Schlagwort: persönliches

Babsis Leipziger Buchmesse 2019

Babsis Leipziger Buchmesse 2019

Babsis Leipziger Buchmesse 2019

In kompakter Videoform gibt es meine Messeeindrücke natürlich wie immer auf meinem Youtube Kanal:

 

Mittwoch: Wiedersehensfreude und Aufbau

Nornennetz Stand

Die Anreise begann für mich bereits am Mittwoch. In Erfurt hüpfte ich in den Zug, in dem schon Elenor Avelle saß. Gemeinsam rollten wir fleißig Lose für den Messestand des Nornennetzes. Anne Zandt sammelte uns mit dem Auto vom Bahnhof ein und über viele Treppen ging es zur Nornen-Messe-WG im vierten Stock eines schönen Altbaus. Hier wurde erstmal begrüßt, geplaudert und dann persönliche Gegenstände und Ausrüstung für den Messestand in verschiedene Häufchen sortiert. Wir rollten weiter fleißig Lose für den Kelch und dann ging es los zum Messegelände. Efeu sprießen lassen, Bücher ordentlich präsentieren und Gewinne für die Verlosungen sortieren. Unter einem fast vollen Mond tuckerten wir schließlich wieder heimwärts, freudig gespannt auf den Messebeginn.

Donnerstag: Es ist sehr voll hier!

Am Donnerstag war ich ziemlich erschlagen von den einströmenden Massen. Die erste Nacht in einem fremden Bett mit mehreren Leuten im Zimmer ist immer etwas holprig und so fühlte ich mich kaum ausgeruht. Für jeden Messetag hatte ich mir Programm aufgeschrieben – am Donnerstag habe ich nichts davon geschafft. Ich war so erschöpft und überfordert, dass ich morgens einfach nur meinen Kaffee umklammerte und versuchte, mich zu sammeln. Zum Glück war der Standdienst bei den Nornen eine Konstante und meine Schwestern total lieb und rücksichtsvoll. Am Stand konnte ich mich außerdem langsam „klimatisieren“ und an die ganzen neuen Eindrücke gewöhnen. Viele liebe Leute kamen am Stand vorbei, um mich zu besuchen und zu knuddeln.

Nornentalk & Phantastik Leseabend

So langsam setzte dann die Nervosität ein, denn gemeinsam mit Anne Zandt, Michelle Janßen und Eleonore Laubenstein, würde ich bei der Phantastik Leseinsel 2 eine 30-minütige Diskussionsrunde moderieren. Wir sprachen die Fragen nochmal in Ruhe durch, aber ich war natürlich trotzdem aufgeregt. Aber es saßen viele liebe Freund*innen im Publikum, die es ganz leicht machten, sich zu konzentrieren und nicht vor Nervosität einzugehen. Obwohl wir schneller mit den Fragen durch waren als geplant und ich ein bisschen improvisieren musste, lief alles gut und wir konnten die wichtigsten Punkte ansprechen. Es wird den Beitrag auch wieder als Transkript bzw. zum Nachhören geben, sobald ich mehr weiß, verlinke ich euch das auch gerne hier.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

 

Danach ging es nach einer kurzen Pause direkt zur Verleihung des Seraph Phantastikpreises. Mit Stella Delaney und Nora Bendzko waren zwei Nornen auf der Shortlist, für die ich natürlich feste die Daumen gedrückt habe. Das Rennen gemacht haben Bernhard Hennen, Birgit Jaeckel und Kris Brynn. Gemeinsam mit ein paar lieben Freundinnen brachen wir dann auch schon auf zum Phantastik Leseabend, an dem ebenjene Gewinner*innen neben anderen Phantastik-Autor*innen lesen würden (Die liebe Jenny hat mich übrigens eingeladen, danke!). Für Essen blieb jedoch keine Zeit, da wir sonst viel zu spät gekommen wären. Vor Ort gab es nur kleine Knabbereien und ich wollte nicht zwischendurch raus und mir gegenüber beim Imbiss was holen. Der Abend war wirklich fabelhaft, auch wenn mir zur Pause die Puste ausging. Ich hätte gerne noch länger zugehört, aber der Magen hing in den Kniekehlen und ich war total platt. Gemeinsam mit Nora ging es nach Hause in die Messe WG, kurz unter die Dusche und ab ins Bett.

