann Fitzek!

Die blutigen, gewaltsamen Beschreibungen kommen wie immer nicht zu kurz. Sebastian Fitzek zeigt, warum er Psychothriller schreibt, wobei manche Szenen für mich durchaus auch Horror-Genre-reif wären. Sie tragen zur Spannung bei, auch wenn in „Der Insasse“ auch die Geschichte überzeugt.

Während ich bei „Das Paket“ relativ gleichgültig durchblätterte, litt ich Qualen mit den Figuren. War wütend und schockiert, emotional involviert. Gewisse Dinge, z.B. Fingernägel oder Verbrennungen lösen bei mir immer eine richtige Gänsehaut aus. Für zarte Gemüter ist das Nichts!

Yay, gute Psychologen!

Was mich immer freut, ist, wenn Psycholog*innen und Psychiater*innen nicht als blutrünstige kalkulierende Teufel dargestellt werden. Mit Frau Sänger hat Sebastian Fitzek zumindest eine sympathische und kompetente Figur aus dieser Berufsgruppe, wenngleich die Ärztekollegen sich nicht mit Ruhm bekleckern.

Der Antagonist Guido Tramnitz war ein wirklich widerlicher, unmenschlicher Zeitgenosse, der sich durch sein Kalkül und seine barbarische Freude am Leid anderer, von seinen Mitpatient*innen abhob.

Auch das finde ich, im Lichte der vorherrschenden Stigmatisierung psychischer Erkrankungen, unfassbar wichtig.

Tramnitz Ränkespiel, die hohe Emotionalität der Geschichte und das Verwirrspiel taten ihre Wirkung. Das Buch war hochspannend, von der ersten bis zur letzten Seite. Vor allem das Finale hat nochmal reingehauen. Nervlich aufreibend!

Klitzekleine Kritikpunkte…

Letztlich bin ich nur nicht komplett vom Hocker gerissen, weil das Ende für mich zu simpel war. Der unzuverlässige Erzähler ist ein beliebtes Stilmittel, aber letztlich kam die Auflösung nicht sonderlich schockierend, sondern wirkte irgendwie… lahm? Zu Einfach? Es ging zu schnell und wirkte für meinen Geschmack zu sehr nach deus ex machina. Auch die Parts mit Ricarda blieben für mich unangenehm offen. Natürlich sollte es nur angedeutet werden, aber es war mir trotzdem nicht greifbar genug.

Die Aufmachung des Buches inkl. rotem Buchschnitt und Gummizellenhaptik und auch die kreative Danksagung sind aber definitiv auch noch positiv zu erwähnen. Sehr cool!

Ich denke zwar immer noch, dass man beim Marketing etwas sensibler mit dem Thema Psychiatrie hätte umgehen sollen. Auch weil die Einrichtung im Buch weit entfernt von einem Horrrorschauerpalast war.

Fazit:

Hochspannend, emotional und beklemmend hat dieses Buch alles, was einen guten Psychothriller ausmacht. Im Vergleich zu „Das Paket“ hat Fitzek mich hier weitaus mehr von sich überzeugt. Ein gelungener Pageturner mit heftiger Thematik, der durchgehend spannend ist.

4,5seesterne

Weitere Meinungen:
Babsi im Norden (Das erste Literaturcamp Hamburg)

Babsi im Norden (Das erste Literaturcamp Hamburg)

Babsi im Norden (Das erste Literaturcamp Hamburg)

Vor 2018 war ich noch nie in Hamburg! Ich war zwar schon in Fernost unterwegs, aber zuvor bin ich nie nördlicher gereist als Berlin. Eine wunderbare Gelegenheit, um das zu ändern war das erste Literaturcamp in Hamburg! Ich durfte bei Organisatorin Mareike (crowandkraken) und ihrem niedlichen Kater Loki nächtigen.

Ich könnte euch natürlich erzählen, wie schön alles war – Aber die Bilder und Eindrücke habe ich in einem Video zusammengeschnibbelt, damit ihr euch selbst einen Eindruck machen könnt.

Hoch oben im Norden

Für mich ging es dank früher Buchung im ICE in der ersten Klasse, knapp sechs Stunden, direkt von Bamberg bis nach Hamburg. Die Hinfahrt verlief angenehm und ruhig (Die Rückfahrt nicht, aber da war es nicht mehr so wichtig). Mareike und Nadine (Epilogues Blog) holten mich vom Bahnhof ab und gemeinsam machten wir es uns in Mareikes Butze gemütlich. Ich packte meinen Koffer aus, denn ich hatte Gastgeschenke mitgebracht – hauptsächlich für Kater Loki. Abends holten wir Vanessa (biblometasia) vom Bahnhof ab und machten es uns mit Tiefkühlpizza auf dem Sofa gemütlich.

Freitag

Da Mareike super früh rausmusste, haben Vanessa und ich zum Frühstück die Literakingdom WG von Bianca und Vera besucht, in der Jen zu Gast war. Nach Franzbrötchen, Kaffee und Nagellack ging es ab zum Aufbau! Ich hab an der Stelle einen kleinen Ausflug zum Bahnhof gemacht, um mich mit der wundervollen LaNoireSakura auf einen Kaffee zu treffen. Am liebsten hätte ich noch den ganzen Tag mit ihr gequatscht, aber ihr Zug fuhr und ich wollte zum Aufbau und mitanpacken.

Typisch Blobfisch…

Bin ich zwar an der richtigen Haltestelle ausgestiegen, aber zur falschen Kirche gelaufen. Also bin ich ein bisschen durch Hamburg geirrt, hab ein paar Fotos geknipst und als ich endlich an der Location ankam, war nicht mehr viel zu tun. Ups.

Das Litcamp fand in der Sankt Katharinen Kirche statt. Die Eröffnungssession direkt im Hauptschiff der Kirche, das Buntglasfenster vor Augen und die Orgel im Rücken. Das hatte schon was – auch wenn durch die besondere Örtlichkeit leider nicht alle Räume barrierfrei oder technisch ausgestattet waren.

Ein großes Plus war definitiv das „Awareness Team“ – falls sich jemand auf dem Litcamp angegriffen oder diskriminiert fühlte, bestand jederzeit die Möglichkeit über ein Nottelefon anzurufen. Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Diskriminierung hatten so keinen Platz. Glücklicherweise kam es zu keinen solchen Vorkommnissen, wofür alle Teilnehmer*innen nochmal gelobt werden sollten.

Samstag

Samstag hieß es: Früh aufstehen, damit wir pünktlich zum Frühstück frischen Kaffee abbekamen. Über Kaffee, Verpflegung in Form von Snacks, Brötchen, Obst und Kuchen, musste man sich keinerlei Gedanken machen, denn das Buffet war jederzeit prall gefüllt. Gestärkt und nervös ging es dann zur großen Eröffnungssession, der Vorstellungsrunde und der Sessionplanung. Gemeinsam mit Jen (Jenlovetoread) würde ich eine Session über „Aktives Zuhören & Gewaltfreie Kommunikation“ halten. Der Plan quillte über von verschiedensten Ideen und interessanten Themen. Und so hatte man die Qual der Wahl… Die genauen Session-Titel habe ich übrigens vergessen, weil ich das Gedächtnis eines Goldfisches hab. Blubb.

Session 1: Sketchnotes & Gemeinsam Schreiben

Hier habe ich ein bisschen gemogelt und bin als Barbarazzi durch die Hallen geschlichen. Ich habe den Anfang und das Ende von Anias Sketchnotes Session gehört und den Großteil bei Anne Zandt „Gemeinsam Schreiben“ gelauscht. Gemeinsam Schreiben ist durchaus eine Herausforderung. Manchmal aufwändiger als alleine und doch teilt sich die Arbeit auf, denn vier Augen sehen mehr als zwei. Dann gab es auch schon Mittagessen!

Session 2: Literaturagenturen

Die zweite Session hat mich brennden interessiert, denn es ging um Literaturagenturen. Kristina Langenbuch erzählte von den Abläufen hinter den Kulissen, den Schwierigkeiten und den Vorteilen einer Literaturagentur. Man sollte immer darauf achten, was die Agenturen im Exposé wollen, ob sie gerade Aufnahmestopp haben und es schadet nicht, wenn man bereits eigene Fans und Follower mitbringt – am Ende entscheidet aber trotzdem die Qualität des Manuskripts. Im Idealfall gibt es eine Auktion und der Text wird verschiedenen Verlagen angeboten, die sich darum streiten, wer veröffentlichen darf. Das letzte Wort hierbei, hat aber immer der*die Autor*in.

Session 3: Make Rezensionen great again

Buchblogger*innen, die sich Statistiken anschauen, wissen es vermutlich bereits. Rezensionen werden nicht so gut geklickt wie andere Beiträge. Aber warum? In der Runde wurde öffentlich über verschiedene Vorliebe, Objektivität und Subjektivität gesprochen. Fazit: Langfristig führen Rezensionen Besucher*innen auf den Blog. Wichtiger als Stilanalyse oder Länge, ist der persönliche Eindruck und die Gefühle, die das Buch in einem ausgelöst haben.

Session 4: Wie Autor*innen und Bloger*innen besser zusammenarbeiten können

Bei Autor Leon Sachs gab es wieder eine Diskussionsrunde, inklusive Brainstorming. Wie können Autor*innen und Blogger*innen besser zusammenarbeiten. Natürlich die Basics: Keine Massenmails, ehrliches Interesse, Vorab-Recherche (Welches Genre?) und zeitliche Flexibilität. Gleichzeitig die Ermutigung auch Blogtouren oder Interviews mit den Charakteren anzuregen, fernab von simplen „Buch gegen Rezension“.

Session 5: Aktives Zuhören & Gewaltfreie Kommunikation

Für mich gibt es nichts Schlimmeres als wenn Charaktere in Büchern nicht miteinander sprechen. GRAH! Dabei gibt es so viel, was in der normalen Kommunikation schiefgehen kann. Jen und ich erzählten daher etwas übers aktive Zuhören und die gewaltfreie Kommunikation. Da das ganze sehr spontan war und ich zumindest ziemlich müde, weiß ich gar nicht mehr so genau, was ich alles gesagt habe. Gefühlt habe ich mal wieder alle an die Wand geschwafelt, aber Kia hat da doch eine ganz ordentliches Sketchnote hinbekommen:

Der erste Tag war geschafft! Wir sind auf der Suche nach Essbarem zu einem Croque Restaurant gefahren. Auf dem Rückweg sind Janna und ich allerdings in die falsche S-Bahn gestiegen, mussten rennen und haben es gerade so noch zur Lesung von Magret Kindermann geschafft.

Sonntag

Nachdem wir Sonntag mit Mareike bis zum bitteren Ende geblieben sind, um alles für den Sonntag vorzubereiten, sind wir morgens zombiemäßig aus dem Bett gekrabbelt. Kaffee und Concealer übernahmen das Nötige und das Serotonin vom Vortag half dabei, wieder fit zu werden.

Session 1: Pause

Ich war immer noch hundemüde. Mich haben alle Sessions interessiert, aber letztlich habe ich in der Küche Stellung gehalten, ganz tief in meinen Kaffee geschaut und Energie für die kommenden Sessions getankt. Zwar hatte ich schon lange keine depressive Phase mehr, aber ich merke, wie leicht erschöpfbar ich immer noch bin. Ich habe gelernt, auf mich selbst Rücksicht zu nehmen und eben Pause zu machen, mir Ruhe zu gönnen, wenn ich diese brauche.

Session 2: Repräsentation in der Literatur

Damals auf dem Litcamp Heidelberg habe ich die spannende Session von Laura, Kira und Alisha verpasst – nicht dieses Mal. Zuerst erklärten diese drei wunderbaren Menschen die Basics – was ist Repräsentation, warum ist es wichtig own voices zu hören und warum brauchen wir mehr Repräsentation? Daraus entwickelte sich eine angeregte Diskussion.

Session 3: Psychologie – wie, wo, was?

Auf Nachfrage habe ich meine Session vom Litcamp Heidelberg 2018 zum Thema „Psychische Erkrankungen: Realität vs. Literatur“ wiederholt. Ich hatte sogar meine Notizen dabei und habe einige Dinge erzählt, die ich in Heidelberg zeitlich nicht mehr unterbekommen habe. Zum Beispiel die erschreckende Tatsache, dass Homosexualität erst seit 1991 nicht mehr offiziell als psychische Erkrankung in den Handbüchern steht. Genau nachlesen könnt ihr das alles *hier*.

Session 4: Tropenkrankheiten

Mareikes Mama ist einfach cool, weil sie Mareike großgezogen hat. Außerdem hat sie Kuchen gebacken. Unendlich viel Kuchen. Und sie hat in ihrer Session aus dem Nähkästchen über tropische Krankheiten gesprochen. Von Lepra, Malaria, Cholera bis hin zum Loa Loa und zum Medinawurm. Richtig schön eklig und unfassbar spannend!

 

Abschlussession

Besonders schön fand ich, dass Mareike sich Zeit genommen hat allen Beteiligten zu danken. Wirklich allen. Es sorgte für viel Applaus, gute Laune und hat einem nochmal vor Augen gehalten, was hinter den Kulissen alles passiert, damit so ein Event reibungslos über die Bühne geht.

