Schlagwort: mental health

[Rezension] Alles. Nichts. Und ganz viel dazwischen von Ava Reed

[Rezension] Alles. Nichts. Und ganz viel dazwischen von Ava Reed

[Rezension] Alles. Nichts. Und ganz viel dazwischen von Ava Reed

Ich betreue in unserem Buchladen u.a. das Kinder- und Jugendbuchregal. Gerne hole ich mir dabei Inspiration von Booktube, Bookstagram und Booktwitter. Melody Of Books schaue ich schon lange, wenn auch eher unregelmäßig. In ihrem Lesemonat März stellte sie ein paar Bücher vor und eines, das ich ohnenhin schon auf dem Schirm hatte. Ihr habt es geahnt: „Alles. Nichts. Und ganz viel dazwischen“ von Ava Reed. Also bestellte ich es für die Buchhandlung, schmökerte rein, kaufte es und schmökerte es am selben Tag zu Ende.


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  • Titel: Alles. Nichts. Und ganz viel dazwischen.
  • Autorin: Ava Reed
  • Verlag: ueberreuter
  • Genre: Jugendbuch, psychische Gesundheit
  • 320 Seiten, E-Book: 14,99€ | geb.: 16,95€
  • auf amazon* kaufen

 

Worum geht’s?
Leni ist eine ganz normale Jugendliche, glücklich mit Freunden und auf dem Weg zum Abitur. Doch im letzten Schuljahr passiert etwas, dass Lenis Gefühle durcheinander würfelt. Plötzlich ist da Leere, Traurigkeit und jede Menge Angst. Es wird ein Spießrutenlauf bis Leni endlich die Therapie bekommt, die sie braucht. Doch die Angststörung klammert und Leni hat sich festgefahren in ihren Mustern. Erst als Matti in die Klinik kommt, beginnt Leni, sich zu verändern.


Meine Meinung:

Vorweg eine kleine Triggerwarnung, die sich auch im Buch findet: Das Buch behandelt Themen wie psychische und körperliche Erkrankungen, Depression, Panikattacken und den Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik.

Das Buch besticht zuerst natürlich durch das wundervolle Design. Die Farben, Lichter und Gestaltung ist wunderschön. Innen drin sind vereinzelt Tagebucheinträge, die von Ava Reed selbst geschrieben und illustriert wurden. Das verleiht dem Buch noch eine Spur mehr Realität. Tatsächlich ist auch Lenis Geschichte selbst so erschreckend(?) real.

Ava Reed hat Lenis Entwicklung sehr gut dargestellt. Als Leserin fühlte ich mich Leni so nah, hab mitgelitten und für sie gehofft. Angsstörungen sind neben Depressionen die am häufigsten diagnostizierten psychischen Erkrankungen. Wie auch im Buch gehen sie oft Hand in Hand, im Fachjargon nennt man das „komorbid“. Die Beschreibungen von Lenis Gefühlen und Ängsten fühlten sich sehr glaubwürdig an. Sowohl aus persönlicher Perspektive als auch mit meinem kritischen Psychologie-Studi-Blick.

Dass das Buch sehr persönlich ist, auch wenn die Geschichte von Leni erfunden ist, kann man im Nachwort lesen. Auch dieses Nachwort enthält nochmal wichtige Botschaften und ermutigt, sich Hilfe zu suchen. So eine Art Nachsorge finde ich bei Büchern zu solchen Themen unfassbar wichtig.

Lenis Spirale

Wir starten mit Leni als fröhlichem Mädchen mit Freunden und dem Weg zum Abitur. Doch dann kommt die Angst. Übel, Schwindel, Panikattacken. Ihr Umfeld ist machtlos, doch ihre Eltern sind sehr engagiert, kümmern sich aufopferungsvoll und besuchen mit ihr mehrere Ärzte. Da gab es ein paar echte Idioten, die Leni nicht ernst nahmen und mich beim Lesen so wütend gemacht haben. Doch Ava Reeds Ziel war es nicht, Ärzte oder Psychologen zu verunglimpfen. Denn es gibt sie, die Lenis Problem erkennen und sie bestärken, die sich kümmern und auskennen. Sie bekommt ihre Diagnose – und damit beginnt die zweite große Hälfte des Buches.

