Schlagwort: drama

[Rezension] Und dein Leben, dein Leben von Magret Kindermann

[Rezension] Und dein Leben, dein Leben von Magret Kindermann

[Rezension] Und dein Leben, dein Leben von Magret Kindermann

Dieses Buch stand schon etwas länger in meinem Regal und ganz weit oben auf meiner Leseliste, da ich Magret Kindermann persönlich kenne sehr gerne mag. Ihre Art, die Welt zu betrachten, zu sprechen und die Dinge zu sehen ist sehr besonders und ich war neugierig, ob sich das auch in ihren Büchern widerspiegelt.


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  • Titel: Und dein Leben, dein Leben
  • Autorin: Magret Kindermann
  • Genre: sanfte Psychothrillernovelle(?)
  • 107 Seiten, Ebook: 1,49€ | TB: 9,99€
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Worum geht’s?
Krimiautorin Carmen lebt in einem Bootshaus abseits der Zivilisation in der Nähe eines Waldes, wo sie eine Leiche gefunden hat. Sie genießt die Einsamkeit und lässt ihrer Fantasie in ihren Manuskripten freien Lauf. Einziger Begleiter ist ihr Hund, mit dem sie gerne ausgedehnte Waldspaziergänge macht. Eines Tages wird sie jedoch bewusstlos geschlagen und sitzt plötzlich in ihrem eigenen Haus gefangen einem Fremden gegenüber, der von sich sagt, er seie ein Serienmörder.


Meine Meinung:

Ich liebe das simple und doch schicke Cover mit den dunklen Wellen, die mich an den See aus der Geschichte erinnern. Dieses Buch ist eines dieser Bücher, über die ich einerseits ganz viel und gar nicht reden möchte. Es ist eine dünne Novelle, die man verschlingt und in einem Rutsch durchlesen kann und möchte. Dementsprechend kann ich auch nicht viel über den Inhalt oder die Charaktere sprechen ohne etwas vorweg zu nehmen.

Die Prämisse des Buches ist düster und bedrohlich, doch wir lassen uns ein bisschen Zeit Carmen und ihr Leben kennen zu lernen. Warum sie so lebt, wie es ihr geht und warum sie so fasziniert von Verbrechen ist. Als leidenschaftliche Zuschauerin von Aktenzeichen XY und True Crime Sendungen kann ich diese bizarre Faszination am Tod und den dunkelsten Seiten der Menschen gut nachvollziehen. Auch wenn Krimiautorin Carmen ihr täglich Brot damit verdient, jagen ihr die Tatortfotos, ihre eigenen Werke und das tiefe Abtauchen in die Materie im einsamen Bootshaus manchmal Schauer ein.

Magret Kindermann philosophiert gerne und denkt außerhalb gesellschaftlicher Konventionen und Normen. Das überträgt sie auch wunderbar auf die Geschichte. Da wir alles aus Carmens Kopf heraus betrachten und sie viel mit sich allein ist, passt das wunderbar. Wir tauchen die Zehenspitze in die düstere Gedankenwelt von Carmen, die ein Bild von einer Geschichte vor Augen hat, das sie nicht ganz fassen kann. Die Story, die ihr bestes Buch bilden soll, das sie doch nicht schreiben kann.

Schatten und Licht.

Die oberflächlichen Gespräche mit den Leuten aus dem Ort am anderen Ufer des Sees, ihre Belanglosigkeiten aber auch ihre Heiterkeit stehen im Kontrast zur düsteren Carmen.

Und dann kommt der Tag, an dem sie bewusstlos geschlagen wird und einem Fan ihrer Arbeit gegenüber sitzt. Ein Serienmörder, gelassen und doch bedrohlich. Eine Zwickmühle aus Angst, Faszination und Neugier. Wir fiebern mit Carmen und lauschen dem interessanten Austauschs einer Mörderin auf Papier und eines realen Mörders. Die Luft ist klirrend kalt und die Seiten fliegen vorbei, während man dem Spiel der beiden folgt. Kann Carmen entkommen? Wird sie überleben? Hat dieser Mann etwas mit ihr zu tun? Wir decken Geheimnisse aus Carmens Vergangenheit auf, während der Mörder ein Rätsel bleibt. Wird er sie umbringen? Was hat er vor? Warum Carmen? Nicht ganz greifbar und mit vielen Fragezeichen, aber so ein faszinierender Charakter!