Litcamp Blues

Schnief! Das Schlimmste am Litcamp ist, dass es viel zu schnell vorbeigeht. Man hat nie genug Zeit, all die Sessions zu sehen, die man anschauen will. Kann nie ausgiebig genug mit allen kuscheln und quatschen. Und die Stadt anschauen, naja, dafür hängt man am besten nochmal zwei Tage extra dran!

Obwohl das Wochenende anstrengend war, voller Informationen, Input und minus einen Batzen Schlaf – ich könnte das öfter machen. Zum Glück gibt es im Frühjahr schon wieder ein Literaturcamp in Heidelberg!

Am meisten vermisse ich wohl Mareike, Loki und die ganzen lieben Buchmenschen. Es ist so ein harmonisches Miteinander, ein buntes, kreatives Gewusel voller Nerdigkeit. Und gleichzeitig anspruchsvoll und lehrreich. So einen Mix bekommen wohl nur die wenigsten hin.

 

Ich ziehe meinen Hut vor der wunderbaren Organisation, den lieben Leuten und einem grandiosen 1. Litcamp Hamburg!
Dankeschön!


Weitere Rückblicke:

Zu den einzelnen Sessions:

Weißkittelphobie? Ärzte und Psychiater in der Literatur

Weißkittelphobie? Ärzte und Psychiater in der Literatur

Weißkittelphobie? Ärzte und Psychiater in der Literatur

 

Da ich selbst Psychologie studiere und Psychotherapeutin werden will, kämpfe ich nicht nur gegen die hartnäckigen Vorurteile rund um psychische Erkrankungen, sondern auch gegen die Vorbehalten gegenüber Psycholog*innen, Psychiater*innen und Ärzt*innen. Mit der „Weißkittelphobie“, genauer gesagt dem „Weißkittelsyndrom“, gibt es sogar den wissenschaftlichen Beweis, dass allein das charakteristische Kleidungsstück den Blutdruck höher treiben kann. Da muss der Onkel Doktor noch nicht mal die Spritze zücken, damit es den Patient*innen Angst und Bange wird.

Zahnarztbesuche – unangenehm, für manche Leute ist der jährliche Kontrolltermin mit Panikattacken verbunden oder nur in Begleitung oder Vollnarkose auszuhalten. Viele Menschen meiden Krankenhäuser, Arztpraxen wirken seltsam steril und die gelegentlichen Schreie und Horrorgeschichten über die lokale „Irrenanstalt“ sorgen für den Rest.

Warum verspüren wir Angst oder Unbehagen?

Einerseits hat es etwas mit dem Beruf an sich zu tun. Krankheiten, Tod, Blut, Verletzungen, Leidensgeschichten. Was Ärzte und Pflegepersonal tagtäglich mitansehen müssen, strapaziert die Nerven. Es sind Schicksale, die mit dem Krankenwagen eingeliefert werden, Schicksale, die stundenlang in Notoperationen zusammegeflickt werden und Schicksale, die mit niederschmetternden Diagnosen klarkommen müssen. Anders als bei einem Friedhof – wo der Drops gelutscht, der Frieden wiederhergestellt ist – geht im Krankenhaus das Leben ab. Der Kampf, das Drama, all die Gefühle. So etwas färbt einen Ort sicherlich.

Damit die Behandlung gut läuft, müssen die Arbeitenden auch abliefern. Mit kühlem Kopf, professionell und sauber Arbeiten. Blutbad beseitigen, Leiche weg, nächster Patient. Diese Hektik, der Prozess und die fehlende Zeit für Wehklagen, Trauer oder Wut wirkt befremdlich. Dabei ist es eine der größten Leistungen von Pflegepersonal und Ärzt*innen! Gefühle eben aufzuschieben und nicht zu heulen, während man den nächsten Patient behandeln muss. Gefühle aufschieben, nicht wegschieben.

Trotzdem hat es etwas Gruseliges, dieser präzise getaktete Ablauf eines Krankenhauses. Die sterile, unpersönliche Fassade.

Macht und Hilflosigkeit

Wie viele andere Ängste auch, fürchten wir Menschen vor allem, was wir nicht beeinflussen und kontrollieren können. Unsere Gesundheit, unser Todeszeitpunk. Wir können vieles zur Prävention oder Vorbeugung tun, aber Schicksalsschläge kommen aus dem Nichts. Als Behandelnde haben Ärzt*innen und Kolleg*innen jedoch Wissen, Mittel und demnach auch Macht, diese zu beeinflussen. Unser Wohlbefinden, unser Leben, liegt buchstäblich in ihren Händen.

Sie haben (scheinbar) die Macht uns umzubringen, unseren Tod zu vertuschen, uns für unzurechnungsfähig zu erklären und in die Klapse einzuweisen. Wem glaubt man im Zweifelsfall eher? Dem weißen Kittel.

Mit diesem Motiv habe ich tatsächlich auch in meinem eigenen Projekt „Save Our Souls“ gespielt. Als Kind ist Victoria in einer Klinik den Psychiatern, die übermenschliche Fähigkeiten erforschen und züchten wollen, hilflos ausgeliefert. Dabei wollte ich eigentlich vermeiden, ein so negatives Bild von Kliniken zu zeichnen! Deshalb habe ich auch einen Gegenpol eingebaut, denn Victoria gelingt es nur mit der Hilfe einer fähigen Psychologin ihr Traum zu bewältigen. Das ganze spielt lange vor den Ereignissen meiner Bücher. Gilt das als Spoiler? Ups!

Little Albert, Milgram, Stanford Prison Experiment, die Stoffmamas etc.

Gerade die Psychologie kann sich nicht mit Ruhm bekleckern, so sind doch einige der berühmtesten Experimente mindestens moralisch bedenklich. So wurde am jungen Albert die Entstehung von Angsterkrankungen untersucht, indem man ihm die Angst vor Nagetieren ankonditionierte (Watson & Rayner, 1920).

Harlow untersuchte bei Affenbabys das Bindungsverhalten, indem die Präferenz für eine Stoffmutter oder eine Drahtmutter getestet wurde. Auch, wenn es die Nahrung bei der Drahtmutter gab, kuschelten sich die Affen an die Stoffmutter – was beweist, dass die Bindung eines Kindes an seine Mutter eben nicht nur durch die Versorgung mit Nahrung begründbar ist. Eine wichtige Erkenntnis, die viele Äffchen traumatisiert oder sogar tot zurückgelassen hat (Harlow, 1957). Tierexperimente sind leider auch in der Psychologie immer noch häufig.

Ebenso berüchtigt sind das Stanford Prison Experiment (Zimbardo, 1971), indem Probanden in „Wächter“ und „Insassen“ aufgeteilt wurden oder das Milgram Experiment(Milgram, 1961), in dem Probanden Elektroschocks verteilen sollten. Beide setzten sich mit dem Einfluss von Macht und Authorität auseinander und sorgten neben interessanten Erkenntnissen glücklicherweise auch für Richtlinien für psychologische Studien.

Beispiele aus Literatur & Medien

 

Psychiatrie-Horror

Die zweite Staffel American Horror Story „Asylum“ spielt in einer Anstalt in den 50er-60er Jahren, wo die Behandlung von psychischen Erkrankungen noch nicht sehr weit entwickelt und teils sehr rabiat war. Sowohl die Behandlungsformen (Elektroschocks, Schläge mit dem Gürtel, Drogen, Lobotomie) als auch die Ärzte und behandelnden Nonnen sind grauenhafte Albtraumgestalten. Sie benutzen ihre Macht, um Insassen zu quälen und zu züchtigen. Heilung? Liebe? Respekt? Fehlanzeige!

Hannibal Lecter, der wohl bekannteste Kannibale, ist/war von Beruf Psychiater, der seinen Beruf und seine Expertise benutzt hat, um sich sein täglich „Brot“ zu verdienen.

Auch in Filmen wie „Verrückt“ mit Wynona Ryder und Angelina Jolie oder „Einer flog übers Kuckucksnest“ mit Jack Nicholson sieht der Psychiatrie Alltag ziemlich chaotisch und düster aus. Lichtblicke gibt es bei „Veronica beschließt zu sterben“ von Paulo Coelho.

Die traurige Wahrheit ist, dass es in den frühen Zeiten der Psychiatrie oft harsch zu ging – weil man es einfach nicht besser wusste. „Verrückte“ waren Ausgestoßene, die ruhiggestellt werden sollten. Es gab kaum Gesprächstherapie, kaum Verständnis und dennoch waren die meisten Behandler*innen wohl keine Horrorgestalten. Dennoch prägen diese teilweise wahren Begebenheiten die Folklore und dienen gerne als Motiv für Gruselgeschichten, Horrorfilme und -videospiele.

Dr. Harleen Frances Quinzel

Harleen Quinnzel behandelte den Joker, verliebte sich und wurde ihm zuliebe zur berüchtigten Harley Quinn. Je nach Comic-, Serien oder Filmadaption wird „ihre Entstehung“ anders beschrieben. In „Suicide Squad“ springt sie für den Joker in einen Bottich mit Chemikalien, ein ander Mal erhält sie ihre besonderen Kräfte durch ein Serum von Poison Ivy. Sie ist eher für ihre Person bekannt, als ihre Funktion als Psychiaterin. Dennoch verhilft sie dem größten Feind Batmans zur Flucht, indem sie ihre Position ausnutzt.

Dr. House

Dr. House ist ein unkonventioneller, ruppiger, aber brillianter Zeitgenosse aus der gleichnamigen Serie. Er ist durchaus ein Antiheld, durch seine schräge und direkte Art und seinen Medikamentenabusus. Zudem ist er auch in zwischenmenschlichen Beziehungen sehr manipulativ und lässt sich nicht gerne helfen. Dennoch würden sich viele von seinen Kollegen und auch wir als Zuschauer*innen in seine Behandlung begeben, mit dem Wissen, dass er die größten Chancen hat, uns zu heilen.

Dr. Malcolm Cowe

Gespielt von Bruce Willis in „The Sixth Sense“ ist Dr. Malcolm Cowe ein engagierter und liebevoller Kinderpsychologie, der sich um den jungen Cole kümmert, der angeblich Geister sehen kann. Während sein eigenes Leben aus den Fugen gerät, gelingt es ihm zumindest, Cole zu unterstützen.

Kriminalromane & Thriller

Kay Scarpetta ist Ärztin und Forensikerin und ermittelt in den Büchern von Patricia Cornwell. Sie ist perfektionistisch und diszipliniert, arbeitet für das Gute. Ihr scharfer Verstand und ihr kühler Kopf helfen ihr bei der Lösung von Kriminalfällen und machen sie zu einer spannenden Heldin.

In Sebastian Fitzeks Büchern tummeln sich allerlei Ärzte und Psychiater. So ist in „Das Paket“ Psychiaterin Emma Stein das traumatisierte Opfer, Dr. Roth hingegen kühl und berechnend. Psychologische Themen sind spannend und dienen vielen (Krimi-)Autor*innen als Motiv. Es wird mit Wahrnehmung, Fiktion und Realität gespielt und eben dem Machtmotiv. Wenn selbst Fachfrauen wie Dr. Emma Stein sich unsicher sind, ob es eine Halluzination oder echt ist, wie sollen wir das dann als Leser*in wissen? Das sorgt für Hochspannung!

Meine Beobachtung:

Während Ärzt*innen oftmals auch eine Heldenrolle einnehmen, sind Psychiater*innen und Psycholog*innen oftmals entweder böse oder zumindest unfähig. „Gute“ Psychiater*innen und Psycholog*innen sind zumindest in den populären Werken noch selten. Trotzdem haben auch Ärzt*innen noch ein Imageproblem: Hyperintelligent, sozial eher nicht so kompetent, oft abhängig von Medikamenten oder Drogen.

Während bei Ärzt*innen der Berufsalltag durchaus im Vordergrund stehen kann, geht es bei Psycho-Docs eher um Geheimnisse, Kriminalfälle oder gestörte Wahrnehmungen. Die Narrative gleichen sich, aber Geschichten um psychische Gesundheit werden oft düsterer und hoffnungsloser gezeichnet. Ich mache mir jedenfalls öfter Gedanken über dieses Thema und die Repräsentation in den Medien. Auch deshalb sind mir Bücher wie die von Irvin D. Yalom oder Lena Kuhlmann wichtig. Deshalb liegen mir Blogbeiträge und Infos zu „meinem“ zukünftigen Beruf so am Herzen. Um zu zeigen, dass es eben nicht nur düster-manipulative Quacksalber*innen gibt.

Was denkt ihr zu diesem Thema? Habt ihr andere Beispiele?


Beitragsbild Piron Guillaume // andere Bilder von Unsplash

[Rezension] Psyche? Hat doch jeder! von Lena Kuhlmann

[Rezension] Psyche? Hat doch jeder! von Lena Kuhlmann

Eine bloggende Psychotherapeutin? Irgendwie schäme ich mich ja schon, dass ich noch nicht früher über Lena Kuhlmann von freudmich gestolpert bin. Im Urlaub hat mir eine Bekannte von dem Buch vorgeschwärmt:

„Sag mal, Babsi, du studierst doch auch Psychologie, oder? Was hältst du von diesem Buch? Ich fand das soooo toll!

Ich habe mir den Klappentext durchgelesen, ein bisschen reingeblättert und war ziemlich angetan. Ein Psychologie Buch? Von einer jungen Autorin? Nicht über-esoterisch? Nicht reißerisch gegen Internet oder die Jugend von heute? Heureka!