Freitag: 9lesen

Der Freitag begann etwas besser ausgeschlafen. Heute fühlte ich mich den Massen besser gewappnet. Mit der Verlosungsbox der #MesseFürDaheim vom Nornennetz ging es los in Halle 1 und 3. Die #MesseFürDaheim Box wurde vom Nornennetz auf je drei Kanälen verlost und ich traf einige liebe Freundinnen, die mir Goodies dafür spendeten. Für mich selbst habe ich bei den vielen tollen Künstler*innen natürlich auch was gekauft.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Nach einer weiteren Runde Standdienst mit Lose verteilen, glückliche Gewinner beschenken und guten Gesprächen ging es für mich zur Bloggerparty von Tolino. Die liebe Julia hatte mich eingeladen und bei Popcorn und Eistee gab es weitere gute Gespräche und neue Bekanntschaften. Dazu gab es eine total süße, prallgefüllte Goodiebag mit Tee, Keksen(die haben nicht lange überlebt), Notizbuch, Stickern, Badezusatz und vielen anderen süßen Kleinigkeiten. Danke!

Allerdings hatte ich noch einen wichtigen Termin: Das erste Jubiläum von 9lesen! Nach Stärkung mit leckerem Flammkuchen startete die Veranstaltung im vollbesetzten Café Eigler. Der einzige Wehmutstropfen dieser Location waren die geteilten Räume. Aber der Livestream funktionierte, die Stimmung war trotz Müdigkeit gut, die Texte abwechslungsreich und die Bilanz des Abends positiv. Wir hoffen, weiterhin wachsen zu können und euch einen bunten Mix aus unveröffentlichten und veröffentlichten Autor*innen sowie verschiedenen Genres bieten zu können! Vielen Dank an alle, die da waren.

Samstag: ES IST WIRKLICH SEHR VOLL HIER

Es ist bei jeder Messe dasselbe Spiel: Kaum hat man sich einigermaßen an die Menschenmassen gewöhnt, kommt das Wochenende und wenn man Donnerstag denkt „Wow, ist das voll hier!“, wird man Samstag eines besseren belehrt. Dieses Mal habe ich gemerkt, dass ich mit so vielen Reizen und Eindrücken schlecht umgehen kann. Ich werde schnell müde, gereizt und bin überfordert. Deswegen weiß ich die Pressetage auf der Frankfurter Buchmesse umso mehr zu schätzen. Ich wünschte, in Leipzig gäbe es auch wenigstens einen solchen Tag. Denn es ist wirklich schwierig, sich zu den Veranstaltungen zu kämpfen, die man sehen will oder die Stände genauer anzuschauen.

Ich hatte direkt morgens Standdienst beim Nornennetz und hatte mir danach einige Dinge vorgemerkt. Ich habe mich todesmutig in Halle 1 begeben und dort die liebe Melanie Schober wiedergetroffen und mir das vorbestellte Buch „Drawing Dilemmas“ abgeholt. Anschließend plauderten wir noch und dann ging es für mich in Halle 5 zur Bloggerlounge wo ich an meiner Kaffeetasse hing und mit lieben Menschen plauderte – froh um die Ruhe und den Sitzplatz. Anschließend tuckerte ich, getragen vom Menschenstrom, noch etwas durch die Hallen, ohne bestimmte Dinge anzuschauen.

Abends fuhren wir dann mit den Nornen zum großen Nornen-Messe-Essen. Wir waren alle total müde, aber nach einer Stärkung ging die Müdigkeit in Heiterkeit über (Nach müde kommt blöd) und wir haben sehr viel gelacht. Ein wunderschöner Abend, mit dem wir uns für den letzten Messetag wappnen konnten.

