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[Rezension] Deutsch sein und schwarz dazu von Theodor Michael

[Rezension] Deutsch sein und schwarz dazu von Theodor Michael

Februar ist Black History Month, der Kultur und Geschichte von Menschen mit schwarzer Hautfarbe gedenkt und feiert. Ein Monat, um sich bewusst zu werden, wie wenig man als deutsche Kartoffel darüber weiß und nur ein Monat für die komplette Geschichte der Menschheit. Ich wollte diese Gelegenheit dennoch dazu nutzen, mich mehr mit dem Thema auseinander zu setzen. Dafür habe ich die Biografie eines Deutschen gelesen, der den zweiten Weltkrieg überlebt hat – wie viele andere Deutsche. Und dessen Geschichte dennoch unbekannt und unwirklich erscheint, weil wir eben über diese Seite der Geschichte kaum nachgedacht haben.

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  • Autor: Theodor Michael9783423348577
  • Titel: Deutsch sein und schwarz dazu – Erinnerungen eines Afro-Deutschen
  • Verlag: dtv
  • Genre: Biografie, Zeitzeugenbericht (224 Seiten)
  • über amazon*: Taschenbuch 9,90€ | Ebook 7,99€
  • über LChoice**: Taschenbuch vor Ort kaufen

 

Worum geht’s?
In diesem Buch beschreibt Theodor Michael sein Leben. Er wurde 1925 als Sohn eines Kameruners und einer Deutschen geboren und wuchs mit seinen Geschwistern in Berlin auf. Er hat viel erlebt, war beim Zirkus, wurde von verschiedenen Familien großgezogen und überlebte den zweiten Weltkrieg mit all seinen Schrecken und Gefahren. Theodor studierte, gründete seine eigene Familie und wirft in dieser Lektüre einen bewegenden Blick zurück als ein Zeitzeuge eines ereignisreichen und zugleich schrecklichen Jahrhunderts.

 

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Meine Katze hat sich sehr gefreut, dass ich das Buch in fast einem Rutsch durchgelesen habe, ohne mich groß zu bewegen. 😉
Meine Meinung:

Mit 224 Seiten ist das Buch wahrlich nicht dick, dennoch ist es schon länger her, dass ich ein Buch innerhalb von 24 Stunden beendet habe.

Theodor Michael beginnt ganz am Anfang bei seiner Geburt und gliedert verschiedene Aspekte und Thematiken seines Lebens in kleine Blöcke von 2-3 Seiten, die sich sehr schnell lesen lassen und trotzdem zusammenhängend sind. Durch den reflektierenden Schreibstil, ständige Andeutungen und Ausblicke auf spätere Ereignisse fliegt man durch die Seiten und möchte unbedingt wissen, wie es weitergeht. Ehrlich, schonungslos und ohne unnötige Ausschmückungen schildert Theodor Michael seinen Werdegang, seine Probleme und seine Gedanken. Er wird in Deutschland geboren, spricht deutsch und gerade als kleiner Junge, versteht er kaum, warum er von anderen seltsam beäugt wird. Erst später schämt er sich für die demütigenden Völkerschauen, auf der dunkelhäutige Menschen in Baströckchen als unzivilisierte Wilde zur Schau gestellt werden.

Aber er muss lernen, damit umzugehen. Wie man Polizeikontrollen hinter sich bringt, wie man Situationen deeskaliert, wie man gehorsam ist und möglichst wenig auffällt. Lange muss er Wünsche und Träume zurückstellen. Was für andere selbstverständlich ist, wird ihm meist verwehrt, für vieles muss er kämpfen. Besonders bedrücken und ängstlich stimmen einen beim Lesen die Anfänge und schließlich die Hochphase des Nationalsozialismus und der zweiten Weltkrieg. Zwar entgeht Theodor dem Konzentrationslager, aber er wird in ein Arbeitslager gepfercht und leidet, funktioniert wie eine Maschine, um irgendwie zu leben. Als Leser mag man denken, dass mit dem Sieg der Aliierten der Horror vorbei ist, aber es gibt weiterhin Missgunst, Vorurteile und die harten Nachkriegsjahre hinterlassen ihre Spuren.
Zeitzeugenberichte verdeutlichen eindringlicher als jedes Geschichtsbuch die Auswirkungen großer politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen. Währungsreform, Besatzungszonen – all diese abstrakten Begriffe erwecken mit Theodor Michaels Worten zum Leben und man wird sich der Konsequenzen bewusst, die diese für die einzelnen Menschen hatte.