Kaum war ich zuhause, flatterte auch schon eine Mail von der bezaubernden Anabelle (Stehlblüten) herein, die bei Eden Books ein Praktikum macht und bei dem Buch an mich denken musste. So habe ich dann ein Rezensionsexemplar und ein Buch zum Verlosen bekommen. Dankeschön!

Warum zur Hölle auf dem Bild oben eine Banane liegt und wie ihr ein Exemplar von diesem Buch gewinnen könnt, verrate ich euch am Ende des Beitrags!

Lena Kuhlmann: Psyche? Hat doch jeder!


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  • Titel: Psyche? Hat doch jeder
  • Autorin: Lena Kuhlmann
  • Verlag: Eden Books
  • Genre: Sachbuch, Psychologie
  • 256 Seiten, Ebook: 12,99€ | Paperback: 16,95€
  • auf amazon* anschauen

 

Worum geht’s?
Psychotherapeutin und Bloggerin Lena Kuhlmann will aufklären, hartnäckige Vorurteile aus der Welt schaffen und informieren. Über Psychotherapeuten, Depressionen, psychische Erkrankungen und alles drumherum. Liegt man apathisch und auf der Couch und spricht nur von seinen Eltern? Denkste! Wie spannend und vielseitig Psychologie ist und warum Schokolade zwar lecker ist, aber eben leider keine Depressionen heilt – all das erklärt Lena Kuhlmann in diesem Buch.


Meine Meinung:

Vorneweg: Ich fange in ca. einem Monat meinen Master in Psychologie an – für mich standen in dem Buch fast ausschließlich Dinge, die ich schon wusste. Für die meisten mag das Buch aber vor allem neue Erkenntnisse und Aha-Effekte beinhalten. 😉

Wir beginnen mit den Basics: Wie ist die Psychologie entstanden, welche Richtungen gibt es und wie unterscheiden die sich. Im zweiten Themenbereich geht es um Psychotherapeut, Psychologe, Psychosomatiker, Heilpraktiker. Behandlung mit oder ohne Medikamenten, Hilfe für Betroffene und Angehörige und die gängingen Krankheitsbilder. Zum Schluss gibt es noch einen Blick hinter die Kulissen der Psychotherapeuten.

Was mir besonders gut gefällt: Neben den Klassikern – Freud, Piaget, Bandura – bezieht Lena Kuhlmann auch soziale Medien, aktuelle Studien und Entwicklungen mit ein,  ohne sie zu verurteilen (wie es Manfred Spitzer gerne tut). Hintergrundwissen und Studien finde ich auch bei Sachbüchern unverzichtbar.

Für mich ist das einfach ein Zeichen von Qualität, denn viele Bücher rund ums Thema Geist und Gehirn sind gerne mal esoterische Meinungsbilder ohne wirkliche Fakten. In diesem Buch finden wir stattdessen Fachwissen, Fakten, angereichert mit persönlichen Erfahrungen aus dem Psychotherapie-Alltag.

Du psycho, ich psycho, alle psycho.

Nicht zu ausführlich und doch ausführlich genug werden die verschiedenen Therapierichtungen, die Geschichte der Psychologie und einzelne Krankheitsbilder beleuchtet. Das Buch dient als Überblick und schneidet die meisten Themen nur an. Zwar verstecken sich viele Weisheiten, hilfreiche Gedankenanstöße und einige Therapieansätze darin, aber wer sich genauer über ein bestimmtes Störungsbild informieren will, der muss noch weitere Bücher kaufen.

Dieses Buch sagt alles, was ich in meiner Litcamp Session angesprochen habe, nochmal geordneter, ein bisschen ausführlicher und kompakt zum Nachlesen. Im Bachelor Psychologie hat man unter anderem Wahrnehmungspsychologie, Motivation & Emotion, Entwicklungspsychologie, Psychopathologie, Gesundheitspsychologie und klinische Psychologie. Papageno-Effekt, Werther-Effekt, Übetragung, Kleiner Albert… Alle diese Bereiche werden im Buch zumindest angeschnitten und einige Worte dazu gesagt. Das finde ich für ein Buch mit knapp 256 Seiten echt beachtlich! (Lena Kuhlmann kann sich definitiv kürzer fassen als ich, hihi!)

Serotonin beim Lesen!

Und deswegen macht mich dieses Buch auch so rundum zufrieden und glücklich. Als Betroffene von Depressionen und Psychologie Studentin kann ich dieses Buch guten Gewissens absegnen und weiterempfehlen. Denn es klärt auf und baut Vorurteile ab, räumt mit Missverständnissen auf und gibt genug Einblick in die Marterie um ein Grundgefühl zu bekommen.

Dazu ist es schön gestaltet, sinnvoll und übersichtlich in kleine Wissenshäppchen gegliedert und gut geschrieben. Neben vollendeten Tatsachen gibt Lena Kuhlmann kein Allheilmittel – denn das gibt es nicht – sondern gibt viele Gedankenanstöße.

Da ich auch schon viele fragwürdige Bücher von Psycholog*innen gelesen habe bzw. seltsame Meinungen und Persönlichkeiten getroffen habe, bin ich zuversichtlich, dass Lena Kuhlmann mit ihrem Buch und ihrem Blog gute Arbeit leistet. Hirn, Herz und Gefühle stehen in diesem Buch im Vordergrund, nicht die Person hinter dem Buch.

Außerdem teile ich viele Ansichten der Autorin – denn sie schreckt nicht davor, auch ganz klar die Probleme beim Namen zu nennen: Die ewig langen Wartezeiten, die miesen Bedingungen bei der Ausbildung zum Psychotherapeuten. Genauso wie sie wünsche ich mir, dass die Menschen irgendwann so selbstverständlich und regelmäßig zum Psychologen gehen können wie zum Hausarzt. Denn immer erst dann helfen, wenn es eigentlich schon richtig schlimm ist – da sind wir uns wohl alle einig – ist nicht so prickelnd. Auch VR Brillen zur Angstexposition kann ich mir gut vorstellen!

Versprochen ist versprochen

Kommen wir nun zum Hintergrund des doch leicht befremdlichen Fotos und zum Gewinnspiel!

Schrauben locker? Nicht mehr alle Tassen im Schrank? Vollkommen Banane? – Ja, die Gegenstände auf dem Foto wirken neben dem Buch auf den ersten Blick etwas deplatziert und willkürlich. Andererseits haben wir ziemlich viele Synonyme fürs „verrückt sein“ – aber hey, wer von euch würde sich als vollkommen normal bezeichnen?

Außerdem ist die Bananen tatsächlich ein kleiner Insider für alle, die in Bamberg studieren und die Vorlesung bei Professor Carbon besuchen. Seine Folien zur Gestaltpsychologie inklusive mühevoll ausgewählter Schnappschüsse von Bananen (wegen dem nervigen Copyright bei Stockfotos etc!) sind wohl legendär. Banane im Dunkeln, Banane hinterm Wasserglas, Banane von oben, Banane in rot, Banane in schwarz-weiß… Liebe Grüße an dieser Stelle!

Das Gewinnspiel ist diesmal exklusiv auf Instagram zu finden!

Fazit:

Danke Lena Kuhlmann! Dieses Buch war dringend überfällig. Verständlich, unterhaltsam, kompakt – die wichtigsten Basics, das wichtigste Wissen über psychologische Grundlagen in einem schmucken Buch verpackt. Ich würde mir wünschen, dass dieses Buch zum Kanon gehört. Jedenfalls, wenn ich mir die Leute anschaue, die noch Witze über Suizide machen oder Menschen mit psychischen Erkrankungen raten „Sie sollen sich zusammenreißen“.

Allgemeinwissen für jeden. Jeeeeeeedeeeeen. Ja, auch für dich. Wer sich schon mit Psychologie und psychischen Erkrankungen auseinandergesetzt hat oder gar Psychologie studiert, der wird in dem Buch eher bestätigend nicken und laut „Ja“ ausrufen, als Neues zu lernen. Aber das ist auch mal ganz schön. Volle Punktzahl von mir für dieses Buch!

Zusätzlich möchte ich mich dem Ende des Buches anschließen und diesen Beitrag nicht mit einem Punkt, sondern mit einem Zeichen der Mental Health Bewegung und der Hoffnung abschließen ;

Weitere Meinungen:


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World Suicide Prevention Day 2018

World Suicide Prevention Day 2018

Heute, am 10.09 ist World Suicide Prevention Day 2018.  CN/TW: Suizid.

Gemeinsam mit einigen lieben Blogger*innen habe ich eine Reihe von Beiträgen, Videos und Interviews für euch vorbereitet (Alle Links und Teilnehmer findet ihr weiter unten). Wie man Betroffenen helfen kann, was uns glücklich macht und am Leben hält, …

Warum? Weil Statistiken¹ zufolge jährlich mehr Menschen durch Suizid versterben als durch Autounfälle, Drogen und HIV zusammen. Das umfasst nur die nachweisbaren Fälle. Weil die Wartezeit auf einen Therapieplatz um die sechs Monate beträgt. Weil es viele Menschen gibt, die an psychischen Erkrankungen leiden.

Das ist auch ein persönlicher Beitrag. Und ich will es aufschreiben – für mich und für diejenigen da draußen, die leiden. Und die vielleicht gerade gedanklich eine Pro & Contra Liste für ihr eigenes Leben aufstellen.

Wann hatte ich das letzte Mal Suizidgedanken?

Vor vier Tagen.

Passive vs. aktive Suizidgedanken

Man unterscheidet in der Fachsprache gerne in aktive und passive Todesgedanken. „Passive Todesgedanken“ z.b. „Ich wünschte, ich könnte 1 Jahr schlafen“, „Ich kann nicht mehr“, „Wo ist der Pauseknopf für mein Leben?“, „Kann mich bitte jemand erschießen?“ sind verbreitet. Sie treffen vermutlich jeden Menschen, mal öfter, mal weniger. In der Regel ziehen sie wie Wolken vorbei. Wenn sie jedoch als hartnäckiges Tief hängen bleiben oder anfangen zu rumoren, sollte man etwas gegen sie unternehmen.

„Aktive Todesgedanken“ hingegen beinhalten konkrete Pläne. Man überlegt sich, was man in einen Abschiedsbrief schreiben würde, welche Methode man wählt, welchen Tag, welchen Zeitraum. Sie sind oft bildlicher, drängen sich auf und sind laut und überdecken jede andere Lösungsmöglichkeit. Spätestens dann wird es höchste Zeit, sich Hilfe zu holen

Suizidgedanken sind u.a. ein Symptom von Depressionen. Ich leide seit ca. 2015 an wiederkehrenden leichten bis mittelschweren Episoden. Bei mir waren diese aktiven Todesgedanken der Auslöser mir Hilfe zu suchen. Denn sie haben mir Angst gemacht. Hätte ich länger gewartet, hätte ich vielleicht keine Angst mehr gehabt, sondern die „Scheuklappen“. Jemand, der sich fest entschlossen hat, sich umzubringen, den kann man nur schwer aufhalten. Weil irgendwann dieser Punkt kommt, an dem man abschließt. An dem man alle anderen Lösungen, Möglichkeiten und Alternativen verwirft. Weil alles egal wird.

Was mir hierbei wichtig ist – das ist kein willentlicher Prozess. Ich verstehe, wenn Menschen wütend sind, kein Verständnis zeigen, wenn sie demjenigen die Schuld geben wollen, der durch Suizid verstorben ist. Aber die Person ist an dieser Stelle in der Regel nicht mehr sie selbst.

Bilanzsuizid

Als „Bilanzsuizid“ würde man die willentliche Entscheidung aus dem Leben zu scheiden bezeichnen. Menschen, die in die Schweiz oder andere Länder reisen, um dort selbstbestimmt – aufgrund unheilbarer Krankheiten und ihrer Leidensgeschichte – ihr Leben zu beenden. Oder irgendwann Medikamente und Essen verweigern.

Die gesellschaftliche Stigmatisierung und Tabuisierung aller Themen, die mit Tod oder Leid zu tun haben, wirkt meiner Meinung nach mit ein. Wer hat denn überhaupt das „Recht“ sein Leben zu beenden? Es hat etwas damit zu tun, dass jeder Mensch versteht, dass man sich mit einer Grippe krankmeldet. Aber, dass nicht jeder einsichtig ist, wenn man sich mit einem depressiven Einbruch krankmeldet.

„Wie kann ein gesunder/junger/erfolgreicher Mensch sein Leben beenden? Unverständlich! So jemandem „darf“ es doch gar nicht schlecht gehen. XY hat es noch viel schwerer als du!“ – Ja, ich denke, es hat etwas damit zu tun. Hol dir Hilfe, aber bitte woanders und möglichst unauffällig und dass du dein Leben, deine Arbeitseinstellung etc. auf den Kopf stellst, ist auch nicht wirklich gewünscht.

