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[Rezension] Kurt von Sarah Kuttner

[Rezension] Kurt von Sarah Kuttner

[Rezension] Kurt von Sarah Kuttner

The perks of being a Buchhändlerin – ich habe Zeit, in Neuerscheinungen reinzulesen, obwohl zuhause zwei volle Regale (und mehrere schiefe Türmchen in anderen Ecken) sehnsüchtig auf mich warten. Schwups, waren 100 Seiten von „Kurt“ verschluckt und schwups landete es am Ende des Arbeitstages in meinem Einkaufskörbchen. Mein erstes Buch von Sarah Kuttner war „Mängelexemplar“. Das habe ich vor zwei Jahren als Hörbuch im Krankenhaus gehört und fand es großartig. Aber heute widmen wir uns „Kurt.“


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  • Autorin: Sarah Kuttner
  • Titel: Kurt
  • Verlag: S. Fischer
  • Genre: Gegenwartsroman, Trauerbewältigung
  • 240 Seiten, gebunden: 20€ | Ebook: 16,99€
  • auf amazon* kaufen

 

Worum geht’s?
Lena lebt mit zwei Kurts zusammen. Ihr Lebensgefährte, der große Kurt, und dessen Sohn aus erster Ehe, der kleine Kurt. Lena und Kurt haben sich ein Haus in Brandenburg gekauft und sind noch dabei, Kartons auszupacken, den Garten zu bepflanzen und sich mit der Patchwork Routine zu arrangieren. Dann geschieht es. Der kleine Kurt stirbt bei einem Unfall. Das Schlimmste, was Eltern zustoßen kann. Lena leidet und muss mitansehen, wie der große Kurt leidet. In all der Trauer, der Verarbeitungen und den Erinnerungen fragt sie sich – darf sie auch trauern? Sie fühlt sich wie eine Fremde und auch der große Kurt entfernt sich immer weiter von ihr. Kann das Leben und kann die Liebe nach so einer Tragödie überhaupt weitergehen?

 


Meine Meinung:

Dass Sarah Kuttner auch schwermütige Thematiken wie Depression, Verlust und quälende Lebensfragen gut beantworten kann, hat sie mir schon mit Mängelexemplar bewiesen. „Kurt“ greift jedoch nochmal ein ganz anderes Thema auf. Was passiert, wenn ein Kind stirbt. Es erscheint so grausam, so unfair und ist wohl für alle Eltern die allerschlimmste Vorstellung.

Sarah Kuttners Humor und Schreibstil sind locker, frech und durchaus eigenwillig. Als Hörbuch hat mir das total gut gefallen. Ich hatte ein bisschen Sorge, dass es mich in geschriebener Form stören würde, aber das tat es gar nicht. Es war direkt und unverblümt. Mit vielen Alltagsdingen, Banalitäten und dazwischen verstreut philosophische, gehaltvollere Gedanken.

Das Buch gliedert sich in drei Teile – im ersten Teil lernen wir das Leben von Lena und den zwei Kurts genauer kennen. Das Buch wirbt damit, dass man sich in Kurt verlieben wird. Und ja, das tut man. Mit dem Beginn des zweiten Aktes ist der kleine Kurt tot. Ganz plötzlich. Es fühlt sich sinnlos an, grausam und unwirklich. Aber die Realität sickert langsam in das Bewusstsein der Figuren und der Lesenden. Ja, man hat sich verliebt in diese Figur und das Herz bricht. Ich musste während des Buches nicht weinen (das tue ich sehr selten), aber ich musste oft schwer schlucken.

Auch, wenn es Sarah Kuttner, abermals gelingt ein so trauriges und ernstes Thema relativ sanft und feinfühlig aufzuarbeiten, ist es oft ein Schlag in die Magengrube.

Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit

Mit Protagonistin Lena arbeiten wir gemeinsam auf, was geschehen ist. Oder viel weniger was danach geschah. Wie sehr man als „Außenstehende“ als die Lena sich oft sieht und fühlt, trauern darf. Wie stark sie für ihren Freund sein sollte, was sie alles schweigend über sich ergehen lassen sollte, wann man neu anfangen sollte. Wann räumt man das Kinderzimmer aus, wann darf man wieder lachen, lieben, nach vorne schauen.