Sonntag: Ich will nicht, dass es vorbei ist

Bizarr, wenn man eigentlich total k.o. und hinüber von der Messe ist und am letzten Tag doch nicht will, dass es aufhört. Kaum hat man sich ein bisschen eingewöhnt und einen Überblick verschafft, ist es schon wieder vorbei. Sonntag stand deswegen wieder im Zeichen der Menschen. Ich lauschte am Nornennetz Stand Lesungen und dachte endlich daran, Selfies zu machen! Nach dem Abbau ging es dann noch kurz mit ein paar Lieblingsmenschen essen, bevor ich erschöpft in den Zug purzelte.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Mein Fazit

Die Leipziger Buchmesse 2019 war wunderschön und reich an wundervollen Begegnungen und Gesprächen mit lieben Menschen. Allerdings hat sie mir auch knallhart meine Grenzen gezeigt. Während ich auf der Frankfurter Buchmesse noch meine Antidepressiva nahm war das die erste Messe ohne Medikamente. Wie bereits erwähnt, merkte ich, dass mein Atem wieder kürzer war. Dass mich vieles überforderte, verängstigte und anstrengte. Weniger als noch in meinen schlimmen depressiven Phasen, aber mehr als mit den antriebs- und stimmungssteigernden Medikamenten. Diese Erinnerung klebt bittersüß in meinem Hinterkopf.

Ich wachse, Ich gedeihe…

Aber es ist eine Lektion über mich und meine Grenzen, die mich lehrt, mir weniger vorzunehmen, mich mehr treiben zu lassen und gut auf mich zu achten. Das habe ich auf der Leipziger Buchmesse geschafft – aber die nagende, selbstkritische Stimme war noch da. „Ich schaffe nicht genug“, „Ich muss doch mehr Energie haben“ – wenn ich dieses fiese Nervtöterchen noch besser in den Griff bekomme, dann werde ich eine gute Balance finden. Vor allem aber freue ich mich, dass ich so viele tolle Menschen getroffen habe, die auch Verständnis dafür hatten, wenn ich nicht sonderlich gesprächig war. Ich bin dankbar, lerne und wachse und ich zehre von den schönen Erfahrungen, den Umarmungen, den lieben Worten und den Menschen, die mich mögen und akzeptieren.

Beim Sichten der Fotos habe ich gemerkt, dass ich mit vielen Menschen keine Fotos gemacht habe. Natürlich ist es schöner zu quatschen als Selfies zu schießen, aber manchmal bin ich doch etwas traurig, dass es kein gemeinsames Bild gibt. Memo an Zukunftsbabsi: Mehr Fotos mit Menschen!

Danke liebe LBM19, dass ich bei dir nach Hause kommen und all diese wunderbaren Menschen treffen kann!

 


Weitere Messerückblicke:

 

Studieren und Zweifeln (Mein Psychologie-Studium)

Studieren und Zweifeln (Mein Psychologie-Studium)

Junge Studenten wissen im ersten Jahr alles, im zweiten zweifeln sie, im dritten fangen sie an zu lernen. – Deutsches Sprichwort

Als Studentin im sechsten Semester, bzw. im dritten Jahr, kann ich in diesem Zitat zumindest ein bisschen Wahrheit erkennen. Ich hab mein Psychologie-Studium mit unglaublich großen Erwartungen begonnen. Psychologie war das, was mich interessierte, worin ich gut war – es war „meins„. Ich hatte natürlich gehört, dass am Anfang viele trockene Themen abgehandelt werden. Dass ich im fünften Semester mich immer noch nach Tiefe und Praxisbezug sehne, hätte ich allerdings nicht gedacht. In den Prüfungen bin ich unterdurschnittlich, gurke immer so um eine 3,0 rum, egal ob ich vier Wochen oder vier Tage gelernt habe. Das löst natürlich Frust aus.