Es zeigt sich darin, wie Menschen auf Nachrichten eines (vermeintlichen) Suizids reagieren. Wie sie Chester Bennington beklagen, wie sie Daniel Küblböck (der laut Medienberichten von der Aida gesprungen und seither vermisst ist) verspotten. Wie sie Lindsay Lohan oder Ben Affleck vor den Kliniken auflauern, sich lustig über deren Abstürze machen. Sich am Leid anderer erheitern und aufgeilen. Es ist wohl die widerlichste Form des Voyeurismus, um sich selbst besser zu fühlen. Gesünder, heiler? Wie gesund ist jemand, der sich über den Tod oder das Unglück anderer Menschen erfreut, neugierig bei jedem Blaulichtsignal gleich die sozialen Medien öffnet, an jedem Unfall hält. Gaffen, gaffen. Wissen, was geschieht. Um jeden Preis. Losgelöst von den Menschen, den Schicksalen. Ich schäme mich.

Aber es ist keine Laune, kein Impulsgedanke, sondern das Kapitulieren einer oft lange, erfolglos geschlagenen Schlacht gegen den eigenen Kopf.

Es macht vielen große Angst über Todesgedanken zu sprechen. Zugegeben, wenn mir gute Freunde davon erzählen würden, müsste ich auch schlucken. Mein Impuls wäre auch ihnen erstmal all die guten Dinge im Leben nennen, die sie noch haben mögen. Aber bedenkt: Jemand der solche Gedanken hat, rechnet diese Gleichung im Kopf vermutlich wieder und wieder und wieder. Wichtiger als Ratschläge ist deswegen die Bereitschaft, da zu sein und zuzuhören. Eine Umarmung, ein offenes Ohr. Jemand, der einen Termin beim Psychologen vereinbart, der die Hand hält, wenn die Tränen fließen, jemand, der die innere Leere nicht mit belanglosen Worten zustopft.

Kleine Erfolge

Es gibt so unzählig viele Dinge, für die es sich zu leben lohnt. Aber wenn man im tiefsten Loch steckt, dann sieht man sie nicht. Man sieht die dunklen Wände und das helle Loch, Stecknadelkopfgroß, irgendwo ganz weit oben, unerreichbar. Es braucht jemanden, der eine Leiter dabei hat.

Miguel Bruna // Unsplash

Ich bin seit Sommer 2016 in Behandlung, meine Psychotherapie ist abgeschlossen und ich bin gerade dabei, meine Antidepressiva Schritt für Schritt abzusetzen. Mit ihnen ging es mir gut wie nie. Klar, gab es schlechte Tage, aber ich konnte sie hinter mir lassen und den nächsten Tag neu und frisch beginnen. Keine Schwarz-Weiß Brille mehr, keine irrealen Ansprüche an mich selbst, weniger Selbstzweifel, geordnete Gefühle. Momentan bin ich nicht mal bei der Hälfte angelangt und da ist sie die Todessehnsucht. Kam angekrochen und sitzt mir nun wieder im Nacken. Ich möchte weiterhin versuchen meine Medikamente zu reduzieren – aber wenn sie nötig sein sollten, glücklich und angstfrei zu leben, dann will ich sie weiter nehmen.

An einem Seminar in der Uni sollten wir mal aufschreiben, wann wir für uns selbst Suizid für möglich hielten. Ich schrieb „Pflegefall im hohen Alter ohne Aussicht auf Genesung“ und „Zombieapokalypse“.
Anschließend hieß es vonseiten der Vortragenden: „Alle, die etwas aufgeschrieben haben, sollten nicht mit suizidalen Menschen arbeiten“.

Eine Erfahrung, ein Satz, der sich mir richtig ins Gedächtnis gebrannt hat. Auch wenn ich stabil bin – ich persönlich kann mir viele Gründe vorstellen. Ich verstehe diese Gedanken, weil ich sie auch schon erlebt habe. Aber ich habe mich dafür entschieden, mir Hilfe zu holen. Und ich bereue es nicht. Ich bereue es auch heute nicht, auch wenn die Traurigkeit gerade über mich schwappt.

In meinem Praktikum April/Mai 2018 war ich in einer psychosomatischen Klinik und da gab es viele Leute mit Depressionen, mit Selbstmordgedanken, mit bereits erfolgten Versuchen. Ich fühlte mich vielen sehr verbunden. Ich bereue meinen Weg nicht, weil ich in diesem Praktikum Leute begleiten durfte, denen es ging wie mir. Die sich geöffnet haben, sich helfen ließen und nicht aufgehört haben, weiterzuarbeiten. Die am Ende dieser sechs, acht, zehn Wochen als aufrichtig lächelnde Menschen mit Hoffnung im Herzen gingen. Nicht komplett geheilt oder frei von allen Problemen – aber zuversichtlich.
Hat es mich oft sehr berührt? Ja. Habe ich irgendwann gedacht, ich sollte nicht mit solchen Menschen zusammenarbeiten? Nein.

Natürlich geht es vor allem um Selbstschutz, wenn einem andere Psycholog*innen raten, nicht unbedingt die Leute zu therapieren, die eine *zu* ähnliche Lebens- und Krankheitsgeschichte haben. Aber ich finde, es kann auch Hoffnung schenken. Es macht Mut. Und es hat auch den Mitpatient*innen Mut gemacht zu sehen, wie andere sich entwickeln. Dass es sich lohnt, auch wenn es nicht mit der ersten oder zweiten oder dritten Therapie getan ist. Das Wissen, dass es jedem so gehen kann – Schülerin, Psychologe, Bankangestellter, Maurer, Ärztin, Rechtsanwaltsgehilfe, Bäcker, Professorin. Die Hoffnung, dass ein Lachen von Herzen, eine tiefgreifende Zufriedenheit irgendwann möglich ist. In greifbarer Nähe. Erreicht.

Niemand kann diesen Weg für dich gehen. Aber wenn du gerade über dein Leben nachdenkst, über die Probleme, den Kampf und dein Leiden – dann möchte ich dir sagen, dass du es auch schaffen kannst.


Weitere Beiträge erscheinen im Laufe der kommenden Woche bei:

Die anderen Beiträge sollen ebenfalls informieren und aufmerksam machen. Es sind „nur“ Worte, Videos, Meinungen. Sie können nicht heilen, sie können nicht wiedergutmachen. Aber vielleicht können sie Funken der Hoffnung sein, ein Trittbrett auf einer Leiter.

Danke an alle Mitwirkenden, die helfen gegen das Stigma anzukämpfen, die Liebe verbreiten und sich engagieren.

Auch „Die Zeit“ hat einen Artikel veröffentlicht und darin Manuela begleitet, deren Lebenspartnerin Ute an Suizid verstorben ist. Den vollständigen Artikel kann man jedoch nur als Abonnent der Zeitung lesen.

Bei living the future berichtet ein Überlebender, was er über den Weltsuizidpräventionstag denkt.


Hilfe suchen?

To Write Love On Her Arms²

Wie läuft eine Psychotherapie eigentlich ab? Grob erkläre ich das in meinem Video. Genauer nachlesen, u.a. auch, was für Unterschiede zwischen Therapierichtungen könnt ihr beispielsweise im Buch „Psyche? Hat doch jeder“ von Lena Kuhlmann.

Es gibt viele Bücher, die sich mit dem Thema beschäftigen, die Mut machen und informieren können. Matt Haigs „Ziemlich gute Gründe am Leben zu bleiben“ hat meiner Mutter dabei geholfen, mich besser zu verstehen. Sie versucht nicht mehr mir mit Phrasen zu sagen, dass alles gut wird, sondern schickt mir Fotos von meinem Kater.

Wichtig: Im akuten Notfall, wenn euch die Suizidgedanken zu übermann drohen, dürft ihr auch einen Notarzt rufen oder euch in eine Notaufnahme begeben.

 


¹ https://de.statista.com/themen/40/selbstmord/

² https://twloha.com/

[Rezension] Ich fühle so tief ich kann von Liane Cornelius

[Rezension] Ich fühle so tief ich kann von Liane Cornelius

Ich war ziemlich überrascht, als mich die E-Mail erreichte, in dem mir „Ich fühle so tief ich kann“ von Liane Cornelius als Rezensionsexemplar angeboten wurde. Von der Autorin hatte ich nie zuvor gehört, aber sie hatte sich die Mühe gemacht meinen Blog genau anzusehen und mir eine liebe und persönliche Mail zu schreiben. Außerdem hat Liane mir Zeit gelassen, ihr Buch zu lesen und war nicht ungeduldig und unhöflich. Eine angenehme Abwechslung zu den lieblosen Massenmails à la „Lieber Blogger…“.

Außerdem klang dieses Buch wirklich interessant – ob es mir gefallen hat?

Liane Cornelius – Ich fühle so tief ich kann


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  • Autorin: Liane Cornelius
  • Titel: Ich fühle so tief ich kann (396 Seiten)
  • Genre: Entwicklungsroman
  • BOD, Taschenbuch: 15,99€ | Ebook: 11,99€
  • auf amazon*

 

Worum geht’s?
Liane „Lilly“ ist in der Mitte ihres Lebens angelangt und hat viel mitgemacht. Vier OPs braucht es noch, damit sie wieder schmerzfrei gehen kann. Als Physiotherapeut Andreas in ihr Leben tritt, ahnen beide noch nicht, dass ihre Begegnung weitreiche Folgen haben wird. Liane ist verletzt und hat Angst, fallen gelassen zu werden. Andreas hingegen ist manipulativ, sexsüchtig und eiskalt hinter seiner freundlichen Fassade. Doch der Kontakt der beiden entwickelt sich zu einem tiefgründigen Austausch und sie lernen sich tiefer kennen als ihnen lieb ist.


 

Meine Meinung:

Ich kannte aus der Mail nur den groben Inhalt, den Klappentext und die psychologischen Themen, die im Buch angeschnitten werden. Als ich das Buch dann anfing war ich vom Aufbau und der Geschichte doch recht überrascht. Auch, wenn am Ende der Hinweis kommt, dass alle handelnden Figuren frei erfunden sind, liest es sich wie eine Art Biografie, ein Tagebuch. Denn wir als Leser sind untrennbar mit Lillys Gedanken verbunden, erleben und fühlen durch sie. Der Schreibstil passt dazu und ist persönlich gefärbt und reich an Sinneseindrücken. Das fand ich schön!

Zwischen den Passagen, die ihren schwierigen Alltag behandeln, streuen sich Erinnerungen an ihre Kindheit. Spannend und sehr nah erleben wir, was Lilly mitmachen musste und wie sie die Frau wurde, die sie im Buch ist.

Nach und nach decken wir ihre Gedanken, Gefühle und Narben auf. Während Andreas zuerst unnahbar und irrational erscheint, erreicht die seltsame, beinahe magisch anmutende und ungewöhnliche Beziehung der Beiden tiefe Gefielde. Fast schon phantastisch mutet die telepathische Kommunikation an. Die Gespräche und Liebeleien finden oft nur in Lillys Kopf statt und eine Zeit lang wissen wir nicht, ob sie sich das vielleicht nur einbildet. Schließlich ist Andreas nur selten physisch so ehrlich, so offen und so ruchlos wie seine „Seele“.

Das Cover ist simpel gehalten und sieht ordentlich aus. Ich persönlich hätte die Schrift noch ein bisschen konstrastreicher gemacht. Aber das sind nur Äußerlichkeiten.

An dieser Stelle eine kleine Warnung: Das Buch spricht Themen wie Missbrauch, Suizid und psychische sowie physische Gewalt an.

Wir fühlen wirklich so tief es geht, explorieren und grübeln mit Lilly was mit ihr und Andreas los ist. Als Hobby Psychologen arbeiten wir mit den Bröckchen Interaktion, mit Gesten und wenigen Worten und versuchen herauszufinden, welche Puzzleteile Andreas erklären. Der reale Alltag um Lillys Krankheit wird damit oft zur Oase der Ruhe, aber auch zur Nebensache. Denn sie ist eigentlich glücklich mit Tony verheiratet und Andreas hat seine Freundin Laura.

Außerkörperliche Erfahrung…

Zugegeben, am Anfang wirkte die esoterische, rein geistige Beziehung der Beiden etwas abstrus, absurd auf mich. Zwei Seelenverwandte, die im Geiste miteinander kommunizieren und sich berühren und Gefühle auslösen. Das habe ich nicht erwartet und es hat ein bisschen gebraucht, mich darauf einzulassen. Einfach, weil ich dieses „phantastische“ Element nicht erwartet habe.

Die Beziehung von Andreas und Lilly – generell alle von Andreas‘ Beziehungen – scheinen im Machtgefüge etwas verrutscht, sicher nicht ideal oder gesund zu sein. Aber das stellt die Autorin auch nicht so dar. Es ist klar, dass diese Form der Kommunikation, diese Beziehung etwas Seltsames, Intensives aber auch Belastendes darstellt. Dass es sich um zwei schwer verletzte und traumatisierte Personen handelt, die sich gegenseitig mit seltsamen Methoden versuchen über Wasser zu halten.

Lässt man sich jedoch darauf ein, bekommt man als Leser*in ein spannendes Spiel serviert, ein Ringen und Zerren, ein interessantes Bild zweier Menschen und immer wieder psychologische Anekdoten und Informationen.

Liane Cornelius kann diese Form der Visualisierung wunderbar beschreiben. Wie man z.B. seine „Angst“ als Figur zeichnet und diese in die Ecke des Raumes stellt. Solche gedanklichen Bilder werden oft eingesetzt, um Genesungsprozesse zu unterstützen und komplexe Sachverhalte wie Gefühle greifbarer zu machen. Auch Entspannungsübungen und Traumreisen werden so eingesetzt und man merkt im Buch, dass Liane die richtigen Worte für solche Sachverhalte finden kann.