Psychologisch gesehen ist Trauer sehr individuell. Von „pathologischem Trauern“ spricht man nach DSM-5 ab etwa ein Jahr anhaltender Trauer und der damit einhergehenden starken Beeinträchtigung in wichtigen Lebensbereichen. Das klingt ebenso hölzern wie die Vorschriften zu Grabpflege, Beerdigungen und vielen anderen rechtlichen Dingen, die nach einem Todesfall hinzukommen. Mitschwingt die Frage – wie viel Trauer, wie viel Leiden ist normal?

Diese Frage kann man nicht beantworten und sie wird im Buch auch nicht beantwortet. Man merkt, wie real, wie nah und wie sanft Sarah Kuttner das Thema behandelt.

Die fallen Charaktere schon ab den ersten Szenen durch ihre unbeeindruckte, normale Art und den liebevollen Umgang miteinander positiv auf. Auf den folgenden Seiten wachsen sie einem so sehr ans Herz, das man wirklich mit ihnen leidet und hofft.  Trotz all des Schwermuts, liest sich das Buch gut und schnell. Es ist an den schmerzenden Stellen nicht zu lang und an den schönen Stellen nicht zu kurz. Und so gelingt der Balance-Akt. Zwischen Trauer und Freude, Tod und Leben, Zukunft und Vergangenheit. Man besinnt sich ein bisschen mehr auf die Welt und die Menschen um sich herum. Und man beendet das Buch mit einem weinenden und einem lachenden Auge.

p.s.: In Ehren an das Buch und den kleinen Kurt heißt unser Lavendel auf dem Balkon jetzt Kurt.

 

Fazit:

Ein feinfühliges Buch über das Thema Trauer. Mit Sprachwitz, einem Auge für Alltagskomik, Sensibilität in den leisen Tönen, Charakteren zum lieb haben. Sarah Kuttner beweist, dass sie alltägliche Ereignisse und Emotionen gleichzeitig mit Scharfsinn und Behutsamkeit in ein wunderbares Buch verarbeiten kann. Trotz des traurigen Themas ein schönes, hoffnungsvolles Buch. Für Sarah Kuttner Fans eine dicke Leseempfehlung! Für alle anderen, die ein nicht zu deprimierendes Buch über das Thema „Tod eines Kindes“ lesen wollen, auch.

Weitere Meinungen:

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[Rezension] Sarah Kuttner – Mängelexemplar

[Rezension] Sarah Kuttner – Mängelexemplar

Hallo meine Lieben!

Heute gibt’s was auf die Ohren. Die Video Rezension werde ich so bald wie möglich nachdrehen! (Hier ist sie)

Ich habe während meiner zwei Tage im Krankenhaus bewusst kein W-LAN genutzt, sondern habe mich auf Bücher bzw. Hörbücher konzentriert. (Gut, ich hing ständig mit dem Handy auf twitter und habe Selfies von meiner Nase gemacht, aber psssst)

Und „Mängelexemplar“ von Sarah Kuttner war dabei!

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  • Sprecherin: Sarah Kuttner
  • Dauer: 317 Minuten
  • Ich habe das Hörbuch in der NEON Ausgabe* gehört

Mein Tipp: Aktuell gibt es das Hörbuch reduziert auf jokers für 4,99€ in zwei Versionen: Version Argon* und NEON Version*.

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Worum geht’s?

Großstädterin und Lebefrau Karo Hermann verliert ihren Job, muss ein paar Freunde aussortieren und fällt daraufhin in ein tiefes Loch. Schlummernde Konflikte und Emotionen wollen Aufmerksamkeit, Karo muss sich mit sich beschäftigen. Sie weint auf einmal viel und dann ist da die Angst. Ungewohnt, eine neue Herausforderung, die Karo schnellstens aus dem Weg räumen will. Aber das braucht Mut und Kraft. Wer hält auch in schweren Zeiten zu ihr? Wir begleiten sie auf ihrem Weg, mit Therapie und Psychopharmaka und hoffen, dass Karo ihr Happy End findet.

Sprecher:

An diesem Punkt gehe ich beim Hörbuch jetzt nicht auf das Design ein, sondern auf die Sprecherin ein. Der Schreibstil schreit nach einer quirligen Person, die viele Emotionen darstellen kann und der man den blubbernden Schreibstil abnimmt. Wer passt da besser als Autorin und Allroundtalent Sarah Kuttner? Für mich die beste Wahl!