Leni kommt in eine Klinik, in der sie andere Jugendliche trifft, die ähnliche Probleme haben. Anna, die Depressionen hat und Philip, der an Magersucht leidet und aufgrund seiner Homosexualität starke Selbstwertproblem entwickelt hat. Beide sind für meinen Geschmack etwas kurz gekommen. Sie haben zwar wichtige Schlüsseldialoge mit Leni, wir erfahren auch am Ende wie es mit ihnen weiterging, aber mehr so im Nebensatz. Das fand ich sehr schade.

Matti hingegen kommt in die Klinik, weil er sich mit Rasierklingen geschnitten hat. Nicht, weil er sich umbringen wollte, sondern weil er an einer seltenen Erkrankung leidet. Diese lässt ihn weder Schmerz, noch Hitze und Kälte fühlen. Aus Angst, dass er sich verletzt, lässt ihn seine überfürsorgliche Mutter kaum aus dem Haus. Kaum in der Klinik will Matti endlich die Chance nutzen und die Welt erkunden. Er unternimmt einen Fluchtversuch, wird jedoch zufällig von Leni gefunden. Die beiden werden erwischt und bekommen ordentlich Ärger.

Matti sagt einige sehr unsensible Dinge zu Leni, doch in der gemeinsamen Zeit entwickeln sie mehr Verständnis füreinander. Auch wenn die Klinik nicht als Ort des Grauens dargestellt wird, wenn das behandelnde Personal nett und fürsorglich ist – Mattis Entschluss steht fest. Er will raus aus dieser Klinik. Und ein Teil von Leni möchte mit. Die Zeit in der Klinik ist durch Aufs und Abs geprägt, durch interessante Gespräche und Selbsterkenntnis.

Matti will Meer

Die Psychologin von mir und auch mein braves Ich halten das für die beschissenste Idee überhaupt. Ich hatte auch ehrlich Sorge, dass die beiden sich verlieben, diese Reise unternehmen und danach auf magische Weise geheilt sind. Doch das passiert nicht. Fettes Danke an Ava Reed. Wie das Buch weitergeht, werde ich an dieser Stelle natürlich nicht verraten. Nur soviel: Auch, wenn einige eher unrealistische Dinge passieren, lösen sich die Krankheiten und Probleme nicht in Luft auf. Aber der Kurs steht auf Hoffnung.

Insgesamt fand ich die Geschichte unglaublich gut. Ich habe das Buch an einem Tag gelesen, das sagt auch einiges aus. Der Schreibstil ist angenehm lesbar. Die Geschichte wirkt persönlich, emotional und ist doch behutsam erzählt. Ava Reed hat mit diesem Buch ihr Fingerspitzengefühl und Emotion bewiesen. Für ein jüngeres Publikum ist dieses Buch wunderbar geeignet, um psychische Erkrankungen besser zu verstehen. Um die Angst davor zu nehmen. Um sich ermutigt zu fühlen, Hilfe zu suchen und sich seinen Freunden anzuvertrauen. Und das sind unfassbar wichtige Botschaften!

 

Fazit:

Danke, Ava Reed, für dieses Buch. Die einfühlsam erzählte Geschichte von Leni, ihrer Angsstörung und dem Weg der Besserung bieten einen tiefen Einblick in eine jugendliche Seele. Das Buch erzählt eine wichtige Geschichte auf unterhaltsame und doch sensible Art und Weise. Nicht alles an dem Buch ist total realistisch, vieles ist hoffnungsvoll und ein bisschen idealisiert worden. Doch es ist real genug, um zu berühren und zu bewegen. Und fantasievoll genug, um Hoffnung zu schenken und das schwere Thema angenehm aufzuarbeiten. Lediglich von den Nebencharakteren, die mir etwas zu sehr instrumentalisiert wurden, hätte ich mir mehr gewünscht. Von mir gibt es 4 Sterne und eine dicke Leseempfehlung!

 

Weitere Meinungen:

 


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[Rezension] Psyche? Hat doch jeder! von Lena Kuhlmann

[Rezension] Psyche? Hat doch jeder! von Lena Kuhlmann

Eine bloggende Psychotherapeutin? Irgendwie schäme ich mich ja schon, dass ich noch nicht früher über Lena Kuhlmann von freudmich gestolpert bin. Im Urlaub hat mir eine Bekannte von dem Buch vorgeschwärmt:

„Sag mal, Babsi, du studierst doch auch Psychologie, oder? Was hältst du von diesem Buch? Ich fand das soooo toll!