Wehmutstropfen

Ein größeres Manko für mich war das fehlende(?) Lektorat. Das Buch ist im Selfpublishing bei Book on Demand erschienen und man merkt leider an manchen Stellen, dass kein professionelles, umfassendes Lektorat bzw. Korrektorat stattgefunden hat. Weniger an Rechtschreib- oder Grammatikfehlern („Wochen-Ende“), sondern an Formulierungen oder einzelnen Szenen, die ich nach meinem Empfinden in so einem Durchgang gestrichen hätte. Letztlich hat es den Lesefluss nicht so sehr gestört, aber es ist eben doch hier und da aufgefallen.

Fazit:

Dieses Buch ist definitiv etwas Besonderes und hat mich an vielerlei Stellen überrascht. Wer eine seichte Liebesgeschichte oder Erotikschmonzette sucht, ist hier falsch. Viel mehr geht es mehr um Gefühle, Traumata und die Bewältigung der Erfahrungen. Die Beziehung von Lilly und Andreas ist interessant, manchmal seltsam und erschreckend. Nachdem ich mich auf den „esoterischen“ Austausch der beiden Seelen eingelassen habe, war das Buch spannend und interessant, sehr nah und sehr gefühlvoll. Von mir gibt es deshalb vier Seesterne.

Ein wirklich süßes Extra: Auf der Homepage von Liane könnt ihr einen Test machen, ob das Buch etwas für euch sein könnte! Den Test habe ich erst nach dem Lesen entdeckt, aber mir wurde die Leseprobe empfohlen. Hihihi.

Weitere Meinungen:


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Psycho oder was? Psychische Erkrankungen Literatur vs. Realität

Psycho oder was? Psychische Erkrankungen Literatur vs. Realität

Psycho oder was? Ist der Schizophrene immer der Serienmörder?

So, das Video zu meiner Session vom Literaturcamp in Heidelberg ist online und endlich präsentiere ich euch auch den Beitrag in verschriftlicher Form.

Ich war sehr aufgeregt und habe einige Dinge vergessen, die ich eigentlich erzählen wollte. Die tolle Diskussion, die aus dem Thema entstanden ist, ist absolut sehenswert. Schaut euch das Video unbedingt an!

(Nur eine kleine Warnung vorweg, da Themen wie Suizid und psychische Erkrankungen besprochen werden. Wenn euch diese Themen sehr nahe gehen, genießt das Video und den Beitrag bitte mit Vorsicht.)

Schizophrenie

=/= mehrere Persönlichkeiten.

Schizophrenie beschreibt – je nach Unterdefinition – schubweise auftretende Phasen, in denen es zu auditorischen, visuellen, taktilen Halluzinationen kommt. Am häufigsten kommt es dabei zu einem Verfolgungs- oder Vergiftungswahn. Das heißt, in diesen Phasen, denkt man, dass man z.B. von der Regierung verfolgt wird oder dass eine Geheimorganisation einen vergiften will. Ferner kann es sein, dass man Stimmen hört, die einem einreden, dass Person XY böse ist oder man denkt, dass man Implantate/Käfer o.Ä. unter der Haut hat.

Wie genau die Halluzinationen oder das Wahnkonstrukt aussieht, wie stark und wie häufig die Schübe auftreten, ist unterschiedlich.

Ihr könnt euch vermutlich vorstellen, dass man sich zurückzieht, dass man vorsichtig oder sogar aggressiv wird, wenn man glaubt, verfolgt zu werden. Aber nicht alle Menschen mit einer schizophrenen Störung richten diese Angst und Aggression nach außen. Leider kommt es häufig auch vor, dass diese Personen sich umbringen, weil die Belastung zu groß wird. In klaren Phasen sind sich diese Menschen übrigens oft durchaus bewusst, wie irrational und komisch ihr wahnhaftes Verhalten war.

Foto von Marten Newhall

Dennoch kann man in den Schubphasen wenig gegen die Halluzinationen tun, da sie von chemischen Prozessen im Gehirn (z.B. Dopaminüberschuss) herrühren. Wichtig in der Therapie ist deshalb die Frühwarnzeichen zu erkennen und im Falle einer einsetzenden Phase frühzeitig mit Medikamenten zu wirken.

Was ist denn dann multiple Persönlichkeit?

Schizophrenie und eine multiple Persönlichkeitsstörung, heute in der Literatur hauptsächlich beschrieben als „dissoziative Persönlichkeitsstörung“, sind klar voneinader abzugrenzen.

Eine „Dissoziation“ ist ein „Abschalten“ der bewussten, kognitiven Kontrolle. Man kann positiv dissoziieren z.B. wenn man als Künstler in einen Flow kommt oder ein tolles Buch liest und die Welt um sich herum vergisst. Bei Traumata kann es vorkommen, dass man getriggered wird und dadurch „abschaltet“, sich also im Nachhinein nicht wirklich daran erinnert, was man genau während der Zeit der Dissoziation gemacht hat.

Forscher streiten sich inwiefern und wie stark Dissoziation möglich ist, ob wirklich mehrere Persönlichkeiten unabhängig voneinander existieren können. Generell geht man heute davon aus, dass es keine richtig klaren Cuts, bzw. Schalter gibt, die das eigentliche Selbst komplett in den Hintergrund drängen. Es wird also bezweifelt, dass es wirklich Personen gibt, die mehrere klar trennbare Persönlichkeiten haben. Dennoch gibt es viele Personen, die davon berichten und Bücher darüber geschrieben haben.

Ein abgeschwächter Mechanismus der Dissoziation wäre z.B. das Phänomen, das viele Leute nach dem Tod eines Angehörigen für einige Wochen „funktionieren“ und professionell und kühl alles Organisatorische abwickeln und erst nach der Beerdigung wirklich in das Trauern hineinfallen. Das zeigt auch, dass viele Prozesse, die psychische Erkrankungen mit sich bringen, bis zu einem gewissen Grad funktional und von der Natur angelegt sind.


Depression

Man geht davon aus, dass die Hälfte der Menschheit in ihrem Leben zumindest eine depressive Episode hat.

Eine depressive Episode ist eine zeitlich begrenzte Phase, in der die Symptomatik einer Major Depression erfüllt ist. Treten solche Phasen häufiger auf, z.B. mit 25, mit 30, mit 34, so spricht man von einer „rezidivierenden“ depressiven Störung. Sind hingegen nicht alle Kriterien erfüllt, aber es ist eine andauernde gedrückte Stimmung ohne Besserung spricht man von einer „Dysthimie„.

Davon abzugrenzen ist eine „manisch-depressive Störung“, die heute eher als bipolare Störung bekannt ist.

Typisch für Depressionen sind eine negative Sicht, eine „schwarze Brille“ und ein schwarz-weiß Denken. Es gibt nur das eine extrem oder das andere. Dadurch entstehen toxische Glaubenssätze, die die Person wieder und wieder verinnerlicht.

„Ich möchte wieder früher als 12 Uhr mittags aufstehen. Mir gelingt es, ein bisschen früher aufzustehen. Aber: Wenn ich nicht um 6 Uhr auf der Matte stehe, ist das nichts wert.“

„Ich bin nicht gut in der Schule/Uni/im Beruf, ich tauge zu nichts!“

Kogn. Triade nach Beck (1992)

Die ersten Schritte bei einer Therapie wären je nach Verlauf, Intensität und spezifischer Lebensgeschichte die Selbstbeobachtung, das Aushebeln der fatalisierenden Gedanken und das Hinterfragen der eigenen Überzeugungen.

Bin ich wirklich ein Versager, nur weil ich schlecht in der Schule bin?

Dann würde man ansetzen mehr positive, Energie schenkende Verhaltensweisen in den Alltag einzubauen. Sog. „Skills“, die in stressigen Zeiten entlasten, die der Erholung und dem Auftanken dienen. Reicht das nicht, müssen Stressoren gezielt angegangen und reduziert werden, auch wenn das bedeuten kann, den Job zu kündigen, den Eltern Paroli zu bieten oder Kontakte abzubrechen.

Ein bisschen ausführlicher habe ich über diese Themen auch in meinen zwei Videos zum World Suicide Prevention Day 2017 berichtet (Teil 1 Symptomatik und Teil 2 Behandlung).

Medikamente

Viele sehen den Einsatz von Psychopharmaka skeptisch. Zu unterschiedlich und unberechnbar die Wirkung. In der Realität sind Medikamente jedoch oft unerlässlich. Therapie gelingt nur, wenn die Person stabil genug ist, wenn sie genug Energie hat. Und da psychische Erkrankungen zumeist im Gehirn durch Hormone verstärkt werden, muss oft zuerst medikamentös nachgeholfen werden.

Inzwischen hat die Forschung auch allerlei Präparate entwickelt, die nicht süchtig machen und eine gute Wirkungsbalance haben. Natürlich kann es zu Nebenwirkungen kommen, deswegen sollte man nicht unreflektiert Pillen schlucken, aber wenn man die Wahl zwischen „leichter Sonnenbrand zu bekommen“ und „Depressionen“ hat, entscheiden sich die meisten wohl für Ersteres.

Zumal die Medikamente oftmals abgesetzt werden können, wenn Stabilität vorliegt und die Therapie gut verlaufen ist. Dafür sollte sich niemand schämen müssen.

Wenn man eine schwere Grippe hat, nimmt man auch Antibiotikum, weil der Körper sich alleine nicht so effektiv gegen die Erreger wehren kann.

 

Uwe Hauck, der fleißig mitdiskutiert hat, hat mir sein Buch übrigens im Anschluss an die Session geschenkt. Vielen vielen Dank für die Offenheit und die spannende Diskussion.

Seine Erfahrungen #ausderklapse könnt ihr in seinem Buch „Depression abzugeben“* nachlesen.

 

Suizid

Suizid, Selbstmord, Freitod. Je nach Wort schwingt bereits eine gewisse Bewertung mit. Suizid kann die schlimmste Folge einer psychischen Erkrankung sein – wenn kein anderer Ausweg gesehen wird, wenn das Leben unertragbar erscheint. Es kann eine Kurzschlussreaktion aufgrund akuter Belastung sein oder eine gereifte Entscheidung.

Ist jemand, der aktive Sterbehilfe in Angriff nimmt in einem psychischen Ausnahmezustand oder entscheidet er sich aufgrund seiner Bilanz des Lebens (z.B. 95 Jahre alt + unheilbarer Krebs) dafür?

Dann gibt es den seltenen, leider aber umso erschütternderen Fall des erweiterten Suizids, wenn Eltern ihre Kinder mit in den Tod nehmen.

Ich kenne mich mit dem Thema nicht gut genug aus, um ausführlich davon zu berichten. Es gibt definitiv die Möglichkeit der Unterbringung in Forensik oder eine Schuldminderung bzw. -unfähigkeit. Ob Mord oder Totschlag vorliegt, können nur Richter oder Gutachte beurteilen.

Letztendlich kann man eine Person, die die Entscheidung bereits getroffen hat, nicht mehr helfen. Viele Personen im Umfeld eines durch Suizid verstorbenen Menschens geben sich selbst die Schuld, auch Therapeut*innnen. Aber – niemand von uns kann hellsehen. Wir können offen und positiv mit der Person umgehen, aber wenn der Entschluss gefallen ist, dann kann nichts und niemand die Person mehr davon abhalten. In diesem „Scheuklappen“-Zustand helfen Worte nicht weiter. Entweder die Person entscheidet sich, sich Hilfe zu holen oder es doch noch einmal mit dem Leben zu versuchen, oder nicht.

Viele Leute, die von der Golden Gate Bridge gesprungen sind, berichten, noch während dem Fall gemerkt zu haben, wie sehr sie eigentlich Leben wollen. Oftmals sind Todesgedanken nicht der Wunsch nach dem Ende der Existenz. Sie sind eher ein Warnzeichen „So wie es mir jetzt geht, möchte ich nicht weiterleben„. Daraus kann man schlussfolgern, dass man sein Leben beendet oder etwas in seinem Leben ändert. Unterschieden wird auch zwischen passiven und aktiven Todesgedanken. Spätestens bei aktiven Suizidgedanken, sollte man sich Hilfe holen.


Therapeutisches Arbeiten

„Wow du studierst Psychologie? Kannst du dann Gedanken lesen?“

„Nee, aber bei dir weiß ich schon: Da gibt’s nicht viel zu lesen…“

Diese unhöfliche Antwort würde ich gerne immer geben. Meistens spreche ich es nicht aus. Die meisten Menschen, die noch nie in Therapie waren oder Bekannte haben, stellen sich Psycholog*innen, Psychiater*innen und Therapeut*innen nach wie vor als manipulierende, hyperintelligente Seelendoktoren vor, die mit einem Blick genau wissen, was vor sich geht.

Vier Würfel Zucker im Kaffe stehen für eine gestörte Kindheit – oder so. Ich weiß nur, wenn jemand vier Würfel Zucker in seinen Kaffee gibt, dass ich das ziemlich ekelhaft finde.

Jetzt kommt etwas, das euch vielleicht schockieren wird, aber:

Psycholog*innen und Co. sind auch nur Menschen.