Theodor hat nicht aufgegeben, er reflektiert, interpretiert und kann durch den zeitlichen Abstand einen nüchternen Blick auf sein schwieriges, aber durchaus schönes Leben werfen. Er schreibt nicht verbittert, voller Hass, sondern hoffnungsvoll und mild. Mild, selbst, im Umgang mit Menschen, die grausam waren und ihm Unrecht taten. Seine Frau und er, seine Kinder und Enkel leben seine Vision. Harmonie bedeutet nicht, niemals zu streiten, sondern den anderen zu akzeptieren und gemeinsam eine Lösung zu suchen. Welche Schwierigkeiten Theodor, seine Geschwister, seine Familie und seine Mitmenschen erleben musste, welche Entbehrungen, Verluste, welche Momente des Glücks – all das bewegt und ist unglaublich interessant und man kann nicht anders, als am Ende der Lektüre vollsten Respekt vor diesem Mann und seinem Leben zu haben.

 

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Es liegt nicht an den Diskriminierten etwas gegen die Diskriminierung zu tun, sondern an den Diskriminierenden und denen, die meist nur zusehen und rumstehen, anstatt sich ein Herz zu fassen und Vorurteilen und Hass mutig entgegen zu treten.
Empathie und einander verstehen ist so wichtig. Sich mit anderen, ihren Gedanken, Schicksalen und Gefühlen auseinanderzusetzen ist nicht immer angenehm oder leicht, aber unumgänglich, wenn man sich persönlich weiterentwickeln will. Und, um zu verhindern, dass Hass, Ausgrenzung, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit erneut in dem Ausmaß um sich greifen wie zu Zeiten des Nationalsozialismus.

Das Buch fesselt durch seine Geschichte und den schmucklosen Schreibstil, jedoch wird Theodors zweite Lebenshälfte weniger ausführlich behandelt. Dabei hätte ich mir gewünscht auch davon etwas mehr zu erfahren, wie es mit den Kindern und seiner Ehefrau Friedel war. Das ist mein einziger Wermutstropfen.

 

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Fazit:

Insgesamt spreche ich für das Buch eine absolute Leseempfehlung aus. In der Schule hing mir der 2. Weltkrieg zwar zum Hals heraus, aber es ist so wichtig, sich stetig mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ehrlich, ungeschönt und dennoch mit der Weisheit eines ganzen Lebens erzählt Theodor Michael seine Geschichte, die stellvertretend für viele Schicksale steht. Auch, wenn es hauptsächlich seine Erinnerungen sind, hätte ich gerne noch etwas mehr über das Leben seiner Kinder und seiner Frau Friedel gelernt und über deren Ansichten und Gefühle. Ansonsten ist das Buch eine interessante, lehrreiche und spannende Lektüre, die sich schnell lesen lässt.

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Leseliste zum Black History Month

Leseliste zum Black History Month

Leseliste zum Black History Month

Was ist der Black History Month? In vielen anderen Ländern wird im Februar der Kultur und Geschichte von PoCs (=people of color) gedacht. In Deutschland gibt es kleinere Veranstaltungen z.B. in Hamburg.