Ich habe mir den Klappentext durchgelesen, ein bisschen reingeblättert und war ziemlich angetan. Ein Psychologie Buch? Von einer jungen Autorin? Nicht über-esoterisch? Nicht reißerisch gegen Internet oder die Jugend von heute? Heureka!

Kaum war ich zuhause, flatterte auch schon eine Mail von der bezaubernden Anabelle (Stehlblüten) herein, die bei Eden Books ein Praktikum macht und bei dem Buch an mich denken musste. So habe ich dann ein Rezensionsexemplar und ein Buch zum Verlosen bekommen. Dankeschön!

Warum zur Hölle auf dem Bild oben eine Banane liegt und wie ihr ein Exemplar von diesem Buch gewinnen könnt, verrate ich euch am Ende des Beitrags!

Lena Kuhlmann: Psyche? Hat doch jeder!


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  • Titel: Psyche? Hat doch jeder
  • Autorin: Lena Kuhlmann
  • Verlag: Eden Books
  • Genre: Sachbuch, Psychologie
  • 256 Seiten, Ebook: 12,99€ | Paperback: 16,95€
  • auf amazon* anschauen

 

Worum geht’s?
Psychotherapeutin und Bloggerin Lena Kuhlmann will aufklären, hartnäckige Vorurteile aus der Welt schaffen und informieren. Über Psychotherapeuten, Depressionen, psychische Erkrankungen und alles drumherum. Liegt man apathisch und auf der Couch und spricht nur von seinen Eltern? Denkste! Wie spannend und vielseitig Psychologie ist und warum Schokolade zwar lecker ist, aber eben leider keine Depressionen heilt – all das erklärt Lena Kuhlmann in diesem Buch.


Meine Meinung:

Vorneweg: Ich fange in ca. einem Monat meinen Master in Psychologie an – für mich standen in dem Buch fast ausschließlich Dinge, die ich schon wusste. Für die meisten mag das Buch aber vor allem neue Erkenntnisse und Aha-Effekte beinhalten. 😉

Wir beginnen mit den Basics: Wie ist die Psychologie entstanden, welche Richtungen gibt es und wie unterscheiden die sich. Im zweiten Themenbereich geht es um Psychotherapeut, Psychologe, Psychosomatiker, Heilpraktiker. Behandlung mit oder ohne Medikamenten, Hilfe für Betroffene und Angehörige und die gängingen Krankheitsbilder. Zum Schluss gibt es noch einen Blick hinter die Kulissen der Psychotherapeuten.

Was mir besonders gut gefällt: Neben den Klassikern – Freud, Piaget, Bandura – bezieht Lena Kuhlmann auch soziale Medien, aktuelle Studien und Entwicklungen mit ein,  ohne sie zu verurteilen (wie es Manfred Spitzer gerne tut). Hintergrundwissen und Studien finde ich auch bei Sachbüchern unverzichtbar.

Für mich ist das einfach ein Zeichen von Qualität, denn viele Bücher rund ums Thema Geist und Gehirn sind gerne mal esoterische Meinungsbilder ohne wirkliche Fakten. In diesem Buch finden wir stattdessen Fachwissen, Fakten, angereichert mit persönlichen Erfahrungen aus dem Psychotherapie-Alltag.

Du psycho, ich psycho, alle psycho.

Nicht zu ausführlich und doch ausführlich genug werden die verschiedenen Therapierichtungen, die Geschichte der Psychologie und einzelne Krankheitsbilder beleuchtet. Das Buch dient als Überblick und schneidet die meisten Themen nur an. Zwar verstecken sich viele Weisheiten, hilfreiche Gedankenanstöße und einige Therapieansätze darin, aber wer sich genauer über ein bestimmtes Störungsbild informieren will, der muss noch weitere Bücher kaufen.

Dieses Buch sagt alles, was ich in meiner Litcamp Session angesprochen habe, nochmal geordneter, ein bisschen ausführlicher und kompakt zum Nachlesen. Im Bachelor Psychologie hat man unter anderem Wahrnehmungspsychologie, Motivation & Emotion, Entwicklungspsychologie, Psychopathologie, Gesundheitspsychologie und klinische Psychologie. Papageno-Effekt, Werther-Effekt, Übetragung, Kleiner Albert… Alle diese Bereiche werden im Buch zumindest angeschnitten und einige Worte dazu gesagt. Das finde ich für ein Buch mit knapp 256 Seiten echt beachtlich! (Lena Kuhlmann kann sich definitiv kürzer fassen als ich, hihi!)