Ich mochte auch die Geschichte in der Geschichte, die Carmen dem Mörder vorliest. Generell liebe ich es, wenn in Büchern über Bücher und das Schreiben gesprochen wird.

Ich kann gar nicht so genau benennen was mich so in den Bann zieht. Der melancholisch, nachdenkliche Schreibstil? Die schrulligen Figuren? Diese bedrohliche Geschichte? Vermutlich ein Mix aus allem. Und ein Mix, der Magret Kindermann wirklich gelungen ist. Etwas vom Tod klebt an der Geschichte, dunkel und schwer wie der See. Auch das Genre einzuordnen fällt mir schwer. Es ist schon ein Psychothriller, aber ohne Blut, ohne Hektik, sondern langsam und bedrohlich wie eine Schlange im Gras.

So gerne würde ich mehr über dieses Buch erzählen, aber es ist schwierig, in Worte zu fassen welche Emotionen und Gedanken das Buch in mir losgetreten hat. Fies!

 

Fazit:

Ein kleines Kunstwerk! Dieses Buch muss man einfach selbst gelesen haben, um die Magie zu verstehen. Für alle, die einen kühlen Schauer suchen. Menschliche Abgründe und Untiefen, die einen zum Nachdenken anregen. Leise Töne, interessante Gedanken statt Action und Blut. Gute Gespräche, schöne Wörter und eine Geschichte, die im Nacken kitzelt. Dafür gibt es die volle Anzahl Seesterne!

Weitere Meinungen:

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[Kurzgeschichte] Der Geschmack von Zitronen

[Kurzgeschichte] Der Geschmack von Zitronen

*pustet den Staub vom Blog*

Der Welttag des Buches ist eine gute Gelegenheit, um diesen Blog wiederzubeleben! Ihr findet die Geschichte auch auf fanfiktion.de und myfanfiction.net

Diese Kurzgeschichte habe ich im Oktober 2015 für einen Schreibwettbewerb geschrieben, der die vielseitigen Schichten von menschlichen Beziehungen als Thema hatte. Leider wurde ich letztendlich nicht ausgewählt – Aber bevor ich den Text in einer Schublade vergammeln lasse, dachte ich mir, ich präsentiere ihn euch.  🙂

Trigger Warnung: Essstörung

Der Geschmack von Zitronen

Das Geräusch der Gabel, die über den Porzellanteller kratzte, ließ Tanja innerlich zusammenzucken. Sie saß ihrer Tochter Sina am Esstisch gegenüber, ihre eigene Portion Fisch mit Gemüse war bereits aufgegessen. Der Teller stand beiseitegeschoben am Rand, es waren nur noch Reste darauf. Sina hatte ihren Blick starr darauf geheftet und schien das Muster der Soße zu studieren als wäre es eine antike Schrift, die es zu entschlüsseln galt. Sie vermied es die Unterlagen für die Klinik anzusehen, die vor ihrer Mutter auf dem Tisch ausgebreitet lagen. Sina hatte sie sich vor dem Essen durchgelesen und sie wortlos zurück auf den Tisch gelegt. Keine Reaktion. Nur bitteres Schweigen. Je länger Tanja ihre Tochter beobachtete, desto mehr fielen ihr in deren Augen und Gesicht die Spuren von Abscheu und Skepsis auf. Wie Sina beim Ausatmen die Nase leicht rümpfte und die Mundwinkel von Minute zu Minute ein wenig weiter nach unten wanderten, die Lippen fest zusammengepresst, die Hand um die Gabel verkrampft.