Vorweg: Ich bin eine Kartoffel aus einem richtig kartoffeligen Dorf im Allgäu – viel Erfahrung zum Thema Rassismus kann ich also nicht vorweisen. Ich weiß nur, dass ich bis zur Mittelstufe nur eine dunkelhäutige Person kannte. Dass ich kaum etwas über die Kultur und die Geschichte außerhalb von Deutschland und Mitteleuropa in der Schule gelernt habe. Dass ich nicht erahnen kann, wie sich jemand fühlen muss, der in einem urbayerischen Dorf voller Konservativer schräg angeschaut, angepöbelt und beleidigt wird.
Es ist mir egal, welche Hautfarbe jemand hat“ – Nein, es ist nicht egal, solange jemand dadurch benachteiligt und diskriminiert wird.

Ich hoffe, dass es vielleicht irgendwann mal egal sein wird wie wir aussehen. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg. Jeder von uns hat irgendwelche Vorurteile und nur, wenn wir uns bewusst und aktiv damit auseinandersetzen, können wir Rassismus besser bekämpfen.

Black History Month

Für den Februar, den Black History Month, habe ich mir gezielt ein paar Bücher von PoC Autoren herausgesucht, die ich diesen Monat lesen möchte. Denn die Vielfalt in der Literatur hängt auch immer davon ab, welche Bücher gekauft werden. Habt ihr gerade ein Buch von PoC Autor*in zur Hand? Nein? Vielleicht inspiriert euch dann dieser Blogeintrag… Hier findet ihr eine Liste von Büchern, die ich irgendwann noch lesen möchte. Ich möchte meinen Horizont erweitern. Leuten zuhören, die Erfahrungen direkt gemacht haben. Autobiografisch, politisch, gesellschaftskritisch, witzig, ernst, fantastisch. Es ist alles dabei.

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Meine Leseliste für den Februar:

Theodor Michael – Deutsch sein und schwarz dazu (deutsch)* [Biografie]
9783423348577Theodor Michael wird 1925 als Sohn eines Deutschen und einer Kamerunerin geboren. Er überlebt das Arbeitslager, studiert, arbeitet am Theater, hat eine Familie. Er ist in Deutschland geboren und aufgewachsen – und bleibt doch für viele aufgrund seiner Hautfarbe ein Außenseiter. Theodor erzählt die Geschichte seines Lebens.

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Nnedi Okofaror – Wer fürchtet den Tod (deutsch)* [Dystopische Fantasy/SciFi]
Die dunkelhäutigen Okeke werden von den hellhäutigen Nuru untedrückt. Onyesonwu macht sich auf, sich am Vergewaltiger ihrer Mutter zu rächen. Dieser ist aber ein mächtiger Zauberer namens Daibu und außerdem ihr Vater.

 


Weitere Leseempfehlungen:

    • Nic Stone – Dear Martin (engl.)* [Jugendbuch]
      Justyce ist Klassenbester, ein ordentlicher Junge. Aber das ist den Cops und den Medien egal, die ihn und seinen Kumpel Manny für eine Schießerei verantwortlich machen.
    • Angie Thomas – The Hate U Give (engl. | deutsch)* [Jugendbuch]
      Meine Rezension
      Starr ist dabei, als ihr Kumpel ungerechtfertigterweise von einem weißen Cop erschossen wird. Sie ist hin- und hergerissen, denn sie hat Angst auszusagen, Angst, ihrer Wut Luft zu machen und als „wütende Schwarze“ abgestempelt zu werden. Wird sie im Prozess aussagen und ihre Stimme erheben?
    • Margot Lee Shetterly – Hidden Figures (Unbekannte Heldinnen) (deutsch)* [Erzählung, wahre Geschichte]
      1943 werden erstmals afroamerikanische Frauen bei der NASA eingestellt. Trotz Diskriminierung und Skepsis setzen sich die brillianten Mathematikerinnen durch.
    • Reni Eddo-Lodge – Why I’m no longer talking to white people about race (engl.)* [Sachbuch, Gesellschaftsbuch]
      Die Diskussion über Rassismus, was beleidigend ist und was nicht, wird oft von solchen Leuten geführt, die keine Ahnung davon haben. PoCs hingegen müssen sich oft rechtfertigen, wenn sie sich aufgrund einer Bezeichnung schlecht fühlen. Die Journalistin Reni Eddo-Lodge wirft einen ungeschönten, direkten Blick auf unsere Gesellschaft.
    • Trevor Noah – Farbenblind (deutsch)* [biografische Kurzgeschichten, Humor]
      Trevor kam 1984 als Sohn einer Xhosa und eines Schweizers zur Welt. Das südafrikanische Apartheidssystem stellte „gemischtrassige“ Beziehungen zu dieser Zeit noch unter Strafe. Wie es für Trevor war unter diesen Bedingungen aufzuwachsen erzählt der heutige Comedian in 18 Kurzgeschichten.
    • Lori Hewett – Coming of Age (engl.)* [Jugendbuch]
      Vier Jugendliche erleben die Hochs und Tiefs der Highschool. Sie kämpfen um Liebe, Respekt und ihre Zukunft. (Ich habe das Buch in der 9. oder 10. Klasse als Lektüre im Englischunterricht gelesen)
    • Rosa Parks – My Story (engl.)* [Biografie]
      Rosa Parks ist vielen bekannt als die Frau aus dem Bus. Aber ihr Leben hat so viel mehr Spannendes, Aufrüttelndes und Wichtiges.
    • Martin Luther King Jr. – Autobiography (engl.)* [Biografie]
      „I have a dream.“ – Strahlende Figur der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, erschossen von politischen Gegner. Warum seine Worte bis heute bewegen und welchen Einfluss sie haben.
    • Barack Obama – Dreams from my father (deutsch| engl.)* [Biografie]
      In seiner Biografie erzählt der ehemalige Präsident der Vereignigten Staaten von Amerika über seine Kindheit, Jugend und was ihn geprägt hat.
    • Hans J. Massaquoi – „Neger, Neger, Schornsteinfeger!“: Meine Kindheit in Deutschland (deutsch)* [Biografie]
      Hans beschreibt seine Jugend als Kind einer weißen Mutter und seines schwarzen Vaters zu Zeiten des Nationalsozialismus.
    • Noah Sow – Deutschland Schwarz Weiß (deutsch)* [Essays/Sachbuch]
      Rassismus gegen Schwarze – das ist doch kein Problem in Deutschland. Alles ganz harmlos. Vom N-Kuss und „Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann“ und anderen offensichtlichen Dingen mal abgesehen. Der Rassismus ist in unserer Gesellschaft tief verankert.

Blogbeiträge:

  • Ein Blog gegen Rassismus, der nicht müde wird, aufzuklären.
  • African Book Addict stellt 56 englischsprachige Neuerscheinungen diverser Autoren und Autorinnen vor. Schaut bei ihr vorbei!
  • Bücher, Musik, Medien und vieles mehr findet ihr auch bei Yasmin!

Videos:

Leute, denen ihr folgen solltet:

Weitere Leselisten:

Hinterlasst mir gerne weitere Buch-, Serien- oder Blogbeitragsempfehlungen in den Kommentaren. Vielleicht gibt es ja in eurer Stadt eine Veranstaltung zum #BlackHistoryMonth, die ihr unterstützen könnt? Auf jeden Fall sollten wir nicht am 28.02 damit aufhören, kulturelle Vielfalt zu feiern und uns für andere Leute zu interessieren.

Tüdelü, eure Babsi

p.s.: Ich will mit diesem Beitrag niemanden angreifen oder beleidigen. Ist es dreist und vermessen, dass ich als weiße Nicht-Betroffene über dieses Thema schreibe? Ich weiß es nicht. Ich möchte aber auch nicht dazu schweigen. Ich möchte diverser lesen, ich möchte „own voices“ unterstützen und ich möchte mehr Vielfalt in meiner Literaturblase.