Ich hatte noch nie besonders viel Ehrgeiz, ich wollte einfach meinen Weg gehen und es war und ist nicht mein Ziel in allem die Beste zu sein. Aber ich dachte, ich käme ein bisschen besser klar. Ich dachte, mich sollten ausnahmslos alle Inhalte im Psychologie Studium begeistern und interessieren.

Aber das war eine wunderschöne Illusionsseifenblase, die endlich zerplatzt ist.

Wie in der Schule bin ich im praktischen und mündlichen Bereich einfach deutlich besser, in schriftlichen Prüfungen für die Bulimie-Lernen und Auswendig-Wissen statt Verständnis gefragt sind, bin ich nicht gut. War ich nie. Vieles interessiert mich nicht und es fällt mir nicht leichter für Forschungsmethoden zu pauken als für mein verhasstes Physik. Obwohl ich mein  Ziel – den Bachelor und danach den Master – klar vor Augen habe. Das hat mich im letzten Jahr ziemlich entmutigt und mir die Lust am Studieren genommen.

Ich hatte und habe Zweifel daran, ob es das Richtige für mich ist. Ob ich den Master wirklich machen möchte. Zwischenzeitlich dachte ich daran, das mit dem Studium einfach sein zu lassen, aber ich mag es nicht aufzugeben und ich bin trotzig. Manchmal lasse ich mich von meiner inneren Stimme, dem Kritiker, übermannen, aber manchmal ziehe ich auch Kraft aus seinem Protest, indem mein Kampfgeist erwacht. Den Bachelor breche ich so kurz vor Schluss sicher nicht ab. Die Rückmeldung von Praktika, Freunden und Bekannten schenkt mir Kraft und Mut, dass ich mich nicht falsch entschieden habe. Außerdem versprechen zumindest ein paar Inhalte im sechsten Semester mehr Praxisbezug und spannende Inhalte.

Ich werde vielleicht nie der akademische Typ sein, Uni macht mir nicht so viel Spaß, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich lerne auch nicht so viel, wie ich mir erhofft hatte. Einerseits, weil ich bereits ein ganz solides Wissen habe, andererseits weil viele Dinge in der Psychologie beinahe selbstverständlich sind und im Bachelor nur mit Studien untermauert werden. Ich weiß nicht, wo es mich hinverschlagen wird. Ob ich den Master durchziehe, ob ich Therapeutin werde oder in eine ganz andere Richtung gehe.

Diese Selbstzweifel sind jedenfalls ätzend. Bis jetzt habe ich nur wenige Entscheidungen bereut und habe meinen Hintern schon über höhere Hindernisse gewuchtet. Ich will mich nicht dauernd fragen und mir nicht das Hirn zermartern ob ich geeignet bin oder nicht. Ich hoffe, ich kann den Erzählungen Glauben schenken, dass es im Master mehr Praxis und mündliche Prüfungsleistungen geben soll. Vielleicht gibt mir das auch mal den Kick, den ich brauche, um an mich zu glauben.

Eine Freundin sagte mir einmal, meine  ruhige, gelassene Ausstrahlung färbe positiv auf sie ab. Eine andere betonte, dass ich gut zuhöre und gute Ratschläge gebe. In meinen Praktika bekam ich gute Rückmeldungen und viel Lob. Das ist es, was ich später machen möchte! Menschen helfen. Aktiv nach einer Lösung zu suchen.

Und ich möchte mich so oft ohrfeigen, wenn ich wieder zu lange Trübsal geblasen habe. Wir Psychologen sagen immer so lapidar, man sollte sich seine Erfolge und glücklichen Momente aufschreiben. Ich denke mir selbst oft „Boah, ja, ich weiß, halt’s Maul“ – aber oft sollte ich es mir eigentlich selbst auf die Stirn tättowieren, weil ich schon wieder so selbstmitleidig und jammer-meckerig war und vollkommen außer Acht lasse, was ich bisher so geschafft habe.