Tanja schluckte, als sich ihre Blicke streiften und sah rasch wieder auf ihre eigenen Hände. Lange, schlanke Finger, ein bisschen runzliger als noch vor zehn Jahren. Wieder stocherte Sina in ihrem Gemüse, spießte eine Kartoffel auf, wollte die volle Gabel zum Mund führen und legte sie schließlich doch beiseite um einen winzigen Schluck Wasser zu trinken. Tanja, die unruhig ihren Daumen knetete, stieß einen ungeduldigen Seufzer aus. Sie wollte sich um Sinas Willen zusammenreißen, aber die Zeit verging und nichts passierte. Die Uhr tickte, Sinas Gabel kratzte über den Teller und ab und zu knackte der Stuhl. Sie wollte ihre Tochter nicht anstarren und diese damit noch mehr unter Druck setzen, doch ihr Blick wanderte immer wieder zu Sina zurück.

„Ich kann das nicht, Tanja“, zischte Sina ungeduldig – ihre Stimme hart und kalt – legte das Besteck beiseite und rutschte mit ihrem Stuhl ein Stück vom Tisch weg. Seit wann hatte sie wohl aufgehört „Mama“ zu sagen? Wann war diese Lücke entstanden, diese unterkühlte Distanz? Tanja schloss entnervt die Augen, fasste sich an die Stirn und seufzte erneut. Was sollte sie ihr sagen? Tanja sagte immer die falschen Dinge, gab unnütze Ratschläge und traf unwissentlich einen sensiblen Punkt. Dabei wollte sie wirklich nur das Beste für Sina, wünschte sich aus tiefstem Herzen, dass es ihr gut ging und dass sie wieder fröhlich grinsen konnte. Wie jede Mutter es für ihre Kinder gewollt hätte. Aber ihre Worte und ihr Flehen drangen nicht mehr zu Sina durch. Tanja wollte Sina einfach nur an den Schultern packen und schütteln, ihr eine Ohrfeige geben und sie auf ihr Zimmer schicken. Aber das brachte schon lange nicht mehr den gewünschten Effekt. Es gab nur noch Tränen und Schweigen, keine Versöhnung mehr. Sie konnten nicht einmal mehr streiten. Aus Tanjas kleinem, süßem Mädchen war eine junge Frau geworden, die sich längst jeglichen familiären Einflüssen entzogen hatte. Ganz langsam und unbemerkt. Sina hatte mit der Beziehung zu ihren Eltern, vielleicht sogar der ganzen Welt abgeschlossen. Es gab nichts zu sagen.

Doch Tanja hörte nicht auf zu reden und wollte es auch nicht. Denn sie hatte nicht aufgegeben. Auch, wenn es sie innerlich auffraß und ihr den Schlaf stahl. Selbst in den dunkelsten Stunden, in denen es Stimmen in ihrem Kopf gab, die ihr rieten ihre Tochter einfach dem Schicksal zu überlassen und sich um das eigene Wohl zu sorgen – ja selbst dann, fand sich ein kleines, unnachgiebiges Rufen. Sie ist deine Tochter. Du liebst sie und sie liebt dich. Heute braucht sie dich mehr als jemals zuvor. Wenn du sie jetzt alleine lässt, ist der Abschied für immer. Willst du nachher im Sterbebett liegen, zurückblicken und diesen Moment bereuen?

„Ich lass dich nicht alleine, Sina“, erwiderte Tanja.

„Ich hasse dich“, murmelte Sina und schüttelte wütend den Kopf.

„Ich liebe dich, Sina“, Tanjas Augen füllten sich mit Tränen, „Wenn du es nicht mir zu Liebe tun kannst, dann für dich selbst. Du hast doch so viele Träume, du willst studieren und nach Afrika fahren und…“

„Ich kann es nicht!“, unterbrach Sina sie fauchend und untermalte ihre Aussage indem sie jedes Wort extra betonte. Ihre Hände waren zu Fäusten geballt, die Fingerknöchel traten weiß hervor.