Schreibstil:

Der quirlige, bunte sehr anschauliche und mit ulkigen Vergleichen gespickte Schreibstil von Mängelexemplar eignet sich sehr gut für ein Hörbuch und ich kann mir sogar vorstellen, dass er als Hörbuch besser und lebhafter wirkt. Zum Lesen stelle ich mir das auf Dauer nämlich ein bisschen anstrengend vor. Die Sprache ist sehr bunt, blumig und flippig gehalten, sehr eigen und ist bestimmt nicht jedermanns Sache. Karo erzählt aus Ich-Perspektive und berichtet viel aus ihrer Gedankenwelt, aber auch wie sie die anderen Charaktere sieht.

Inhalt:

„Depression ist ein fucking Event!“, schallt uns der erste Satz entgegen. Karo Hermann, Großstädterin mit überschießender Energie und einem ständig vor sich hin quasselnden Kopf, verliert ihren Job, in ihrem Freundeskreis und der Beziehung kriselt es. Für die fröhliche, selbstironische Karo brechen härtere Zeiten an. Traurigkeit, Leere und die Angst. Diagnose: Depression. Dann die Panikattacke. Das tiefe Loch bzw. das Fehlen von Gefühlen ist komplett neu für sie. Plötzlich muss die selbstständige Frau sich Hilfe suchen und sich auf andere verlassen. Wir begleiten sie durch das erste Jahr hindurch, sehen Freunde kommen und gehen, sehen das Auf und Ab und können auch bei der Therapie Mäuschen spielen. Dabei zeigt sich, dass Karos fröhliche Fassade vor allem einem dient: Dem Selbstschutz. Negative Gefühle? Etwas Neues für Karo. Sich mit sich selbst, ihrem Leben und ihrem Umfeld so intensiv auseinander zu setzen bringt viele Probleme mit sich und Karo hofft nur eins: Ihr Happy End zu finden und die Depression schnellstmöglich mit Therapie zu bekämpfen und hinter sich zu lassen. Aber so einfach funktionieren Depressionen nun mal nicht.

Selbst Karo ist bei ihren Erzählungen sehr bemüht alles humorvoll und lustig darzustellen, sodass selbst ihre dunklen Momente mit einem gewissen Abstand betrachtet werden. Hier hätte ich mir manchmal noch ein bisschen mehr Ernsthaftigkeit gewünscht, ansonsten wurde das Thema schön sarkastisch und mit viel Humor behandelt. Etwas komplett Neues ist das Thema nicht, aber der Umgang und die Herangehensweise von Sarah Kuttner haben mir gut gefallen.

Charaktere:

Da die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt wird bekommen wir hauptsächlich Karo mit. Da gibt es noch den Popstar-Psychiater, Psychotherapeutin Anette, Philip, David, Max und Karos Familie und Freunde. Der Fokus liegt klar auf Karo und ihrem Innenleben, die anderen Charaktere sind sehr realistisch und reagieren unterschiedlich aufs Karos Krankheit. Wahre Freunde bleiben, falsche gehen und manche Leute begleiten einen nur ein Stück lang.

Mir gefiel die Entwicklung von Karo sehr gut, ihre Überlegungen und die Entwicklungen und Erfahrungen, die sie gemacht hat. Sie war manchmal etwas dickköpfig und man schüttelte den Kopf, aber das sollte man.Karo sagt mehrmals selbst von sich, das sie anstrengend ist. Und das stimmt, aber sie ist auch liebenswert und kreativ und eben ein richtiger Mensch mit guten und schlechten Seiten.

Ich frage mich, ob und wie viel autobiografisches von Sarah Kuttner in Karo steckt, denn es fühlte sich an als gäbe es Karo wirklich so natürlich kam es rüber.

Ende:

Das Ende war perfekt. Von vielen Geschichten zu dem Thema Depression war das ein realistisches Ende ohne zu sehr in Extreme abzudriften. Toll!

Fazit:

Als Hörbuch kann ich die Geschichte uneingeschränkt empfehlen! Mit 317 Minuten ist es wunderbar für längere Zug oder Autofahrten geeignet und das Thema ist durch die humorvolle Aufbereitung nicht zu belastend. Dennoch leiden und hoffen wir mit Karo und vielleicht kann der ein oder andere eine Lehre für sich daraus ziehen. Es bringt einem unbewusst viel über die Krankheit und die nötigen Soft Skills bei. Ich finde, jeder sollte es gehört oder gelesen haben! Von mir gibt es 4,5 Seesterne, da ich Karos Erzählstil doch manchmal etwas zu anstrengend fand. 😉

45seesterne


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