Ich werde niemals die perfekte Psychologin für jeden sein – a) weil es Perfektion nicht gibt und b) weil Menschen eben Menschen sind und nicht jeder Topf zu jedem Deckel passt.

Ebenso wie es natürlich ist, viele Dinge ohne Beweis zu glauben, ist es auch nicht weniger natürlich, an anderen trotz der Beweise zu zweifeln.

Luc de Clapiers, Marquis de Vauvenargues

Ich will mich weniger auf die Zahlen auf Papier konzentrieren, aber das ist schwer, wenn man ein paar gute Noten brauchen könnte. Ich würde meinen Master gerne in einer anderen Stadt machen. Dazu brauche ich gute Noten, weil das Bachelor-Master-System es halt so vorsieht, die Unis hart aussortieren und das oft nur nach Note. Danach möchte ich raus hier, so schön die Stadt und so entspannt die Uni-Atmosphäre hier ist. Ich mag Kleinstädte nicht. Ich brauche Extreme. Entweder Großstädte oder Einöde, alles dazwischen regt mich nach einer Weile auf.

Ich interessiere mich auch für viele Richtungen. Kriminologie, Medienpsychologie, die therapeutische Laufbahn, Kinder- und Jugendpsychologie und habe ständig Angst, die falsche Wahl zu treffen, wenn ich mich für einen Master oder einen bestimmten Schwerpunkt entscheide. Aber ich bin 23. Wenn ich den Master fertig mache, bin ich vielleicht 26. Die Lebenserwartung einer Frau liegt ungefähr bei 80 und wenn die da oben in naher Zukunft nicht einen dritten Weltkrieg starten oder ich morgen von einem Blumentopf erschlagen werde, habe ich genügend Zeit in jeden dieser Bereiche reinzuschnuppern und vieles umzusetzen! Vielleicht schreibe ich auch einen Bestseller und habe ausgesorgt? Oder ich finde zufällig einen anderen Beruf, der mich einfach nur glücklich macht? Ich weiß nicht, woher diese Angst kommt, dass der Lebenslauf nicht geradlinig ist und ein paar Lücken enthält. Vermutlich weil es unberechenbar und teils außerhalb der eigenen Kontrolle liegt.

Und es nervt so sehr, wenn ich gerade angst- und zweifelsfrei bin und darüber nachdenke, wie ich mich gebe und wie ich jammere und heule, wenn ich in das Loch kugele und nicht rauskomme, weil ich wie ein Käfer auf dem Rücken liege, obwohl meine Arme kräftig genug wäre, um mich hinauszuziehen.

  • Deswegen halte ich das hier mal für mich fest:

Du kriegst das schon hin. Mehr machen, weniger nachdenken. Und vor allem: Hör auf, Ereignisse zu bewerten, bevor sie geschehen sind!

Selbstzweifel sind nunmal da, sie werden wiederkommen und es ist gut, auch mal inne zu halten und sich selbst zu hinterfragen. Jemand, der nie zweifelt, ist in meinen Augen sehr zweifelhalt. (Oh mann, ich werfe 1ct in die unterste Wortwitz-Schublade) Man darf es halt nicht übertreiben. Zweifeln ja, aber nicht verzweifeln.

Was macht man also, wenn man zweifelt und sich ständig hinterfragt? – Nun, wenn ihr ein Patentrezept habt, verratet es mir!

Ich mache jetzt brav die Übungen, die ich eventuell späteren Klienten aufgebe: Meine Erfolge und Errungenschaften in meinem Lieblingsnotizbuch festhalten und in schwierigen Zeiten reinschauen. Fein säuberlich als Liste, jeweils mit Grund, warum ich so stolz darauf bin. Daneben habe ich einen Hello Kitty Glitzer Sticker geklebt. Auf der anderen Seite ist ein Foto von Freunden und mir, auf denen wir alle das Gesicht verziehen wie Blobfische, vereint im Mut zur Hässlichkeit. Und auf der nächsten Seite ist eine Karte von meiner Mama, die sie mir zum Lernen für die Abiprüfungen vor fünf Jahren geschenkt hat:

„Prüfungen kann man wiederholen, Partys nicht“.