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[Rezension] The Hate U Give von Angie Thomas

[Rezension] The Hate U Give von Angie Thomas

Es wird gehyped, gehyped und gehyped. „The Hate U Give“, kurz THUG, der Debütroman von Angie Thomas, einer schwarzen Autorin aus den USA. Ist die Welle der Begeisterung gerechtfertigt?

Ich habe mir das englische Hardcover gekauft, als es kurzzeitig im Angebot war. Gelesen habe ich es zusammen mit ein paar lieben Leuten – u.a. Leseratz, Isabel, Eva, Liila, Sophia und Nise – in einer Leserunde (#readingthug)

Diese Rezension ist spoilerfrei, leichte Andeutungen konnte ich jedoch nicht vermeiden.

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Worum geht’s?

Nach einer Party wird die 16-jährige Starr von ihrem Kindheitsfreund Khalil nach Hause gefahren. Jedoch werden sie von einem weißen Officer angehalten, die Situation ist angespannt und eskaliert: Khalil wird erschossen und stirbt in Starrs Armen. Ein brisantes Thema, eine Tragödie wie viele anderen. Weißer Cop erschießt schwarzen Jugendlichen. Die Nachrichten machen schnell die Runde. In Garden Heights, Starrs Viertel, in dem hauptsächlich Schwarze wohnen, starten Proteste, die Stimmung brodelt und es wird nach Rechtssprechung gerufen.
Justice for Khalil„, schallt es durch die Straßen.
Die Medien zeichnen ein anderes Bild und nehmen den Cop in Schutz. Khalil sei ein Drogendealer, ein Gangster, ein Bandenmitglied gewesen. Inmitten all dessen ist Starr hin- und hergerissen, denn sie lebt in zwei Welten. Einmal mit ihrer Familie in Garden Heights und einmal auf der weißen Privatschule, auf die ihre Freunde und auch ihr fester Freund Chris geht. Niemand weiß, dass sie die ominöse Zeugin ist, die zum Zeitpunkt des Geschehens mit in Khalils Auto saß. Sie hat Angst vor den Konsequenzen, Angst vor den Veränderungen und Angst, ihre eigene Identität als Schwarze aufzugeben, wenn sie nicht dafür sorgt, dass Khalil Gerechtigkeit widerfährt.  Wird sie ihre Stimme erheben und damit ihr eigenes Leben, ihre Freundschaften und Beziehungen aufs Spiel setzen?

  • Genre: Jugendbuch
  • Verlag: cbt Verlag (deutsch), Walker Books Ltd. (Englisch)
  • Hardcover*: 17,99€ (deutsch) | Ebook*: 13,99€ (deutsch)| Taschenbuch*: 7,99€ (englisch)

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Meine Meinung:

Das Hardcover besticht durch sein schlichtes, aber aussagekräftiges Design. Die Taschenbuchversion wirkt unauffällig, schlicht und deswegen mag ich das gebundene Buch viel lieber. Außerdem wirkt es frischer, aktueller und jugendlicher.

Da ich das Buch auf englisch gelesen habe, kann ich nichts zur deutschen Übersetzung sagen. Ich fand das Buch ließ sich gut lesen, nur eine Slang-Ausdrücke musste ich googlen. Es war spannend und treffend geschrieben, wir begleiten Starr als Ich-Erzählerin, erhalten Einblick in die Gedankenwelt eines modernen, sechzehnjährigen Mädchens und das bringt der frische, peppige Schreibstil klar rüber. Hier und dort gab es einige Wortwiederholungen, besonders „snickered“ ist mir immer wieder aufgefallen. An sich war das aber nicht störend und der Schreibstil als Stilmittel wurde gut genutzt und steht auch eher im Hintergrund der Geschichte und ihrer Botschaft, was vollkommen in Ordnung ist. Für einen Debütroman hat Angie Thomas hier eine solide Leistung abgeliefert und uns Starrs Welt bunt, chaotisch und lebhaft gezeichnet.