Ja, sie hatte Träume gehabt. Irgendwann. Aber etwas war in ihrem Kopf. Etwas, das sie von innen blockierte. Die Welt da draußen überrollte sie. Alle hatten Anforderungen, Vorstellungen, die sie erdrückten und alles aus ihr herausquetschten. Sie fühlte sich wie eine ausgepresste Zitrone. Ebenso bitter gab sie sich nach außen. Genau die Person, der sie am meisten vertrauen wollte, ihre eigene Mutter, drückte unaufhörlich weiter. Jammerte, weinte und gab sich als Opfer aus. Wer spielte denn unfair? Glaubte Tanja etwa, dass Sina nicht bemerken würde, dass sie heimlich Butter ins Essen schmuggelte oder den Tee besonders großzügig zuckerte? Das war doch der wahre Vertrauensbruch! Es machte ihr nichts aus, wenn Leute auf der Straße ihr Aussehen abfällig kommentierten. „Iss doch mal was, Mädchen!“ und „Igitt, schau mal, wie dürr die ist! Man kann ihre Rippen sehen!“

Aber im Moment saß sie ihrer eigenen Mutter gegenüber. „Du willst doch nur dein eigenes Gewissen beruhigen! Aber du kennst mich nicht! Du hast doch keine Ahnung!“, rief Sina und wurde immer lauter. Ihr Körper bebte und war heiß, als würde er gleich explodieren. Sie fühlte sich so unwohl in ihrer Haut, in diesem Leben. Sie wünschte sich, die Zeit anhalten zu können. Wie bei einem Videospiel. Pause. Abbruch. Neues Spiel starten.

„Dann rede mit mir! Erklär es mir!“, flehte Tanja, doch Sina schwieg. Darüber reden – sie hätte es gerne gewollt oder gekonnt. Aber da war dieser Kloß in ihrem Hals, eine verschlossene Tür im Kopf. Das Papier raschelte, als ihre Mutter danach griff. Sie schien sich regelrecht daran festzuhalten. Auf den Unterlagen prangte groß und fett gedruckt das Wort „Fachklinik für Essstörungen“, daneben ein Informationspamphlet mit Bildern von Zimmern mit zitronengelben Wänden und lächelnden, abgemagerten Mädchen. Es war alles zu viel, sie wollte nichts mehr davon sehen und hören. Müde stützte sie den Kopf auf ihre Hände und schloss die Augen. Tanja stieß einen frustrierten Laut aus und stand ruckartig auf.

„Schau mich an, Sina!“, rief sie, kochende Wut in ihrem Bauch und ließ ihre Fäuste auf den Tisch knallen, sodass alles wackelte. Die Gabel rutschte vom Tellerrand und fiel klirrend zu Boden. Sina zuckte nicht einmal.

„Hilf mir doch, Mama“, dachte sie und musste sich auf die Lippe beißen, um nicht laut zu schluchzen. Ihr Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen, dabei hatte sie kaum etwas von dem Essen angerührt.

„Warum bist du nur so? Warum kannst du nicht einfach essen? Sieh dich an! Du bist Haut und Knochen! Wenn du nichts isst, wirst du sterben! Was ist nur falsch in deinem Kopf?“, schrie Tanja sie von der anderen Seite des Tisches an. Sina schniefte, wollte aufstehen und gehen, doch Tanja griff über den Tisch nach ihrer Hand. Ihre Finger zitterten und waren eiskalt. Es bedurfte all ihrer Konzentration um nicht weiter zu brüllen. Tanja holte tief Luft, ehe sie weitersprach.

„Es tut mir leid. Ich wollte nicht schreien, Sina. Es tut mir so leid“, wimmerte sie. Sina hob den Kopf und blickte direkt in Tanjas verweinte Augen. Endlich konnte Sina den Kloß in ihrem Hals herunterschlucken. Ihre Lippen bebten, als sie die Hand ihrer Mutter ergriff. Zu viele Emotionen. Sina konnte ihre Gedanken kaum ordnen. Doch inmitten des Chaos, flammte ein kleines Licht auf. Ein „Vielleicht“ inmitten all der Ablehnung und des Widerwillens.

„Ich werde die Papiere unterschreiben. Ich gehe in die Klinik“, sagte Sina.