Es gibt gute, engagierte Leute, es gibt emotional verstumpfte Vollidioten, esoterische Alternativdenker und wissenschaftliche Lexikonleser. Es gibt selbsverherrlichende Narzissten, die in ihrer Helferrolle Gott spielen und es gibt aufopferungsvolle Menschen, die an ihrem Helferkomplex zugrunde gehen, wenn sie merken, dass ihre Arbeit keine Früchte trägt.

Was man als Psycholog*in meiner Meinung nach vor allem macht: Fragen stellen.

Wann Therapie?

Nicht jede psychologische Störung oder Auffälligkeit muss/sollte behandelt werden. Ein Therapieauftrag ist gegeben, wenn Leidensdruck herrscht. Also, wenn die Person selbst unter ihrer Krankheit leidet und diesen Zustand verändern will.

Extremer wäre Selbst- oder Fremdgefährdung – nur in solchen Fällen können Personen auch gegen ihren Willen in eine Psychiatrie eingewiesen werden (Und das auch nur zeitlich begrenzt).

Gutachter*innen und Psycholog*innen geraten oft auch in Kritik, wenn jemand freigelassen wird, der zuvor bereits eine Straftat begangen hat oder zwangseingewiesen wurde. Wie gesagt – keiner von uns kann Gedanken lesen. Im Idealfall sieht man den Betroffenen ein bis zweimal die Woche für eine Stunde. Was der oder diejenige in der therapiefreien Zeit macht, bleibt uns verborgen, wenn Pflegepersonal oder Patient selbst nicht darüber reden möchte. Letztlich entstehen diese Gutachten nur auf dem beobachteten Verhalten, dem Gesagten – auch wenn man ein mulmiges Bauchgefühl hat, kann man Leute nicht einfach ohne handfeste Anhaltspunkte einsperren.

Und alle psychisch kranken Menschen unter Generalverdacht zu stellen und 24 Stunden zu überwachen, würde daran auch nichts ändern und wäre für den Genesungsprozess fatal.

Psychologie im Wandel der Zeit

Lobotomie und Elektroschocks, Festhalten gegen den eigenen Willen – das meiste davon gehört glücklicherweise der Vergangenheit an. Dennoch bestimmt unsere Gesellschaft was „krank“ und was „gesund“ ist.

Aus heutiger Sicht gilt in der Psychologie: Behandlungsbedarf gibt es nur, wenn man leidet. Wenn ich also rosa Elefanten sehe und diese mich nicht bedrohen, zu Straftaten animieren, belasten oder stören, muss ich deswegen keine Therapie machen.

Wissenswert ist wohl auch, erst 1987/1991 wurde Homosexualität als psychische Erkrankung aus dem DSM/ICD gestrichen. Ziemlich spät, oder? In den USA sind sog. Conversion Therapy leider immer noch Gang und Gäbe. Im Prinzip wird dort versucht, Personen des LGBTQ Spektrums ihre persönlichen Neigungen und Empfindungen „wegzureden“.

ICDSM-was?

Das „ICD“ (=International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) ist das Diagnosewerk für Mediziner*innen. In Kapitel 5 finden sich psychische Erkrankungen. Zur Abrechnung durch die Krankenkassen sind Diagnosen nach der Codierung dieses Grundlagenwerkes unabdingbar. Die aktuelle Version ICD ist der ICD-10. Die neueste Version soll 2020 erscheinen.

Das „DSM“ (= Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) ist ein amerikanisches Klassifikationssystem und beinhaltet nur psychische Erkrankungen. Die aktuellste Version ist DSM-5, welche 2014 auf deutsch erschien.

Trans*Personen in Deutschland müssen ebenfalls zum Psychologen, wenn sie eine Geschlechtsumwandlung vornehmen wollen. Fakt ist, viele Psycholog*innen sind nicht geschult oder haben keine Berührungspunkte mit dem Thema, was einige negative Erfahrungen von Trans*Personen zeigen. Theoretisch findet sich noch immer eine Diagnose unter dem Namen „Geschlechtsidentitätsstörung“ im ICD-10, die hoffentlich in der nächsten Überarbeitung rausfliegen wird.

Zum Schluss:

  • Man muss nicht auf einer Couch liegen.
  • Psycholog*innen haben Psychologie studiert, Psychotherapeut*innen haben zusätzlich dazu eine Ausbildung durchlaufen, Psychiater*innen haben Medizin mit psychiatrischem Schwerpunkt studiert. Heilpraktiker*innen haben nicht studiert und müssen nur ein paar Wochenendkurse absolvieren, um sich den Zusatz Therapeut zu holen.
  • In einer psychologischen Klinik, Psychiatrie gibt es offene Stationen, auf denen sich jeder frei bewegen kann. Nur auf geschlossenen/behüteten Stationen gibt es Einschränkungen.
  • Sigmund Freud ist längst überholt, die Kindheit spielt trotzdem eine wichtige Rolle in der Entstehung und und Aufrechterhaltung von Verhalten.
  • Ihr könnt jederzeit euren Psychologen wechseln.
  • Nur weil ein Psycholog*in ein nichtsnutziger Vollidiot ist, sind nicht alle therapeutischen Angebote nutzlos.
  • Psychologie und Gesprächstechniken sind kein abstruses Geheimwissen – jeder kann sich selbst zu jedem Thema einlesen, um ein besseres Verständnis zu bekommen.
  • Man ist nicht schwach, wenn man sich Hilfe holt.

Buchempfehlungen:


Letzten Endes konnten wir alle Themen nur anschneiden. Über jeden dieser Punkte könnte man vermutlich eine eigene Session halten und hätte immer noch nicht alles Wichtige gesagt. Die Borderline-Störung, Angststörungen, PTBS und Suchterkrankungen sind aufgrund der begrenzten Zeit komplett unter den Tisch gefallen. Vielleicht beim nächsten Litcamp! 😉

Vielen Dank an alle, die da waren und mitdiskutiert haben. Und vielen Dank an dich, dass du diesen Beitrag bis zu Ende gelesen hast. Lass mir gerne deine Gedanken und Anmerkungen da!

Tüdelü, eure Babsi


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Es muss sich was ändern! Aber wie?

Es muss sich was ändern! Aber wie?

Veränderungen – Wie funktioniert das?

In meinem Praktikum in einer psychosomatischen Klinik habe ich viel über dieses spezielle Thema nachdenken müssen. Viele Leute kommen überarbeitet, erschöpft und am Ende ihrer Kräfte zu uns. Ihr bisheriger Versuch ihr Leben und den Anforderungen der Außenwelt – sei es Job, Familie etc. – gerecht zu werden, hat sie in eine Sackgasse namens Depression getrieben. Das Beste war nicht gut genug, die eigenen Bedürfnisse wurden langsam zurückgestellt, man funktionierte, bis es nicht mehr ging. Bis Körper und Geist so laut brüllen, dass es uns von den Socken haut.

von Kyle Glenn // Unsplash

Muster und Gewohnheiten, Gedankenabfolgen, die sich eingeschlichen und automatisiert haben. „Ich muss stark für meine kranken Eltern sein“, „Wenn ich auf der Arbeit nicht alles mache, geht es den Bach runter“, „Verglichen mit den anderen sind meine Probleme doch nichtig“, „Ich schaffe das schon, ich halte das aus“, „Ich kann mir jetzt keine Pause erlauben“.

 

Die Erfahrung zeigt: Wenn ihr denkt, euch keine Pause leisten zu können, ist es höchste Zeit, genau jetzt die Bremse reinzuhauen.

Wenn ihr mit leerer Batterie arbeitet, scheitert ihr. Das Scheitern führt euch in eine gefährliche Spirale „Warum schaffe ich diese Kleinigkeit nicht?“ „Warum wirft mich das so aus der Bahn?“ – oftmals kommen von außerhalb Vorwürfe und Unverständnis. Ihr wart bisher immer stark, leistungsfähig und habt nie gesagt, wenn es euch zu viel wurde. Deswegen ist es so wichtig auch vorher mal „Stopp“ zu sagen. Denn sonst verausgabt man sich, man arbeitet sich auf und das läuft immer auf eure eigenen Kosten.

 

Es muss sich also was ändern – aber wie?

Wenn ihr an dem tiefsten Tiefpunkt seid, dann kann es schwer sein, sich selbst herauszuziehen. Genau dann ist es sinnvoll euch Hilfe zu holen. Von Ärzten und Therapeuten. Die sind keinesfalls Erlöser oder Retter – auch wenn man sich gerne mal selbst so sieht – sie sind Wegbegleiter, die euch helfen aus dem Moor rauszukommen und euch ein Stück des Weges begleiten. Laufen müsst ihr selbst wieder lernen, sonst stürzt ihr wieder ins Moor, sobald die Hilfe von außen wegfällt.

Dennoch kann es wertvoll sein, es eben nicht wie sonst ganz alleine anzugehen, auszuhalten, sich durchzubeißen. Mehrere Blickwinkel bieten neue Ideen, neue Anstöße, Methoden um eure Bedürfnisse wahrzunehmen und klar zu äußern, Hilfe, um eure Emotionen erfolgreich zu verarbeiten.

Denn oft gerät man in eine Spirale: Man unterdrückt seine Gefühle und Bedürfnisse, bis man sich komplett leer fühlt. Ausgebrannt, sinnlos.

Dabei sind Gefühle wichtig, Gefühle sind Energie, Gefühle zeigen, dass wir lebendig sind. Und alle Gefühle – auch die negativen – haben ihre Daseinsberechtigung.

„Es muss sich etwas ändern“

Es muss“ ist vage. Müssen tut niemand etwas. Das glauben wir vielleicht oft. Und wo steckt hier das „ich„?

Wenn es mir schlecht geht, will ich, dass sich etwas ändert. Aber etwas wird sich nicht einfach mit der Zeit von alleine ändern. Also:

Ich will etwas verändern.

Das ist gar nicht so leicht, denn dazu müssen wir einsehen, dass a) die Welt sich nicht von alleine ändert und b) es an uns liegt etwas umzustrukturieren oder anders zu machen als bisher. Wie soll das also gehen, wenn wir kraftlos und unmotiviert sind? Hier kommen die Gefühle ins Spiel.

  1. Trauer „Ich will so nicht weiterleben“
  2. Wut „Ich will, dass es mir verdammt nochmal endlich wieder besser geht!“
  3. Veränderung

Veränderung klappt nicht immer auf den ersten Versuch. Deswegen heißt es zu beobachten und zu sehen: Hat meine Maßnahme etwas gebracht? Falls nein, ist das traurig, denn wir haben uns Mühe gegeben, den Kreislauf zu unterbrechen! So ein Scheiß, dass das nicht funktioniert hat!

Gefühle sind Energie. Wut ist ein wunderbarer Antreiber für Veränderung à la „Jetzt erst recht!“

Dafür ist es aber so so wichtig, auch die Trauer zuzulassen. Wenn etwas nicht funktioniert, haben wir als Kind häufig erstmal geweint. Das mag banal erscheinen, aber es ist okay enttäuscht und niedergeschlagen zu sein, wenn etwas nicht funktioniert. Das ist kein unberechtigtes Gefühl, das wir wegschieben sollten.

Aufgepasst: Es bringt nichts Trauer und Wut gegen sich selbst zu richten. „Das hat nicht geklappt!“, nicht Ich bin so unfähig, ich schaffe das nicht!. Nach innen gerichtete negative Gedanken zu durchbrechen ist ein Prozess; kein Schalter, der von heute auf morgen funktioniert. Manchmal hilft es schon, sich genau diese zerstörerischen Gedanken aufzuschreiben und sie umzuwandeln, wie ich es oben getan habe. Ja, manchmal sind wir vielleicht Schuld, aber ist das wirklich wichtig? Macht euch klar: Selbstvorwürfe führen niemals zu Veränderungen.


Wenn wir unsere Gefühle also sortiert und zugelassen haben – wie geht es dann weiter? Was soll man überhaupt ändern? Was kann man ändern?

Das fiese am Leben ist – es gibt keine Musterlösung. Manchmal ist es besser, ein klärendes Gespräch zu suchen und manchmal hilft nur der Kontaktabbruch oder die Kündigung. Was für den einen Menschen und seine Situation hilfreich ist, kann für den anderen eine Sackgasse sein.

Ich habe mir in letzte Zeit, wie gesagt, viele Gedanken zu diesem Thema gemacht. Wie verändere ich etwas? Die folgenden Schritte müssen keinesfalls allgemeingültig sein, sondern basieren lediglich auf meinen Beobachtungen.

  • Schritt 1: Selbstbeobachtung

Selbstbeobachtung ist fast immer und überall der erste Schritt. Woher soll ich wissen, was ich ändern kann und will, wenn ich nicht weiß, was schief läuft? Was tut mir gut, was nicht? Wofür hätte ich gerne mehr Zeit? Was für Muster und Reaktionen habe ich wann und warum? Wenn eine gute Fee käme und alles in Ordnung bringen würde, wie würde mein Alltag dann aussehen?