Warum ich Psychologie studiere und wie es mich beim Schreiben beeinflusst

Warum ich Psychologie studiere und wie es mich beim Schreiben beeinflusst

Ich studiere Psychologie im 5. Semester Bachelor. Warum? Weil mich Menschen und ihre Beweggründe faszinieren. Weil ich finde, dass seelische Wunden oft schwerer behandelbar sind und leichter übersehen werden, aber oft länger schmerzen als körperliche Verletzungen. Und weil ich mit ca. 15 Jahren nach einem Nervenzusammenbruch bei einer Psychologin war, deren Unfähigkeit und mangelnde Sensibilität bis zum Himmel stank. Nach drei Sitzungen habe ich beschlossen, so eine kompetenzfreie Person nicht mit Zeit und Geld würdigen zu wollen. Ich war fertig, aber ich habe auch gemerkt, dass in schwierigen Zeiten wahre Freunde und meine Familie zu mir stehen. Etwas hat „Klick“ gemacht und ich konnte mich selber am Kragen packen und aus der Grube ziehen. Es fing an als „trotziger“ Gedanke.

Das kann doch jeder besser als diese Zimtziege„, habe ich gedacht, „Das kann ich besser!

Ich kannte nun das dunkle Loch, in das Menschen fallen können und im Laufe meines Lebens habe ich auch viele andere hineinfallen sehen. Die Überlegung war lange vorher da, aber – und dafür muss ich dieser inkompetenten Frau wohl danken – der Entschluss, Psychologie zu studieren fiel in dieser Zeit. Bis es dann soweit war, vergingen einige Jahre und ich machte auch ein Frewilliges Soziales Jahr in einer psychiatrischen Klinik (um sicherzugehen, dass ich mit psychisch kranken Menschen wirklich umgehen und ihnen helfen kann). Heute bin ich hier, schreibe bald meine Bachelorarbeit und arbeite an meinem ersten Buch.

Psychologie und Schreiben – wie hängt das zusammen?

Ich habe schon immer gerne anderen zugehört und geholfen, ich sage zu selten Nein und denke manchmal erst zuletzt an bzw. zu negativ über mich. Ich denke aber generell viel nach, habe Fantasie und frage mich, was andere Menschen erleben und denken. Das sind wichtige Mermale für Psychologen und alle, die mit Menschen arbeiten wollen. Aber auch für Autoren.

Psychologie ist nicht, wie viele denken, begrenzt auf psychische Erkrankungen und Kliniken. Und Sigmund Freuds Theorien sind längst überholt und stark überarbeitete Elemente sind nur rudimentär in der heutigen Tiefenpsychologie zu finden. Aber: Psychologie ist überall. Im Supermarkt wenn die günstigen Sachen unten stehen, in Autocockpits mit neuer Benutzeroberfläche, in der Neurologie, in Werbeanzeigen, in Bewerbungsverfahren, in Coachings, in Konflikten, in unserer täglichen Wahrnehmung. Grundlegende Modelle zu Sender-Empfänger, Stressentstehung oder Aufmerksamkeit werden der Psychologie zugerechnet. Im Bachelorstudium lernt man deswegen vor allem Grundlagen. Wie funktioniert Wahrnehmung, wie Informationsverarbeitung, was sind Gründe für Fehler in diesen Systemen, warum verwenden Menschen Heuristiken, was reguliert die Amygdala, ab welchem Alter entwickeln Kinder die Theory of mind, welche Diagnostik-Verfahren gibt es etc. etc. … – praktisch Relevantes habe ich im „reinen“ Studium, also durch Vorlesungen, bisher weniger gelernt. Das Wissen kommt vor allem aus den dazugehörigen Praktika und anwendungsbezogenen Seminaren.