Serotonin beim Lesen!

Und deswegen macht mich dieses Buch auch so rundum zufrieden und glücklich. Als Betroffene von Depressionen und Psychologie Studentin kann ich dieses Buch guten Gewissens absegnen und weiterempfehlen. Denn es klärt auf und baut Vorurteile ab, räumt mit Missverständnissen auf und gibt genug Einblick in die Marterie um ein Grundgefühl zu bekommen.

Dazu ist es schön gestaltet, sinnvoll und übersichtlich in kleine Wissenshäppchen gegliedert und gut geschrieben. Neben vollendeten Tatsachen gibt Lena Kuhlmann kein Allheilmittel – denn das gibt es nicht – sondern gibt viele Gedankenanstöße.

Da ich auch schon viele fragwürdige Bücher von Psycholog*innen gelesen habe bzw. seltsame Meinungen und Persönlichkeiten getroffen habe, bin ich zuversichtlich, dass Lena Kuhlmann mit ihrem Buch und ihrem Blog gute Arbeit leistet. Hirn, Herz und Gefühle stehen in diesem Buch im Vordergrund, nicht die Person hinter dem Buch.

Außerdem teile ich viele Ansichten der Autorin – denn sie schreckt nicht davor, auch ganz klar die Probleme beim Namen zu nennen: Die ewig langen Wartezeiten, die miesen Bedingungen bei der Ausbildung zum Psychotherapeuten. Genauso wie sie wünsche ich mir, dass die Menschen irgendwann so selbstverständlich und regelmäßig zum Psychologen gehen können wie zum Hausarzt. Denn immer erst dann helfen, wenn es eigentlich schon richtig schlimm ist – da sind wir uns wohl alle einig – ist nicht so prickelnd. Auch VR Brillen zur Angstexposition kann ich mir gut vorstellen!

Versprochen ist versprochen

Kommen wir nun zum Hintergrund des doch leicht befremdlichen Fotos und zum Gewinnspiel!

Schrauben locker? Nicht mehr alle Tassen im Schrank? Vollkommen Banane? – Ja, die Gegenstände auf dem Foto wirken neben dem Buch auf den ersten Blick etwas deplatziert und willkürlich. Andererseits haben wir ziemlich viele Synonyme fürs „verrückt sein“ – aber hey, wer von euch würde sich als vollkommen normal bezeichnen?

Außerdem ist die Bananen tatsächlich ein kleiner Insider für alle, die in Bamberg studieren und die Vorlesung bei Professor Carbon besuchen. Seine Folien zur Gestaltpsychologie inklusive mühevoll ausgewählter Schnappschüsse von Bananen (wegen dem nervigen Copyright bei Stockfotos etc!) sind wohl legendär. Banane im Dunkeln, Banane hinterm Wasserglas, Banane von oben, Banane in rot, Banane in schwarz-weiß… Liebe Grüße an dieser Stelle!

Das Gewinnspiel ist diesmal exklusiv auf Instagram zu finden!

Fazit:

Danke Lena Kuhlmann! Dieses Buch war dringend überfällig. Verständlich, unterhaltsam, kompakt – die wichtigsten Basics, das wichtigste Wissen über psychologische Grundlagen in einem schmucken Buch verpackt. Ich würde mir wünschen, dass dieses Buch zum Kanon gehört. Jedenfalls, wenn ich mir die Leute anschaue, die noch Witze über Suizide machen oder Menschen mit psychischen Erkrankungen raten „Sie sollen sich zusammenreißen“.

Allgemeinwissen für jeden. Jeeeeeeedeeeeen. Ja, auch für dich. Wer sich schon mit Psychologie und psychischen Erkrankungen auseinandergesetzt hat oder gar Psychologie studiert, der wird in dem Buch eher bestätigend nicken und laut „Ja“ ausrufen, als Neues zu lernen. Aber das ist auch mal ganz schön. Volle Punktzahl von mir für dieses Buch!

Zusätzlich möchte ich mich dem Ende des Buches anschließen und diesen Beitrag nicht mit einem Punkt, sondern mit einem Zeichen der Mental Health Bewegung und der Hoffnung abschließen ;

Weitere Meinungen:


mit * gekennzeichnete Links sind affiliate Links des amazon Partnerprogramms. Falls ihr ein Produkt über den Link kauft, entstehen für euch keinerlei Mehrkosten, ich erhalte jedoch einen kleinen Anteil als Provision.