  • Schritt 2: Anhalten und Entschleunigen

Gerade bei Mustern und Reaktionen, die automatisch ablaufen, ist der zweite Schritt nach dem Erkennen nicht sofort die Veränderung, sondern das Anhalten. Wenn ich auf die Anfrage eines Kollegen immer mit Wutanfällen und Vorwürfen reagiere, kann ich nicht von heute auf morgen freundlich und ruhig sein. Wenn also so eine Situation kommt und ich merke, dass mir das Blut in den Kopf steigt und ich den Mund zum Brüllen öffne, ist der zweite Schritt zu sich selbst „Stopp!“ zu sagen. Vielleicht kann ich noch nicht freundlich sein, aber ich schaffe es vielleicht schon etwas Bedenkzeit zu erbitten. Je öfter es mir gelingt, in solchen Situationen nicht in alte Muster zu verfallen, sondern durch Beobachtung auf meine „Trigger*“ aufmerksam zu werden, fällt es viel leichter, zu erkennen was man tun muss.

(*Mit Trigger ist hier weniger der Begriff aus dem psychopathologischen Bereich gemeint, sondern mehr die Knöpfchen und Schalter, die in uns gewohnte Verhaltensmuster auslösen.)

  • Schritt 3: Kleine Schritte

Das habe ich in Schritt 2 schon angedeutet. Veränderung braucht Zeit. Je eingefahrener das Muster, je länger die Situation andauert, je tiefer wir mit den Füßen im Moor stecken, desto mehr Zeit braucht es, etwas zu verändern. Hierbei ist es wichtig, schon kleine Schritte zu würdigen. Wir haben den Kollegen nicht angebrüllt, sondern tief durchgeatmet und gesagt, wir überlegen es uns? – Großartig! Diese kleinen Veränderungen können unser Umfeld bereits ebenfalls in Bewegung versetzen. Aktion – Reaktion. Nicht jede Veränderung wird reibungslos ablaufen, im Gegenteil. Oft stößt man auf Unverständnis und Widerstand „Das hat dir doch bisher auch nichts ausgemacht!„, „Warum sagst du das jetzt?„, „Stell‘ dich nicht so an!„. GRRRRAH – ups, hier war ich schon wieder in der Wut, pardon.

Die Krux ist oft, dass wir viel zu lange still waren und sich unser Umfeld an unsere Muster gewöhnt hat. „Mit XY kann mans machen, die kriegt immer sofort ein schlechtes Gewissen!
Das müssen nicht mal bewusste Gedanken sein, oft macht unser Umfeld ebenso automatisch durch bestimmte Knöpfchen etwas. Veränderungen umzusetzen, die nicht nur uns selbst, sondern auch andere Personen betreffen, sind deswegen immer besonders mühsam. Hier ist es wichtig, nicht zu vergessen, warum wir etwas verändern.

Wenn wir bisher immer gespurt haben und gesprungen sind, ist das natürlich eine Umstellung. Vielleicht erscheint es leichter, wieder in eigene Muster zu verfallen. Aber das würde uns nur wieder in eine Negativspirale der Unzufriedenheit stoßen, die schlimmstenfalls in einer Depression, einer Suchterkrankung oder körperlichen Symptomatiken ändert. Wenn mein Umfeld bisher keine Rücksicht auf mich genommen hat, muss ich damit anfangen, sonst tut es (vermutlich) niemand.

  • Schritt 4: Die Veränderung

Hoppla! – genau genommen haben wir ja schon bei Schritt zwei etwas verändert, oder? Die Veränderung ist da! Und wenn es nur in unserem Denken ist. „Nur“ würdigt hierbei eine Leistung herab, die nicht jeder schafft. He! Du hast etwas in deinem Denken verändert. Das ist super!

Hier kann es wichtig sein, Bilanz zu ziehen, zu bewerten. Was läuft gut, was für Widerstände sind da, passt mir die Veränderung? Brauche ich Unterstützung oder Rat? Oder stoße ich in mir selbst auf den größten Widerstand? Will ich wirklich eine Situation verändern oder ist da etwas anderes, tiefliegenderes darunter?


Keine Veränderung geschieht ohne Willen: „Ich will etwas verändern.“

„Ich“ und „will“ sind hierbei die wichtigsten Komponenten. Leider ist es manchmal so, dass der wahre Wille erst aufkeimt, wenn eine Situation wirklich bescheiden ist.

Nun möchte ich noch kurz auf ein Modell aus der Psychologie eingehen, das in jedem Psychologie Studium behandelt wird.

Rubikon Modell (Heckhausen, 1987)

Dieses psychologische Modell beschreibt den Prozess eine Entscheidung und deren Umsetzung in eine Handlung. Dabei gilt es den „Rubikon“ zu überqueren. Von einem Wunsch zu einem Ziel. Von „Ich wünsche mir, dass sich etwas verändert“ zu „Ich werde etwas verändern“, bzw. konkreter „Ich werde versuchen, dieses und jenes zu ändern“. Auch hier gilt: Mit dem Willen den Rubikon zu überqueren, kommen wir in die volitionale Phase. Volitional bedeutet laut Duden: Durch den Willen bestimmt.

(Anekdote: Der Rubikon ist ein Fluss, der damals eine Grenze zwischen der römischen Provinz Gallia cisalpina und dem südlichen Italien bildete. Als Caesar entmachtet werden sollte, entschied er sich für den Angriff und besiegelte, als er mit bewaffneten Truppen den Rubikon in Richtung Süden überquerte, einen Krieg. Nach der Überquerung des Rubikon gab es also kein Zurück mehr. Aus dieser Zeit stammt auch sein berühmter Spruch „alea iacta est“.)

 

„Ich will ja etwas verändern, aber…“

Hier lohnt es sich, das „aber“ genauer anzuschauen. Was steckt dahinter? Gibt es etwas, das sich auf keinen Fall ändern soll? Was steht dem bedingungslosen Willen im Weg?

  • Bequemlichkeit

Ist die Situation noch nicht schlimm genug? Erscheinen die Kosten für die Veränderung zu hoch? Hier sollte man seine Prioritäten ordnen. Ist es mir z.B. wichtiger viel Geld zu verdienen als einen angenehmen Job zu haben? Wenn ja, dann muss ich nicht meinen Job, sondern vielleicht meine Einstellung oder meine Freizeitnutzung ändern.

  • Trotz

Es liegt aber doch an den anderen!“ – Mag sein, aber die Wahrscheinlichkeit, dass die anderen von heute auf morgen die Erleuchtung erhalten und sich ändern, geht gegen 0. Hier braucht es Selbsteinsicht und Selbstwirksamkeit: „Nur ich kann mit der Veränderung anfangen“ und „Ich kann etwas verändern!“

  • Unsicherheit/Angst

Veränderung macht Angst. Denn es geschieht meistens nichts, ohne etwas zu kosten. Vielleicht kosten mich die Veränderungen Freundschaften, Beziehungen, Zeit oder meinen Job. Oder ich glaube nicht daran, dass ich etwas bewirken kann. Hier sollte man der Sache vielleicht mehr Zeit geben. Worst Case und Best Case Scenarios erarbeiten, sich Rat und Unterstützung holen und anhand kleiner Veränderungen erste Fortschritte beobachten, bevor man sich an große Veränderungen macht.


Worte wie „Man/eigentlich/aber/könnte/müsste…“ bilden in diesem Zusammenhang Falltüren bzw. Notausgänge. „Man müsste doch etwas tun!“ entbindet das Ich von seiner Verantwortung. Und für die Veränderung ist Klarheit wichtig.

Ich will eigentlich das und das ändern, aber…

Eigentlich? Aber? Das sind unklare, verschwommene Worte. Gründe für Hadern und Zögern. Was will ich jetzt in diesem Moment? – nicht, was sollte ich wollen oder was habe ich mal gewollt. Nur, wenn ich im hier und jetzt bei mir selbst bleibe, kann ich die Klarheit erlangen, die notwendig ist, den Rubikon zu überqueren.

 

Gegen eine Krankheit kann man nichts tun…

Ganz zum Schluss möchte ich noch eine kurze Anekdote aus dem Praktikum erzählen. Ich saß gemeinsam mit der Psychologin in einer Gruppentherapie-Sitzung. Es ging um Gefühle der Trauer und Sinnlosigkeit. Ein Patient äußerte sich „Depression ist eine Krankheit, da kann ich gegen die Gefühle ja nichts machen.“

Auch wenn ich ihm nicht widersprechen wollte – für mich sind Depressionen eine Krankheit – war ich mir nicht sicher, wie ich auf diesen Ausspruch reagieren sollte. Hier zeigte sich die Expertise der Psychologin, die in diesem Moment ruhig lächelte und sich in ihrem Stuhl aufrichtete:

„Für mich sind Depressionen keine Krankheit per se, sondern ein Komplex aus Handlungs- und Denkmustern, die sich über Jahre hinweg eingebrannt haben. So stark, dass sie krankhafte Züge annehmen, unsere Informationsverarbeitung und Hormonausschüttung beeinflussen. Depressionen sind das Resultat einer gescheiterten Handlungsstrategie, die wir irgendwann mit besten Absichten und bestem Gewissen eingesetzt haben. Ich bin dagegen, Depression als eine Krankheit abzutun, der man hilflos ausgeliefert ist. Ja, Sie können nichts für ihre Depression, aber Sie können etwas dagegen unternehmen und die ersten Schritte haben Sie bereits getan, in dem Sie erkannt haben, dass Sie Hilfe brauchen und Sich dazu entschlossen zu haben, heute hier zu sitzen.“

Ich für meinen Teil war baff von der Klarheit, mit der die Psychologin diesem komplexen Gedankenwust gegenübertrat. Aktuell fühlte sich der Patient noch schlecht, hilflos und leer. Aber den ersten Schritt in Richtung Veränderung hatte er ja bereits getan. Welchen Kraftakt und welche Überwindung das gekostet haben mochte, hatte er gar nicht vor Augen.

Natürlich – niemand kann etwas für seine Krankheiten. Auch Depressionen verschwinden nicht von heute auf morgen, wenn man sich mit seinen Gefühlen auseinandersetzt und Trauer und Wut zulässt. Natürlich kann man Krebs nicht durch reine Gedankenkraft heilen, aber man kann zuversichtlich bleiben, Sport treiben, sich gesund ernähren und die Hoffnung nicht aufgeben, dass es besser wird – was einen positiven Effekt auf den Krankheitsverlauf hat. Wie der Mann im KZ, der sich jeden Tag vorgestellt hat, dass er seine Familie wieder in die Arme schließen konnte. Es war eine Hoffnung mit geringer Chance auf Erfüllung – wäre er gestorben, vergebens, möchte man meinen. Aber dieser Silberstreif am Horizont gab ihm die Kraft durchzuhalten. Und er überlebte und begründete die positive Psychologie.

Veränderungen sind alles andere als einfach, oft sind sie unangenehm und brauchen ihre Zeit. Veränderungen sind ein Prozess. Deswegen muss jeder für sich selbst entscheiden, ob einem die Kosten für eine Veränderung angemessen erscheinen.


Wie hat euch dieser Beitrag gefallen? Möchtet ihr mehr zu psychologischen Themen lesen? Ich habe die Frage bereits auf twitter gestellt und mir einige Wünsche notiert, bin aber immer offen für Ideen, Anregungen etc.. Natürlich erheben meine Beiträge keinen Anspruch auf wissenschaftliche Richtigkeit oder Vollständigkeit. Aber vielleicht kann er dem ein oder anderen von euch ja einen guten Impuls liefern.

Tüdelü, eure Babsi

– Titelbild von Ross Findon // Unsplash

 

[Rezension] Hummeln fliegen auch bei Regen von Andrea Kraft

[Rezension] Hummeln fliegen auch bei Regen von Andrea Kraft

Andrea Kraft: Hummeln fliegen auch bei Regen

Ich hatte das Buch erstmals auf Facebook gesehen. Ich weiß leider nicht mehr wer, aber eine Bloggerin warb für das Buch ihrer Freundin Andrea Kraft, das ursprünglich im Selbstverlag erschien und nun bei Goldmann verlegt wurde. Als ich das Buch beim Bloggerportal entdeckt habe, habe ich es spontan angefragt und ein gratis Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen. Vielen Dank!


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  • Autorin: Andrea Kraft758_21185_178207_6.jpg
  • Titel: Hummeln fliegen auch bei Regen
  • Verlag: Goldmann
  • Genre: Entwicklunsroman, (ChicLit)
  • 416 Seiten, Taschenbuch: 10€ | Ebook:  8,99€
  • Buch auf amazon* kaufen | Buch über LChoice* in eine Buchhandlung in der Nähe bestellen

Worum geht’s?
Hannah, 35, kämpft mit Depressionen und Angststörungen. Nach einem Klinikaufenthalt hat sie sich frisch von ihrem Ehemann getrennt und versucht nun, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Als sie in einem alten Traumtagebuch blättert, beschließt sie zum ersten Mal ganz alleine in den Urlaub zu fahren und hofft damit, Stück für Stück, ihr Leben zurückzugewinnen. Gelingt es ihr, mit der Vergangenheit abzuschließen?


~Videorezension folgt~

Meine Meinung:

Psychische Gesundheit und mentales Wohlbefinden sind zwei Themen, die mich nicht nur im Studium beschäftigen, sondern über die ich auch gerne lese. Ermutigende Geschichten von Leuten, die am Boden waren und sich zurückgekämpft haben. Vielleicht habe ich einfach schon zu viele Bücher aus dieser Richtung gelesen? „Hummeln fliegen auch bei Regen“ hat bei mir nämlich leider mehr für Augenrollen & Aufstöhnen, als für Aha-Momente & Schmunzeln gesorgt.