Wir haben einige Charaktere in diesem Buch: Allen voran unsere Protagonistin und Erzählerin Starr, ein schwarzes Mädchen aus einer großen, liebevoll-strengen Familie, die in zwei Welten lebt. Einmal in dem Viertel Garden Heights, wo ihr Vater einen kleinen Supermarkt betreibt: ärmlich, etwas heruntergekommen, mit vielen Problemen, aber mit einer starken schwarzen Gemeinschaft. Auf der anderen Seite geht sie seit einem Vorfall in ihrer Kindheit auf eine weiße Privatschule, auf der sie fast die einzige Person mit dunkler Hautfarbe ist. Dort gibt sie sich anders und versucht mit aller Macht nicht „Ghetto“ oder „abgeranzt“ rüberzukommen, sondern wie ein cooles, schwarzes Mädchen. Auch ihre Freunde Maya, Hayley und ihr fester Freund Chris (den sie vor ihrer Familie insbes. ihrem Vater geheim hält, weil er weiß ist) besuchen diese Schule. Der Kontrast der beiden Welten wird immer wieder deutlich, in dem wie sich die Charaktere geben, was sie sagen und was sie besitzen, was sie beschäftigt. Im Verlauf der Geschichte erleben wir einige Reibereien und Freundschaften gehen zu Bruch. Maya hat chinesische Wurzeln, womit Chris und Hayley neben dem Officer die einzigen weißen Personen sind, die eine größere Rolle spielen. Chris war mir sehr sympathisch und ich mochte, wie er dargestellt wurde. Ein bisschen tollpatschig, aber lieb und herzensgut, ehrlich um Starr bemüht.

Dann gibt es noch Starrs Familie, ihren Vater Maverick, einen ehemaligen Dealer und Gangster, der es sich nach seinem Aufenthalt im Gefängnis in den Kopf gesetzt hat, auch anderen zu helfen und sich sehr für die Recht der Schwarzen und Frieden im Viertel einsetzt. Starrs Mama Lisa ist Krankenschwester und besticht durch ihre liebevolle Strenge, ihre aufmerksamen Worte und ihr großes Herz. So eine Mama kann man sich nur wünschen. Zusätzlich besteht die Familie noch aus ihre kleinen Bruder Sekani und ihrem Halbbruder Seven, dessen leibliche Mutter die Geliebte des größten Drogenbosses des Viertels ist. Ihr Onkel Carlos ist ebenfalls Polizist und zeigt uns, dass es keine „Seiten“ sondern nur Menschen gibt.

Außerdem treten noch Kenya, leibliche Tochter des Drogenbosses und DeVante, ein junger Dealer, er aus dem Geschäft aussteigen will, auf.

All diese vielen Charaktere werden durch Angie Thomas Erzählstil, ihre Gespräche und die kleinen, detailreichen Infos zu lebendigen Menschen, zu Freunden und Feinden. Auch wenn ich über Starrs Vater manchmal nur den Kopf schütteln konnte und die Begeisterung für Sneaker und Basketball nicht nachvollziehen kann – ich habe mich mit Starr wie ein Teil dieser Welt gefühlt. Wie ein Teil von Garden Heights und der schwarzen Community. Und das als weißes Mädchen, das im idyllischen Allgäu aufgewachsen ist und bis zu ihrem Grundschulalter nur eine dunkelhäutige Person kannte. Natürlich spielt dieses Geschichte in Amerika und ich weiß nicht inwiefern man überhaupt Deutschland und Amerika in dieser Hinsicht vergleichen kann. Jedoch wurde mir klar, dass es durchaus viele Unterschiede gibt, viele Dinge, die uns unverständlich erscheinen, aber auf ihre Weise bezaubernd und cool sind z.B. der gemeinschaftliche Zusammenheit, das politische Wissen & Engagement von Starrs Familie. Dinge, die einem als verwöhntes weißes Dorfkind, in dem Alter noch ganz fremd waren.