Video: Depressionen #fuckdepression #WSPD17

Video: Depressionen #fuckdepression #WSPD17

Heute ist #WorldSuicidePreventionDay – Statistisch gesehen stirbt alle 40 Sekunden ein Mensch durch Suizid.

Bei vielen Leuten sind Depressionen ein Grund. Aber Depressionen sind gut behandelbar und es macht mich traurig, wenn die Krankheit nicht ernst genommen wird, wenn Leute das Gefühl haben, sich für ihre Empfindungen schämen zu müssen.

Ich habe zwei Videos zu diesem Thema vorbereitet. Im ersten Teil geht es um das Krankheitsbild, wie sich Leute mit Depressionen fühlen, was es bedeutet, daran zu leiden.

Im zweiten Teil geht es um die Behandlung, die Entstehung aber auch die Prävention von Depressionen.

Du bist nicht allein. Du bist mehr als deine Krankheit.

Was wirklich zählt…

Was wirklich zählt…

Triggerwarnung: Suizid

Titebild by Ian Schneider on Unsplash

In der Prüfungsphase bin ich nervlich immer ein bisschen angeschlagen. Ich mache mir selbst viel Druck, da ich mein Studium gut schaffen will. Hinzu kommt eine unfassbar große Menge an Fachwissen, die ich mir einverleiben darf. Vieles davon lerne ich nur für die Prüfung – danach brauche ich es vermutlich nie wieder. In solchen Momenten werde ich oft ein bisschen wehleidig und jammere viel, zweifle daran, warum ich überhaupt studiere und nicht einfach das mache, was mir Spaß macht – schreiben, bloggen, Youtube und jeden Tag ausschlafen. Das ist natürlich auch Arbeit, aber ich fühle mich besser währenddessen. Vermutlich weil man etwas erschafft und direkt ernten kann, was man gesäht hat.

„Stacking up problems that are so unnecessary
Wish that I could slow things down
I wanna let go, but there’s comfort in the panic

And I drive myself crazy“

  • Heavy (Linkin Park ft. Kiiara)

Ich war noch nie jemand, der Schule viel abgewinnen konnte. Ich hatte das Glück nie viel lernen zu müssen, weil ich mich auch so durchmogeln konnte. Schlechte schriftliche Noten habe ich durch mündliche Beiträge ausgeglichen, denn ich diskutiere gerne, trage Informationen vor und gebe Wissen weiter. Fakten stumpf auf ein platt Papier zu replizieren und einen Punkt abgezogen zu bekommen, da man anstatt des gesuchten Fachbegriffs ein gleichwertiges Synonym hingeschrieben hat – dem habe ich nie viel abgewinnen können.

Dass sich das im Studium leider nicht grundsätzlich ändert, entmutigt mich immer wieder. Ich würde mich selbst als kreativen und einigermaßen sensiblen Menschen beschreiben – ich mag es Leuten zuzuhören und gemeinsam mit ihnen Probleme zu lösen und kreative Wege zu finden, wie sie mit ihrer aktuellen Situation besser klarkommen. Das möchte ich später als Psychologe auch unbedingt umsetzen. Aber das ist es, was ich wirklich will. Was für mich zählt. Deshalb habe ich mein Studium auch noch nicht hingeworfen. Ich habe ein Ziel vor Augen, das für mich zählt.

Dafür muss ich einige Dinge lernen, die meiner Meinung nach weniger relevant sind – welche Sitzposition in einem Bewerbungsgespräch offener wirkt, wie man Arbeits-, Organsisations- und Wirtschaftspsychologie unterscheidet, welcher Pausenrhythmus Arbeiter besonders effektiv macht…

Im Licht der vergangenen Tage wirken solche Sachen banal und unwichtig.

Wie viele von euch mitbekommen haben, hat sich der Sänger von Linkin Park Chester Bennington mit 41 Jahren das Leben genommen. Er hat seine Traumata in seinen Songs verarbeitet, offen über seine psychischen Probleme geredet – und hat dennoch nun diesen Schritt getan. Als Außenstehender wird man niemals verstehen, was letztendlich in genau dieser Situation genau dieser Person, den letzten Impuls gegeben hat. Niemand kann hineinschauen, niemand kann von sich behaupten vielleicht anders gehandelt zu haben, denn – auch wenn man Erfahrungen mit suizidalen Gedanken, Depressionen oder gar einem Selbstmordversuch gemacht hat – jeder Kopf ist anders. Wir können mitfühlen, wie sehr es schmerzen muss, aber wir werden es niemals auf genau dieselbe Weise spüren wie die betroffene Person selbst.