Gedanken lesen, Leute analysieren und ihr ganzes Leben auseinander nehmen kann kein Psychologe, den ich kenne. Wenn jemand drei Stück Zucker in seinen Kaffee tut, weiß ich nicht ob seine Eltern ihn vernachlässigt haben, ob seine Geschmacksnerven verkümmert sind oder ob er ein süßes Schleckermaul ist. Ich weiß nur, dass er drei Stück Zucker in seinen Kaffee gibt und dafür wahrscheinlich einen Grund hat (und dass ich das widerlich finde). Vielmehr geht es in der Psychologie, meiner Erfahrung nach, darum, die richtigen Fragen zu stellen. Gibt es auch Momente, in denen Sie sich nicht traurig fühlen? Warum stört Sie die Interaktion mit XY, können sie mir dafür ein konkretes Beispiel geben? Was tut Ihnen gut? Was müsste sich ändern, damit Sie sich besser fühlen?

Wenn ich Bücher lese, dann sind neben der Geschichte und dem Schreibstil für mich vor allem die Charaktere wichtig. Sie müssen Motive, Gründe haben und sollten dreidimensional sein, keine platten Konstrukte auf Papier. Sie können silbernes Haar haben, das im Licht wie Mondschein glitzert, aber wenn sie die emotionale und logische Reichweite einer Erdnuss haben hilft das alles nicht. Ich versuche in meinen Büchern großen Wert darauf zu legen, dass jeder Charakter seine eigene Geschichte hat. Frei nach dem Motto „Der Antagonist ist der Held in seiner eigenen Geschichte“. Das gilt aber auch für die beste Freundin der Heldin oder den Bruder oder den Typ von nebenan. Wenn ein Charakter eine gewisse Rolle spielt, braucht er in meinem Kopf neben einem Gesicht auch Eigenschaften, die ihn charakterisieren. Natürlich baue ich gerne Erfahrungen aus meinem Studium und den Praktika mit ein.

Wie verhält sich jemand mit einer posttraumatischen Belastungsstörung, welche Symptome können sich wann zeigen und wodurch ausgelöst werden? Wie denkt jemand, der eine Essstörung hat? Wie nimmt jemand die Welt wahr, wenn er an Depressionen leidet?

Dafür muss man nicht unbedingt Psychologie studieren, es gibt genug Fachbücher, die einem das Wissen vermitteln können. Was am meisten hilft, ist: Menschen um sich herum beobachten und wahrnehmen. Gespräche führen, Dinge und Einstellungen zu hinterfragen. Offen gegenüber Menschen und Interessen zu sein, die einem selbst fremd, dumm oder schlichtweg gleichgültig sind. Ist die oberflächliche Tussi mit den gemachten Fingernägeln wirklich einfach ein gemeiner, zickiger Mensch oder wurde sie in der Vergangenheit verletzt und gibt sich nun wie eine Löwin? Sind die feierwütigen Nachbarn wirklich nur laute, nervige Menschen oder führen sie im Rausch bei Rotwein und Gras auch tiefe, philosophische Gespräche? Was für Träume und Ziele haben sie? Warum lieben sie das, was sie lieben? Warum mag ich das vielleicht nicht? Was macht uns gleich und was unterscheidet uns?

Ich stelle Fragen, bleibe neugierig und versuche jeden Menschen losgelöst mit der größtmöglichen Offenheit gegenüber all seinen Eigenarten zu betrachten.

Einfühlungsvermögen, Fantasie, Offenheit, Interesse, Flexibilität.

Das sollte ein guter Psychologe meiner Meinung nach mitbringen. Stempel reichen nicht aus und wer blind nach Lehrbuch sein Manual runterspult wird den Menschen nie auf die Art helfen können, wie jemand der tiefer blickt.

Für einen Autor sind diese Eigenschaften ebenso wichtig, wenn er ein Buch schreiben möchte, das tiefgründig, bunt und vielschichtig ist.

Es spielt ineinander und sich mit der menschlichen Psyche und ihrer Geschichte auseinanderzusetzen bereichert nicht nur ein mögliches Buch, sondern auch einen selbst.