Das Buch beginnt damit, das wir einen der spannendsten Teile einfach direkt überspringen: Den Tiefpunkt von Hannahs Psyche und die darauffolgende Zeit in der Klinik. Stattdessen springen wir zu dem Zeitpunkt, an dem Hannah bereits aus der Klinik entlassen ist und sich von ihrem Mann Ben scheiden lässt. Dann fahren wir zur Selbstfindung nach Mallorca, essen Feigen und trinken Kaffee auf einer Finca.

Auch wenn die Depressionen und die Angststörung im Buch durchaus ihren Platz haben, hat man nie das Gefühl, dass Hannah wirklich am Boden oder verzweifelt ist. Wenn sie sich dann irgendwie nach langem Hin und Her doch traut, dann klappt alles eigentlich ganz gut.
Keine schlechte Botschaft! Wären viele Dinge nicht so unglaubwürdig.
Die meisten Umstände des Romans wirkten für mich zu sehr konstruiert: Die geheimnisvolle Fremde Beate, die auf ihrer Toilette sicher ein ganzes Esoterik und Lebensweisheitenbücherregal stehen haben muss. Das Erbe, das es Hannah ermöglicht, sich Auszeiten und unzählige Taxifahrten und sahnige Cappuccinos zu gönnen. Der alte Schulfreund, der super charmante Mails schreibt.

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Hannah als Protagonistin hat mich nicht für sich begeistern können. Anstatt wie 35 wirkte sie ein Teenie-Girl und wusste so gar nicht, was sie wollte oder was ihr gut tat. Sie hat keine eigene Meinung und bleibt blass, ihre Witze zünden bei mir nicht. Trotz ihrer psychischen Belastungen waren ihr Verhalten und ihre Denkweise für mich nervig und auch ihre Vergangenheit konnte bei mir keinerlei Mitgefühl auslösen. Die Konflikte hatten im Buch einfach zu wenig Platz und konnten sich nicht glaubhaft entwickeln und entfalten. Dann verhält sie sich ziemlich dumm, indem sie ihre Medikamente überdosiert und ziemlich oft zu tief ins Glas schaut. Sie möchte sich von den Männern und Fehlern ihrer Vergangeheit lösen und lässt sich mit Lukas und den Mails wieder auf den gleichen Mist rein und „verliebt“ sich natürlich direkt wieder. Es wirkt, als müsste nur, der „richtige“ Mann kommen, dann wären die Probleme wie weggewischt. Außerdem scheint sie nach ihrem Klinikaufenthalt zwar Medikamente zu nehmen, aber keine ambulante Therapie wahrzunehmen oder jemals mit einem Arzt zu sprechen.

Oma Beate war einfach nur seltsam. Sie taucht stalkermäßig an allen möglichen Orten auf, bedrängt Hannah und hält ihr dann stundenlange Vorträge mit Lebensweisheiten, die man in blumigen Geschenkbüchern nachlesen kann, die sich im ein oder anderen Haushalt auf dem Klo finden lassen. Oder bei „nachdenkliche Sprüche“ auf Facebook… Auch, wenn sie für Hannah eine gewisse Mentorenrolle übernahm, klatschte sie uns ihr „Expertenwissen“ lieblos auf den Tisch. Und dann stalkt sie auch noch die Telefonnummer. Okay…! Danke, ich lese dann mal weiter im Klo-Buch.

Hannahs Freundinnen wirkten ebenfalls blass, wie Platzhalter, die bestimmten Klischees entsprachen. Was für lockeren Humor sorgen sollte, sprudelte vor „ChicLit“-Klischees und Fremdschäm-Sitautionen. Ich komme mir selten reif und erwachsen vor mit meinen 24 Jahren – aber im Gegensatz zu diesem chaotischen Vierergespann fühle ich mich wie eine Expertin für „Erwachsenendinge“.DXxDSX0XcAA9QrB

Da ich bereits viele Bücher mit ähnlicher Prämisse gelesen habe, kann ich nicht umhin, ein bisschen zu vergleichen.
Wo „Mängelexemplar“ von Sarah Kuttner für ein breites Schmunzeln gesorgt hat, war der einzige Gesichtsmuskel der sich beim Humor dieses Buch bewegte, der Muskel, der eine Augenbraue hochzieht. Wenig feinsinnig, sondern mehr im Stile von „Sex and the City“ gackert Hannah mit ihren Freundinnen wie Hühner auf der Stange. Während Matt Haig Lebensweisheiten in philosophische Geschichten einbettet, klatscht uns die Stalker Oma Beate einfach zwei Seiten Text hin, weil sie ja so viel Lebenserfahrung hat. Und eine sympathischere Protagonistin, die trotz psychischen Problemen und Hindernissen ihr Glück findet, gibt es bei „Für jede Lösung ein Problem„.

Letztlich kann ich nur den durchschnittlichen Schreibstil und das niedliche Design des Buches loben. Es lässt sich flott und gut lesen und die kleinen Hummeln am Anfang eines jeden Kapitels sind wirklich putzig. Gegen Ende habe ich die Seiten mehr überflogen als gelesen.

Da ich selbst meinen Roman überarbeite, hatte ich vermutlich ein kritischeres Auge als sonst auf den Schreibstil, aber mir sind viele unnötige Adjektive, überladene Sätze und Redundanzen aufgefallen. Und ein Logikfehler, denn als Beate und Hannah zum ersten Mal gemeinsam Essen ist es Abend und eine Stunde später Nachmittag.

Kurzum: So ziemlich alles, was das Buch transportieren will, haben andere Romane wesentlich besser gelöst. Der Roman von Andrea Kraft ist sicherlich keine schlechte Lektüre, gerade für Leute, die bisher eher weniger zum Thema gelesen haben. Aber: Für mich besitzt es kaum Erinnerungswert und nicht genug Tiefgang. Zudem leider auch nichts, was es einmalig oder besonders machen kann. Schade!

Fazit:

Auch wenn das Buch ganz nette Momente hatte und sich ganz gut lesen ließ – mich konnte es leider nicht überzeugen. Der Humor zündete nicht, die Funken sprangen nicht über. Hannah war für mich keine beeindruckende Frau, die sich mit 35 zurück ins Leben kämpft, sondern geistig auf dem Stand einer kindischen 19-Jährigen. Die Lebensweisheiten, die uns dröge hingeklatscht werden, finden sich an jedem Postkarten-Ständer am Bahnhof und auch die niedlichen Hummeln können das Buch nicht mehr retten. Für mich leider einer der schlechteren Vertreter des Genres.

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Weitere Stimmen zum Buch:


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Bodypositivity statt Bodyshaming

Bodypositivity statt Bodyshaming

Als Vera von chaoskingdom diese Aktion zum Buch „Dumplin'“ ins Leben rief, konnte ich nicht anders, als mich zu beteiligen. Mir stoßen soziale Ungerechtigkeit, Vorurteile und gegenseitiges Niedermachen auf.

Bodypositivity statt Bodyshaming – warum diese Aktion? Weil ein Buch frisch auf den Markt gekommen ist, dass sich mit diesem Thema auseinander setzt. In der Hoffnung, dass es irgendwann weniger Teenager gibt, die bis ins Erwachsenenalter noch ständig mit ihrem Körper hadern.

 


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Julie Murphy: Dumplin‘

  • Autorin: Julie Murphy
  • Titel: Dumplin‘
  • Verlag: FJB
  • aus dem Englischen übersetzt von Kattrin Stier
  • Hardcover: 18,99€
  • Inhalt: Die 16-jährige Willowdean, Spitzname Dumplin (dt. Knödel) hat sich nie große Gedanken um ihr Gewicht gemacht und ist eine wahre Frohnatur. Doch als sie dem attraktiven Bo begegnet und dieser sie küsst, bekommt sie Zweifel. Ist sie schön genug? Kann man dick und schön gleichzeitig sein? Um ihre Unsicherheiten zu überwinden, nimmt sie an einem Schönheitswettbewerb teil.

 

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Ich fühlte mich unwohl, zu rundlich für einen schicken Kimono. Gerade nebst zierlichen Japanerinnen.

Da ich selbst übergewichtig bin, habe ich leider auch schon Erfahrungen mit Bodyshaming gemacht. Beleidigungen, unsensible Bemerkungen, Kichern und Lästern. Kein fieses Mobbing, keine extremen Angriffe – aber auch diese Kleinigkeiten haben mein Selbstwertgefühl und mein Selbstbewusstsein beeinträchtigt. Ganzkörperfotos? Früher undenkbar für mich! Auch heute fühle ich mich manchmal noch unwohl in meinem Körper. Gerade, wenn ich unter vielen sehr dünnen Menschen bin. Da komme ich mir oft immer noch vor wie eine Elefant.

Ich habe schon einen Beitrag zu dem Thema geschrieben, wie Bodyshaming alle Personen beeinflusst – Dünne wie dicke Personen – und damit versucht, Shaming auszuhebeln und die Mechanismen und angelernten Impulse aufzuzeigen.

 

Heute möchte ich mich aber vor allem auf Bodypositivity (im folgenden mit BP abgekürzt) konzentrieren.

 

Ein wundervolles Beispiel für die Bewegung ist Bodyposipanda, die fröhlich und bunt über das Thema aufklärt. Keine Diäten, kein Selbsthass, sondern eine gesunde Beziehung zu Körper und Nahrung. Das ist für mich das Ziel von Bodypositivity.

Leider gibt es bei vielen Bewegungen, auch bei BP, oft Extreme. Nur fette Körper seien schön, die Gesundheit sei vollkommen egal. Oft kommt auch vor, dass junge Personen sagen, dass sie gesund seien und daher nichts ändern müssen. Aber leider kommen mit dem Alter oft erhebliche Probleme auf extrem übergewichtige oder extrem untergewichtige Personen zu.
Sicherlich ist es nicht an uns – dem Vorbeilaufenden auf der Straße – die Gesundheit einer Person anhand ihrer Körperform zu beurteilen: aber, wenn ein Arzt auf gesundheitliche Risiken hinweist, sollte man das trotz aller Positivity nicht komplett ignorieren.

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Über solche Bilder mit Filter hätte ich früher nicht lachen können.

BP steht für einen guten Umgang mit dem eigenen Körper – ihn nicht verwahrlosen zu lassen. Sich nicht alles Ungesunde hineinzustopfen, aber sich mal ein Stückchen Kuchen zu gönnen. Sich regelmäßig zu bewegen, aber keine Marathons zu laufen, nur um ein Stück Schokolade abzutrainieren. Und vorallem: Die ein oder andere Delle, Unförmigkeit und Rolle zu akzeptieren.

Dass man sich nicht versteckt, sondern die Kleidung anzieht, in der man sich schön und wohl fühlt.

Und heute?

Auch ich muss das manchmal noch üben. Oftmals ziehe ich dann doch eher eine dunkle Hose anstatt eines Kleids oder eines Rocks an, weil ich mich für meine kräftigen Beine schäme. Oder ein langärmeliges Oberteil wegen meiner plumpen Oberarme. WP_20150414_18_51_09_ProDabei werden diese auch durch Muskeln mitgeformt und als früherer Leistungsschwimmer hat man nun mal an Armen und Beinen ausgeprägtere Muskeln. Meine Haut ist immer noch unrein, aber das ist eben so.

Inzwischen bin ich selbstsicherer geworden. Ich freue mich über Komplimente, aber ich brauche keine Bestätigung von außen mehr. Heute kann ich selbstbewusst Kleider tragen und mich wohl fühlen. Ich kann Blobfisch Fotos machen und stolz mein Doppelkinn in die Welt recken. Ich hab aufgehört, mich selbst, mein Aussehen und die Meinung anderer Leute zu ernst zu nehmen. Wie? Das kann ich leider nicht genau sagen. Es war ein Prozess und es gibt viele Tage, an denen ich immer noch zweifle. Aber diese Sorgen überwiegen nicht mehr. Dafür habe ich keine Zeit, bzw. ich räume dem bewusst wenig Zeit ein.

DSC00008Aber ich freue mich, wenn Leute mir sagen, dass ich strahle. Dass meine innere Zufriedenheit nach außen dringt. Ich denke, das ist gemeint, wenn Leute von „innerer Schönheit“ sprechen. Nicht, dass man den besten Charakter auf der Welt hat, aber dass man sich mag, dass man positiv eingestellt ist und das mit seinen Augen auch ausdrückt.  Habe ich mich gerade selbst schön genannt? Und ob! Das muss man sich nämlich öfter mal selbst sagen, damit man es irgendwann auch ein bisschen glauben kann.

Ich möchte das Buch „Dumplin'“ auf jeden Fall noch lesen und freue mich, dass eine moppelige Protagonistin es in ein Jugendbuch geschafft hat und hoffe, dass es eine positive Botschaft in die Welt hinaus trägt. Habt ihr auch Lust mitzumachen? Dann schaut auf jeden Fall bei Veras Originalbeitrag vorbei. Für die Teilnahme gibt es nämlich auch was zu gewinnen.

~Ich habe das Buch bereits und möchte nicht in den Gewinnspiel-Lostopf~

Weitere Personen haben sich der Aktion angeschlossen, sich geöffnet und über ihre Erfahrungen gesprochen:

 

Wie geht es euch? Habt ihr in eurer Jugend auch extrem an euch gezweifelt? Tut ihr es immer noch?

Tüdelü, Babsi