Inhaltlich ist das Buch brisant wie nie. Auf der ganzen Welt machen rechtsgesinnte Personen Lärm und es fühlt sich manchmal nicht an, als wären wir in 2017 und hätten Apartheid, Sklaverei und die schlimmste Zeit des Rassismus hinter uns. Rassismus, Tokenismus und all diese Dinge sind real und sie schmerzen. Kleine Worte, unbedachte Aussagen und die Weigerung einer großen Mehrheit der weißen, priviligierten Gesellschaft diese herrschenden Unterschiede zu sehen, führen eher dazu, dass wir uns als Gesellschaft wieder zurückentwickeln. Dabei wollen alle Menschen dasselbe: Eine liebevolle Familie, Sicherheit und das Nötigste zum Leben. Aber nicht nur Rassismus und die Frage nach Recht und Unrecht spielen in diesem Buch eine Rolle. Ich denke, The Hate U Give ist viel zeitloser, denn es geht auch um Selbstfindung, Identität, Dankbarkeit, darum toxische Freunde ziehen zu lassen, um die eigene Stimme und die Bedeutung von Mut, Familie und Liebe. All diese Themen untergebracht in einer spannenden und emotional bewegenden Geschichte, die uns mitreißt und uns betroffen, wütend und traurig macht. Angie Thomas ist es gelungen schwierige Themen in ein fesselndes Jugendbuch zu verpacken und Facetten zu zeichnen. Grautöne und kein Schwarz & Weiß. Wir haben „gute“ Cops und „böse“ Cops, wir haben „gute“ weiße und schwarze Personen und wir haben „böse“ weiße und schwarze Personen. Es ist kein Buch, das wütend mit dem Finger zeigt und beschuldigt. Es ist ein Buch, das stattdessen Doppelmoral aufdeckt, das die richtigen Fragen stellt und die richtigen Beobachtungen macht. Es zeigt, wie blauäugig und ignorant wir manchmal sind und wie wenig uns oft bewusst ist, wie es in einem anderen Teil der Gesellschaft aussieht. Es hat mich oft sehr nachdenklich gestimmt und mich über mein eigenes Verhalten nachdenken lassen.

Das Ende hat mir gut gefallen, es hat gepasst und es wirkte real und hoffnungsvoll, wenngleich nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen ist. Es war ein Ausschnitt aus Starrs Leben, den wir begleiten durften, eine Geschichte die erzählt wurde und erzählt werden musste.

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Fazit:

Für mich ist der Hype absolut gerechtfertigt. „The Hate U Give“ ist eine packende, brisante Geschichte, verpackt in eine zeitlose Geschichte mit vielen wichtigen Botschaften. Angie Thomas beweist durch ihre Erzählung und ihre Charaktere ein unfassbar hohes Maß an Sensibilität, an Beobachtungsgabe und Einfühlungsvermögen. Sie schließt nicht verbittert ab, sondern hoffnungsvoll und motivierend. Ich habe Starrs Stimme gehört und ich hoffe, dass ganz viele Leute dieses Buch lesen und auch den Ruf vernehmen, den unsere mutige Heldin Starr in die Welt hinausschreit.

Ich gebe diesem Buch 5 Seesterne. Ich könnte zwar Abzüge wegen Schreibstil und einigen klischeehaften Charakteren geben, aber das möchte ich nicht. Denn die Geschichte und die Botschaft sind das wichtige und das einzigartige an diesem Buch. Wäre ich eine Deutschlehrerin würde ich es auf jeden Fall mit in meinen Lehrplan aufnehmen. Lest es, wenn ihr die Zeit findet. Lest es.

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Weitere Meinungen zum Buch:

 


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