 

 

Aber es macht mich dennoch betroffen und traurig. Auch, wenn ich als Psychologe nicht den Mediziner-Eid ablege, so schreibt man es sich doch auf die Fahne, wenn man in die klinische, therapeutische Richtung gehen möchte. Jedes solche Schicksal wirkt dann wie ein verlorener Kampf. Das Leben ist kostbar. Aber wir alle wissen, wie schwer und hart es manchmal sein kann. Selbst psychisch gesunde Menschen werden irgendwann in ihrem Leben, zumindest für einen winzigen Augenblick, daran gedacht haben, wie es wäre zu sterben. Im Angesicht solcher Tragödien werden die Dinge des Alltags unglaublich klein. Noten, Abschlüsse, Besitztümer. Das alles macht das Leben vielleicht manchmal schöner, aber auch schwerer. Man besinnt sich zurück. Und ist es nicht tragisch, dass man dazu so eine schreckliche Nachricht braucht?

„I wanna heal, I wanna feel, what I thought was never real
I wanna let go of the pain I’ve felt so long

I wanna heal, I wanna feel, like I’m close to something real
I wanna find something I’ve wanted all along
Somewhere I belong“

  • Somewhere I belong (Linkin Park)

Was wirklich zählt, sind die Menschen um uns herum. Familie, Freunde, Leute, mit denen wir Interessen, gute Zeiten und schlechte Zeiten teilen. Das zu tun, was man liebt – auch wenn es manchmal erfordert, dass man sinnlose Formulierungen in seinen Kopf prügelt. Darüber zu schreiben und mit lieben Menschen zu reden, hilft mir meine Last weiterzutragen. Was hilft euch in finsteren Momenten? Es tut gut, sich das irgendwo festzuhalten – immer ein Notizbuch parat, in das ihr Fotos, Kinokarten, Autogramme, Bilder o.Ä. kleben könnt. Dinge, die euch daran erinnern, dass es schonmal bessere Zeiten gab und wieder geben wird. Denn wenn der kleine Teufel auf der Schulter einem böse, vernichtende Dinge ins Ohr flüstert, vergisst man gerne, was man bisher erlebt und erreicht hat. „Glücklich sein“ wirkt dann wie ein ferner, nie dagewesener Begriff und man beginnt alles zu hinterfragen.

In der Prüfungsphase zweifele ich oft. An meiner Intelligenz, meinem Wert als Mensch, meiner Disziplin, meinen Fähigkeiten und ob ich überhaupt dafür geeignet bin, Leuten zu helfen, wo ich mir doch so oft selbst nicht helfen kann. Aber das ist nur die eine Seite. Die andere Seite, die gerne in Vergessenheit gerät, die weiß, was ich alles bewirken kann. Ich möchte gar nicht Mutter Theresa werden oder Wunder vollbringen, ich möchte tun, woran ich glaube und den Menschen um mich herum, Zeit und Liebe schenken. Und wenn ich mal strauchele weiß ich, sind sie für mich da.

Danke, dass ich mir das von der Seele schreiben durfte.


Wenn ihr euch selbst vom Gewicht der Welt erschlagen fühlt, als würde alles keinen Sinn mehr machen, als wärt ihr nur eine Last, als wärt ihr allein, niemand würde euch verstehen, niemand könne euch helfen – dann, bitte ich euch, sucht euch Hilfe. Streck nochmal die Hand aus. Die Entscheidung für den Tod ist endgültig, die Entscheidung für das Leben niemals.

Telefonnummern der Telefonseelsorge:

  • 0800/111 0 111
  • 0800/111 0 222
  • 116 123

Die Telefonseelsorge bietet sowohl Beratung per Mail, als auch per Chat, wenn ihr nicht anrufen möchtet.

Wenn ihr euch in akuter Gefährdung befindet, vielleicht Angst habt, vor dem, was ihr euch selbst antun könntet, könnt ihr außerdem die 110 wählen oder euch in der Notaufnahme vorstellen. Niemand wird euch in irgendeine Station einsperren, in der ihr kein Tageslicht seht. Auch wenn es im Krankenhaus manchmal hektisch und rabiat zugeht, wird euch Hilfe zuteil.